Szene aus "Mayilaa" von Semmalar Annam (© Newton Cinema)

Der Schrei der Pfauenhenne: Das 43. Frauen Film Fest Köln+Dortmund

Das 43. Internationale Frauen Film Fest in Köln (22.-26.4.2026) präsentierte alternative Frauenbilder und feierte Filme, in denen die Emanzipation vorangetrieben wird

Aktualisiert am
07.05.2026 - 09:26:16
Diskussion

Die Stimmung war gut, die Kinosäle waren oft bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Mix aus feministischer Filmkultur, Debatten über die Zukunft von Frauen im Film und in der gesellschaftlichen Realität sowie ein lustvoller Happening-Charakter machen den Erfolg des 43. Frauen Film Fest in Köln aus.

 

In den Foyers der Kölner Festivalkinos ging es lebendig und unbeschreiblich weiblich zur Sache: Filmregisseurinnen, Dokumentarfilmerinnen, Bildgestalterinnen und Festivalkuratorinnen trafen auf ein cineastisch interessiertes Publikum. Im Anschluss an die 83 Festivalfilme wurde schon im Kinosaal kämpferisch debattiert. Die Qualität sorgfältig kuratierter Filmprogramme, die Netzwerkarbeit in der Filmbranche und die Kooperation mit feministischen Projekten und Ausbildungsstätten bescherten dem Festival „steigenden Zuspruch“, freute sich Maxa Zoller, die künstlerische Leiterin des Internationalen Frauen Film Fest Köln+Dortmund (IFFF).

"God Will Not Help"
"God Will Not Help" (© Kinorama)

 

Im Wettbewerb der 43. Ausgabe (22.-26.4.2026) liefen acht Filme junger Regisseurinnen, die aus insgesamt 250 Debüt- und Zweitwerken ausgewählt worden waren. Den Hauptpreis in Höhe von 10.000 Euro gewann die kroatische Regisseurin Hana Jušić mit ihrem Spielfilm „God Will Not Help“ (2025). Zwei rebellische Frauenfiguren hat es darin in eine karge Landschaft inmitten der kroatischen Berge verschlagen. Die Figuren wie auch ihr Umfeld scheinen wie aus Raum und Zeit gefallen. Die Männer wollen nach überkommenem patriarchalischem Muster Kontrolle und Besitz ausüben, insbesondere über die Frauen. Die Fremden und die Einheimischen verstehen einander nicht, weder sprachlich noch kulturell. Damit bricht der Geschlechterkampf aus, den Jušić im Westernstil inszeniert. All das erinnert an eine Hexenjagd – und am Ende auch an Hexenwerk. Die Jury lobte „eine filmische Sprache von großer Präzision und Klarheit“, auch wenn der Film inhaltlich eher von einer Art intuitivem weiblichem Widerstand zeugt.

 

Wer keine Gürteltiere kennt

Lobend erwähnte die Jury den Debütfilm „Nunkui“ (2026) der ecuadorianischen Regisseurin Verenice Benítez. Darin geht es um das Leben in einer üppigen Dschungellandschaft mit geheimnisvollen Geräuschen und um die 13-jährige Protagonistin Nunkui. Die lebt bei ihrem Großvater, der von Domingo Ankuash gespielt wird, einem indigenen Aktivisten im Kampf gegen die Zerstörung der Natur. Nunkui, die über Städter lästert, weil die nicht einmal Gürteltiere kennen, wächst in den Widerstand gegen die transnationalen Bergbaukonzerne hinein, welche die Bevölkerung vertreiben und deren Siedlungsgebiet zerstören wollen. Mit viel Zivilcourage lehnt sie kleine Geschenke der Konzerne ab, weigert sich aber auch, ein Loblied auf die korrupte Regierung von Ecuador zu singen, die sich der kapitalistischen Expansion verschrieben hat.

Das Publikum feierte insbesondere den Film „Mayilaa“ von Semmalar Annam, der vom Kampf um Frauenbefreiung, Unabhängigkeit und gegen Armut handelt. Das Schimpfen und Toben eines chauvinistischen Mannes ist darin nur hinter der verschlossenen Tür zu hören. Ein selbstbestimmtes Leben ist auf diese Weise kaum möglich. Dennoch lamentiert der Film nicht über das Dasein einer Tagelöhnerin, die Metallreste aus giftigem Sand sortiert. Mit Ironie und Witz schildert Annam den glücklosen Weg der Protagonistin in die Selbstständigkeit; sie probiert es als Strohmatten-Verkäuferin und klappert auf dem Moped die umliegenden Dörfer ab. Doch niemand braucht Strohmatten.

