Beim 79. Filmfestival in Cannes präsentierte sich das Weltkino in einer erfrischend vielfältigen Form, mit jungen, unverbrauchten Filmschaffenden, provozierenden Geschichten und einem klaren Plädoyer für mehr Toleranz und Respekt – auch für überwunden geglaubte Vorstellungen wie etwa in dem mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Fjord“ von Cristian Mungiu. Auch das Festival selbst räumte neuen Stimmen zunehmend mehr Platz ein.
Das 79. Filmfestival Cannes (12.23.5.2026) ist mit einer ungewöhnlichen Konzentration auf einen Film zu Ende gegangen. Der Gewinner der Goldenen Palme, „Fjord“ von Christian Mungiu, wurde gleichzeitig auch von der Ökumenischen Jury und der Internationalen Filmkritiker-Vereinigung FIPRESCI mit ihrem jeweiligen Hauptpreis ausgezeichnet. Das ist umso bemerkenswerter, als das nüchtern erzählte Drama um eine aus Bukarest nach Norwegen emigrierte Familie, die in den Verdacht gerät, ihre Kinder zu schlagen, keine Lösung für das Dilemma der Figuren anbietet. Der zentrale Konflikt um unterschiedliche Erziehungs- und Orientierungsvorstellungen, der sich am Verdacht körperlicher Züchtigung entzündet, bleibt ungelöst; die beschuldigten Eltern fliehen mit ihren fünf Kindern am Ende Hals über Kopf aus dem Land, das auf seine zivilisatorische Reife und Toleranz so stolz ist.
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Bislang bezog sich der Kampf um Vielfalt und Akzeptanz unterschiedlicher Wert- und Moralvorstellungen zumeist auf mehr Raum und Freiheit für abweichende Minderheiten. So haben die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr gelernt, die Liebe zwischen Männern und zwischen Frauen als ebenbürtige Formen menschlicher Zuneigung gutzuheißen oder Menschen mit Handicaps als gleichwertige Mitglieder zu integrieren. Dass sich die Forderung nach mehr Toleranz und Respekt für minoritäre Anschauungen auch auf überwunden geglaubte Ideale beziehen könnte, etwa fundamentalistische Versionen des Christentums, ist neu und ziemlich herausfordernd.
„Fjord“ enthält sich einer Bewertung der Gedankenwelt der Familie Gheorghiu, in der der Vater den Ton angibt und eine eng an der Bibel orientierte fromme Lebensweise vorherrscht. In den Mittelpunkt rücken vielmehr die Vertreter der offenen Gesellschaft, Pädagogen, Sozialarbeiter und Anwälte, die stur ihren Prinzipien folgen, ohne genauer hinzuschauen oder ihre Vorurteile und Annahmen zu reflektieren.
Wie mehr Verständnis und Respekt für die Vielfalt der Welt aussehen könnte, die Jurypräsident Park Chan-wook als zentrale Qualität von „Fjord“ hervorhob, deutet der Umgang der Kinder in dem Film an, die sich nicht für die ideologischen Gräben interessieren, sondern eher neugierig und unvoreingenommen Kontakt zueinander suchen. Cristian Mungiu unterstrich in seiner Dankesrede, dass Worte wie Empathie, Inklusion und Toleranz in Europa oft nur schöne Phrasen seien, die öfter in die Tat umgesetzt werden müssten – auch mit Blick auf jene Kreise, die derzeit in Massen den rechten Populisten zulaufen.
Aushalten als Option
Mit ganz ähnlichen Worten unterstrich auch der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski, der für die Regie von „Vaterland“ prämiert wurde, die Notwendigkeit eines neuen Dialogs: „Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Menschen davon überzeugt sind, recht zu haben. Das ist beängstigend.“ Deshalb sei es eine vordringliche Aufgabe des Kinos, zu zeigen, dass die Dinge nicht so eindeutig sind, wie sie oft erscheinen. Ein Beispiel dafür ist wohl auch die in Pawlikowskis „Vaterland“-Film gezeichnete Figur von Thomas Mann (Hanns Zischler), der nach seiner Rückkehr aus dem US-amerikanischen Exil 1949 von beiden weltanschaulichen Lagern im Westen wie im Osten vereinnahmt zu werden droht und sich darüber in eine durch den Selbstmord seines Sohnes Klaus Mann noch gesteigerte Schockstarre zurückzieht. Kein Ausweg kann bisweilen durchaus auch eine Option sein, als Aufforderung, komplizierte Verhältnisse nicht vorschnell zu vereinfachen, sondern zunächst einmal auszuhalten.
