Harald Krassnitzer in „Der verlorene Mann“ (© Maverick Film)

Die reinste Form von Liebe: Ein Interview mit Harald Krassnitzer

Der österreichische Schauspieler Harald Krassnitzer im Gespräch über „Der verlorene Mann“ und seinen Zugang zur Rolle eines Demenzkranken

Aktualisiert am
12.05.2026 - 11:24:23
Diskussion

Der Österreicher Harald Krassnitzer ist als Schauspieler vor allem durch seine Rolle als „Tatort“-Ermittler Moritz Eisner berühmt geworden. Im Kino ist er jetzt in „Der verlorene Mann“ (Start: 7. Mai) als Demenzkranker zu erleben, der eines Tages wieder bei seiner Ex-Frau vor der Tür steht, da er sich nicht mehr an die Scheidung erinnert. Ein Gespräch über die Rolle, den persönlichen Zugang zum Demenz-Thema und die Vorzüge des Alters.

 

 

Sie spielen in „Der verlorene Mann“ einen Mann namens Kurt, der an Demenz erkrankt ist. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Harald Krassnitzer: Ich muss zunächst etwas vorausschicken: Dieser Film ist kein Film über Demenz. Sondern ein Liebesfilm. Ein Film über drei ältere Leute, die aufbrechen, um zu entdecken, was sie einmal aneinander hatten. Und die vielleicht auch ein paar Illusionen verloren haben. Wir singen im Verlauf des Films ein Lied von Rio Reiser: „Der Traum ist aus“. Der Text spielt auf ein Versprechen an, das sich unsere Generation gegeben hat: Nie wieder Krieg. Stattdessen „Frieden bei den Menschen und unter den Tieren“, wie es in der ersten Strophe heißt. Das ist der Traum, und für den müssen wir kämpfen – in unserem persönlichen Umfeld und auf der Welt. Keine Waffen, keine Kriege.

Die Realität sieht anders aus. Ist Ihre Generation gescheitert?

Krassnitzer: Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Wir stehen vor wirklich großen Herausforderungen. Meine Generation ist nach den Erfahrungen der Kriege und der mörderischen Ideologien des 20. Jahrhunderts angetreten, die Welt zu verändern und sie besser zu machen. Jetzt aber sehen wir, wie aus dem „Nie wieder“ ein „Na ja, mal schauen“ wird. Überall werden wieder Sündenböcke gesucht und Menschen ausgegrenzt.

 

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Gibt es etwas, das Ihnen dennoch Hoffnung macht?

Krassnitzer: Für mich sind das beispielsweise die Wahlen in Ungarn. Dort haben die Menschen mehrheitlich für einen Wandel gestimmt. Wir reden in unserer Gesellschaft wieder stärker über Gerechtigkeit, über die richtige Gesundheitspolitik, die richtige Bildungspolitik. Auch das macht Hoffnung. Es tut sich also etwas. Das hat auch mit dem zu tun, was uns gerade auf der Weltbühne umgibt.

Wie meinen Sie das?

Krassnitzer: Selten hat man erlebt, dass Macht so schnell an Glanz verloren  hat und sich als Wahnsinn entpuppt. Immer mehr Leute sagen: „Da mache ich nicht mehr mit.“ Ich bin sicher, dass ein Umschwung nicht von heute auf morgen geschieht und Erlösungsgeschichten ihre Zeit in Anspruch nehmen. Aber ich gehe davon aus, dass die nächste Generation daran sehr kräftig mitarbeiten wird.

Ein Liebesfilm: „Der verlorene Mann“
Ein Liebesfilm: „Der verlorene Mann“ (© Maverick Film)

 

Kommen wir auf Kurt zurück. Haben Sie durch die Rolle einen anderen Blick auf Demenz und den Umgang mit Erkrankten gewonnen?

Krassnitzer: Ich wusste darüber vorher schon etwas. Meine Mutter war demenziell erkrankt und ist vor Kurzem im 96. Lebensjahr verstorben. Einerseits wusste ich also, wohin die Reise geht. Andererseits habe ich an mir selbst gemerkt, wie sehr ich in vorgefassten Meinungen gefangen war.

Können Sie das näher beschreiben?

Krassnitzer: Ich habe gemerkt, wie schnell ich versucht habe, über Würde zu reden. Also: Wo beginnt die Würde von jemandem, der an Demenz erkrankt ist?

Was ist daran schlecht?

Krassnitzer: Dass über die Würde nicht die Menschen entscheiden, die erkrankt sind, sondern jene, die glauben, sie seien gesund. Würde man das Ganze umdrehen, hätte man einen völlig anderen Zugang zu den Erkrankten.

Haben Sie es für sich geschafft, die Perspektive zu wechseln?

Krassnitzer: Wenn meine Mutter meine Hand genommen hat oder ich ihre Hand gehalten habe, gab es immer einen Moment, in dem eine Strömung durch uns hindurchfloss, die eine ganz eindeutige Botschaft enthielt. Sie lautete: „Ich bin deine Mutter.“ Da kann man von Würde reden, solange man will. „Ich bin deine Mutter“ – nicht mehr und nicht weniger.