Niemand braucht Strohmatten: "Mayilaa"
Niemand braucht Strohmatten: "Mayilaa" (© Newton Cinema)

 

Mit subtilem Hintersinn erzählt der Film vom hartnäckigen Kampf weg vom Mann, hinein in eine Frauengemeinschaft, die unterstützend wirkt. Die eher sanfte Mayilaa läuft dabei in Trance zur Höchstform auf und verwandelt sich in eine wutschnaubende Furie, was selbst ihre eigene Tochter erschreckt. In Indien heißt das „Peahens crying“, „Schrei der Pfauenhenne“, bei dem es um eine Selbstbefreiung geht, bei der frau auch mal so richtig ausrasten darf. „Frauen in Indien haben oft zwei Gesichter“, verriet die Regisseurin im Interview. Frage man sie nach der Trennung von ihrem Mann, laute die Antwort gesellschaftskonform: „Ach, was bin ich traurig.“ Ist eine Frau aber in Trance, kommt die Wahrheit ans Licht: „Wie gut, dass ich ihn los bin, endlich kann ich machen, was ich will.“ Mit „Mayilaa“ plädiert Annam eindrucksvoll dafür, den Kreislauf des Schweigens und der Unterdrückung zu durchbrechen.

 

Statt Geld gibt es BHs

Der Kampf um Unabhängigkeit im feministischen Sinne spielt auch in „One Woman One Bra“ von Vincho Nchogu eine zentrale Rolle. Es geht um den Besitz von fruchtbarem Land und einem eigenen Zuhause. In der kenianischen Ortschaft Sayit werden erstmals Eigentumsurkunden für das Land vergeben, jedoch nur an Familien. Für die ledige Star (Sarah Karei), die ihre Eltern nicht kennt, ist das ein Problem. Sie fürchtet eine Zwangsräumung und setzt ihre Hoffnung auf eine eher fragwürdige NGO, die sehr eigene Vorstellungen davon hat, wie sie Frauen vor Ort am besten unterstützen kann. Statt des erhofften Geldes finden sich BHs in den Briefen, jeweils einer für jede Frau. Doch dafür interessiert sich niemand. Star recherchiert verzweifelt nach ihrer Mutter, doch keine der Frauen aus der Ortschaft will ihr dabei helfen. Eine Möglichkeit, um die wichtige Urkunde dennoch zu erhalten, wäre eine Scheinehe. Ein entsprechender Kandidat ist bald gefunden. Allerdings pocht der auf eine „richtige“ Ehe, was Stars Eigenständigkeit bedroht.

Sarah Karei in "One Woman One Bra"
Sarah Karei in "One Woman One Bra" (© Kilastory/Conceptified Media)

 

Es ist eine sarkastische Geschichte über die Schwierigkeiten einer Frau, die in einem rückständigen patriarchalischen System ihr Auskommen sucht. Auch „One Woman One Bra“ wurde in Köln gefeiert, wenngleich sich an ihm eine Debatte über fehlende Frauensolidarität entzündete. Star bekommt am Ende die Urkunde für ihr Haus zugesprochen. Doch will man unter solchen Umständen an so einem Ort leben? Der knallbunte Film wurde von Nchogu zusammen mit den Bewohnerinnen des Massai-Dorfes Nkosesia und den Frauen einer Wandertheatergruppe entwickelt. Die Tragikomödie wirft dabei Fragen auf, die nicht an die ostafrikanische Kultur gebunden sind. Etwa die nach der Frauensolidarität, die nicht vom Himmel fällt, sondern durch sozialpolitische Bildung erarbeitet werden muss. Fraglich ist auch, ob sich Solidarität in wirtschaftlich notleidenden Gesellschaften ungleich schwerer entwickelt als in Gesellschaften, in denen man um die materielle Existenz nicht bangen muss.

 

Viele Kontakte & Freundschaften

Mit seinen Filmen und Debatten eröffnete das 43. IFFF einen wertvollen Zugang zur Frage, wie der Prozess der Frauenemanzipation international organisiert und vorangetrieben werden kann. In den Kinos und beim anschließenden Zusammentreffen entstanden viele Kontakte, Freundschaften und Netzwerke. Im April 2027 wird das IFFF in Dortmund stattfinden. Den großen Erfolg bei den Zuschauerinnen erklärt sich Maxa Zoller damit, dass das Publikum „die gängigen, oft verzerrten Darstellungen von Frauen im Mainstream“ satthabe und auf ein Gegenprogramm setze. Wie beim Frauen Film Fest.

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