Auf seine Weise ist das Cannes-Festival durchaus schon in diese Richtung unterwegs, weil es an einem Generationswechsel arbeitet. Vor allem in der Nebenreihe „Un certain regard“ tauchten in diesem Jahr vermehrt neue Namen jüngerer Filmschaffender auf, die überdies aus Ländern kommen, die auf der internationalen Karte der Weltkinematografie bislang eher vernachlässigt werden. Etwa Ruanda in Gestalt der Camera-d’Or-Gewinnerin Marie-Clementine Dusabejambo für ihren Film „Bel’imana“ oder des Nepalesen Abinash Bikram Shah, der für seinen Film „Elephants in the Fog“ mit dem „Un certain regard“-Regiepreis ausgezeichnet wurde. Beide Filme handeln von wenig beachteten Sujets; „Ben’imana“ dreht sich um eine resolute Frau, die 1994 den Völkermord an den Tutsi überlebte und sich inzwischen um traumatisierte Menschen kümmert. Ihr Einsatz für Versöhnung und eine solidarische Heilung gerät jedoch ins Wanken, als ihre jugendliche Tochter schwanger wird, da bei der Mutter schmerzhafte Erinnerungen aufbrechen. „Elephants in the Fog“ erzählt von sogenannten Kinnar, einer Gemeinschaft von Transgender-Frauen, die keinen Kontakt zu Männern haben dürfen; die Protagonistin des Films unterhält heimlich dennoch eine verbotene Liebesbeziehung mit einem Mann. Als eine ihrer Wahltöchter nach einem Streit verschwindet, muss sie sich zwischen ihrer Liebe und der Verantwortung für ihre Kinder und die Dorfgemeinschaft entscheiden.
Interesse am deutschen Filmschaffen
Zu den erfreulichen Wandlungen des Filmfestes an der Croisette zählt die lange Zeit verschüttete Neugier auf das deutsche Filmschaffen. Neben Cannes-Lieblingen wie Wim Wenders, Fatih Akin oder Volker Schlöndorff werden zunehmend neue Gesichter an die Côte d’Azur eingeladen – und auch noch mit Palmen geehrt. Nach „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski gelang dies in diesem Jahr Valeska Grisebach mit „Das geträumte Abenteuer“, der erneut den Preis der Jury gewann. Grisebach war bereits 2017 mit ihrem Film „Western“ in Cannes, damals noch in der Nebenreihe „Un certain regard“. Mit „Das geträumte Abenteuer“ kehrt sie filmisch erneut in die Balkan-Region von „Western“ zurück, wo nun eine Archäologin mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, weil sie sich nicht den Regeln der herrschenden Clans unterwerfen will.
Grisebach setzt dabei bis auf die von Yana Radewa gespielte Protagonistin erneut auf Laiendarsteller:innen, die für ein hohes Maß an Authentizität sorgen. Ein langsam erzählter, bisweilen sogar epischer Film, in dem vieles nur angedeutet wird, auch wenn es um Menschenhandel, Korruption und Schmuggel geht. Für das neuerliche Interesse am deutschen Filmschaffen spricht überdies der „Un certain regard“-Hauptpreis für „Everytime“ von Sandra Wollner, der in Berlin spielt und produziert wurde, wenngleich die Filmemacherin aus Österreich stammt.
In der festlichen Abschlussgala, die wie die Eröffnung von der französisch-malischen Schauspielerin Eye Haïdara mit großer Klarheit und Eleganz moderiert wurde, oblag es der lediglich per Video zugeschalteten Barbra Streisand, die „Mission“ von Cannes und dem Kino auf den Punkt zu bringen: Trotz einer zunehmend zerstritteneren Welt besitzen Filme die magische Fähigkeit, Menschen miteinander zu vereinen und ihre Herzen und Köpfe zu öffnen.
Die Preise des 79. Filmfestivals in Cannes
Goldene Palme: „Fjord“ von Cristian Mungiu
Großer Preis der Jury: „Minotaur“ von Andrey Zvyagintsev
Preis der Jury: „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach
Beste Regie (ex aequo): Javier Ambrossi und Javier Calvo für „La Bola Negra“ und Pawel Pawlikowski für „Vaterland“
Bestes Drehbuch: Emmanuel Marre für „Notre Salut“
Bester Debütfilm: „Ben’Imana“ von Marie-Clementine Dusabejambo
Beste Darstellerinnen: Virginie Efira und Tao Okamoto in „All of a Sudden“
Beste Darsteller: Emmanuel Macchia und Valentin Campagne in „Coward“
Bester Film „Un certain regard“: „Everytime“ von Sandra Wollner
Preis der Jury „Un certain regard“: „Elephants in the Fog“ von Abinash Bikram Shah
Preis der Ökumenischen Jury: „Fjord“ von Cristian Mungiu
FIPRESCI-Preis: „Fjord“ von Cristian Mungiu
FIPRESCI-Preis „Un certain regard“: „Ben’imana“ von Marie-Clementine Dusabejambo
Goldene Ehrenpalme: Peter Jackson, Barbra Streisand, John Travolta
Weitere Preise finden sich auf der Webseite des Cannes-Festivals.