Die Demenz vereint Kurt wieder mit seiner Exfrau
Die Demenz vereint Kurt wieder mit seiner Exfrau (© Maverick Film)

 

Haben Sie Ihre Mutter in ihren letzten Monaten gepflegt?

Krassnitzer: Das allermeiste hat meine Schwester übernommen. Eines Tages dachte ich: Okay, ich werde sie mal für zwei, drei Tage entlasten. Am ersten Tag habe ich sie fortgeschickt und gesagt: „Komm, das ist alles Pipifax, das schaffe ich schon. Es ist ja nicht viel zu tun. Ich mache das Abendbrot und richte mich ein. Es kam dann natürlich alles ganz anders. Meine Mutter bekam eine Panikattacke. Sie hatte wohl irgendeine Erinnerung aus dem Krieg. Plötzlich verbarrikadierte sie die Türen. Ich scheiterte mit meinen Versuchen, sie zu beruhigen. Sie konnte mich nicht mehr als ihren Sohn erkennen, sondern sah in mir einen Angreifer. Ich merkte, wie ich die Geduld verlor, wie ich nicht mehr auf sie eingehen konnte und mein Ton autoritärer wurde. Geschrien habe ich nicht, aber ich wollte meine Mutter dazu bewegen, noch einmal ins Badezimmer zu gehen, um die Windel zu wechseln. Glücklicherweise kam meine Schwester nach Hause und hat alles befriedet.

Wie ist ihr das gelungen?

Krassnitzer: Es passierte etwas ganz Fantastisches, das ich mein Lebtag nie vergessen werde. Meine Schwester setzte sich mit meiner Mutter auf die Bettkante und streichelte ihr den Rücken: rauf und runter, rauf und runter. Ab und zu sagte sie ein zartes Wort. Nach einer halben Stunde änderte meine Mutter die Atemfrequenz. Eine Dankbarkeit lag in ihrem Blick, wie ich sie bei ihr noch nie erlebt hatte. Urplötzlich wurde mir klar: Das ist die reinste Form von Liebe, die ich jemals gesehen habe.

Also: Der Mensch ist mehr als sein Denken?

Krassnitzer: Wenn wir meine Mutter in der Schlussphase mit dem Rollstuhl ins Freie gefahren haben, hat sie automatisch den Kopf in die Sonne gedreht, wie eine Sonnenblume. Eigentlich war sie da schon fast mehr wie eine Sonnenblume als wie ein Mensch. In solchen Momenten habe ich gelernt, dass all das Gerede über die Würde ein völliger Schwachsinn ist, sondern dass es nur um ein Thema geht: Wieviel Zeit wir uns nehmen für unsere Kranken, und wie viel Zeit wir uns für die Menschen nehmen, die uns begleitet haben.

Der Versuch eines Lebens zu dritt
Der Versuch eines Lebens zu dritt (© Maverick Film)

 

Gehen dann aber nicht manche Debatten, die über Sterbehilfe geführt werden, in die komplett falsche Richtung? Mitunter scheint es, als würden Menschen sich selbst und andere nur nach ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft bewerten.

Krassnitzer: Ich glaube, wir sollten uns diesen Debatten undogmatisch nähern – und sie nicht an ökonomische Fragen knüpfen. Ich begrüße sehr, dass es mittlerweile in einigen europäischen Ländern die Möglichkeit für Menschen gibt, ihrem Leid selbst ein Ende zu setzen, weil sie ihre Krankheit als unerträglich empfinden und nicht zum Spielball einer gewinnorientierten Medizin werden wollen.

Aber?

Krassnitzer: Es gibt auch Menschen, die aus Einsamkeit sterben wollen. Weil sie niemanden haben, der sich um sie kümmert, oder weil sie niemandem zur Last fallen möchten. Diese Menschen müssen wir aus ihrer Verzweiflung holen.

Wie erleben Sie selbst das Älterwerden – wird man gelassener, melancholischer oder ungeduldiger?

Krassnitzer: Das ist wie damals, als die Stützräder weggefallen sind vom Fahrrad. Man musste etwas neu lernen, und das ist eine unglaublich schöne Erfahrung. Ja, ich werde keinen Dreitausender mehr besteigen, und eine Weltrekordzeit beim Marathon ist auch nicht mehr drin. Aber es gibt so viele andere Dinge zu entdecken. Ein bisschen fühle ich mich an die Menschen erinnert, die im Mittelalter begonnen haben, den Kölner Dom zu bauen. Die wussten, dass sie diese Kirche nicht fertig erleben würden. Aber sie begannen trotzdem und sie machten sogar etwas, was noch widersinniger erscheint.

Ein Film über die Erinnerung
Ein Film über die Erinnerung (© Maverick Film)

 

Nämlich?

Krassnitzer: Sie bauten nicht direkt in die Höhe, sondern gruben zunächst mal fast 20 Meter in die Tiefe, um ein Fundament zu legen. Das ist wahrscheinlich eine der letzten großen Herausforderungen, die meine Generation, die der Boomer, anzugehen hätte: ein Fundament zu legen, auf dem die Jüngeren sinnbildlich den Kölner Dom errichten können. Also eine Gesellschaft, die mehr aus ihren Möglichkeiten macht. Das scheint mir doch eine lohnenswerte Aufgabe.

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