In „Ich verstehe Ihren Unmut“ steht eine 60-jährige Leiterin einer Putzkolonne im Zentrum. Ihr Alltag wird von Personalmangel, migrantischen Hilfskräften, Kundenbeschwerden und dem Druck der Geschäftsleitung bestimmt. Der quasi-dokumentarische Film lenkt den Blick auf einen oft unsichtbar bleibenden Arbeitsbereich und ist neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik.
Ihre Arbeit soll möglichst unbemerkt ausgeführt werden. Meist wird sie nur dann zum Thema, wenn nicht alles zur Zufriedenheit der Kunden ausgefallen ist: „Wir putzen nicht, wir reinigen“, stellt die Objektleiterin Heike (Sabine Thalau) einmal klar, um etwas mehr Respekt für ihre Tätigkeit einzufordern. Die 59-Jährige leitet eine Kolonne, die in einem Einkaufszentrum, auf Baustellen und in Kindergärten zugange ist. Durch Personalmangel sind viele Schichten unterbesetzt. Das sorgt für interne wie externe Konflikte. Als Heike eine Hilfskraft von einem Subunternehmer abwerben will, handelt ihr das viel Ärger ein. Konstant sind auch die Beschwerden, die von der Unternehmensspitze und den Mitarbeitenden auf sie einprasseln. Ständig muss Heike zwischen den oft migrantischen Gebäudereinigern, unzufriedenen Kundinnen und der Geschäftsleitung vermitteln. Per Freisprecheinrichtung führt sie im Auto Diskussionen, bei denen die Beteiligten sich dauernd gegenseitig unterbrechen.
Das Sozialdrama „Ich verstehe Ihren Unmut“ von Kilian Armando Friedrich zeigt die Hauptfigur meistens von hinten. Die Kamera folgt ihr auf Schritt und Tritt bei der Arbeit: im Austausch, im Stress, in Aktion. Heikes Anspannung überträgt sich auch auf den Umgang mit ihren Mitarbeitern. Als sie einige während der Arbeitszeit bei einer kleinen Feier in einer Turnhalle erwischt, offenbart sich die hierarchische Dynamik. Mit strengem Ton unterbindet Heike das Miteinander, ist aber auch unzufrieden über die Vorschriften, die ihr in dieser Situation keine Kollegialität erlauben. Ein anderes Mal unterschiebt sie einem Mitarbeiter sogar Diebesgut, um eine Kündigung zu rechtfertigen.
Auf der anderen Seite will sie einem afrikanischen Migranten durch die Anstellung eine Aufenthaltserlaubnis verschaffen. Sie setzt sich auch dafür ein, dass ihr früherer Partner, den die Anstrengungen in den psychischen Zusammenbruch getrieben haben, wieder Fuß fasst. Als Teil eines ausbeuterischen Systems erscheint sie selbst als ambivalente Figur.
Die Jury der Katholischen Filmkritik wählte „Ich verstehe Ihren Unmut“ zum neuen Kinotipp, weil das Spielfilmdebüt „durch seine Nüchternheit, Präzision und soziale Wachheit beeindruckt“. Der Film rückt mit dem Niedriglohnsektor eine Arbeitswelt ins Zentrum, die im Kino nur selten so konsequent und ernsthaft betrachtet wird. Dabei macht der Film die Zumutung der prekären Arbeitsbedingungen im Minutentakt deutlich, erklärte die Jury: „Beschwerden, Personalmangel, Kundendruck, Chefansagen – egal, wie sehr die Protagonistin Heike sich anstrengt, das System ist nicht zu bewältigen.“ Ohne explizit nach den strukturellen Ursachen zu fragen, nimmt „Ich verstehe Ihren Unmut“ das alltägliche Leid und die Bedrängnis prekär beschäftigter Personen in den Blick, so die Jury.
Nüchternheit, Präzision und soziale Wachheit
Viel Zustimmung erfuhr der Film bei der Jury für den Mut zu einer differenzierten Charakterzeichnung. Die Protagonistin sei weder Heldin noch Täterfigur, sondern ein Mensch, der versucht, in einem widersprüchlichen Umfeld anständig zu bleiben. Bemerkenswert an dem Film ist nicht nur, wie Stress, Zeitdruck und Personalmangel gezeigt werden, sondern auch die moralischen Grauzonen, in die Menschen geraten, wenn sie in einem ausbeuterischen System funktionieren müssen. Die Wirkung von "Ich verstehe Ihren Unmut" verdankt sich auch der Hauptdarstellerin Sabine Thalau, die kein Schauspielprofi, sondern auch im wahren Leben in der Gebäudereinigung tätig ist. „Sie lässt den Druck, der auf ihr lastet, bis zur Schmerzgrenze spürbar werden“, so die Jury.
Als entscheidend für die Wirkung des Films hoben die Juroren auch die Konsequenz in der formalen Gestaltung hervor. Die Kamera beobachte die Hauptfigur, ihre Gespräche, ihre Überforderung und ihr ständiges Reagieren auf neue Probleme, mit großer Intensität. „Diese Nähe erzeugt ein eindrucksvolles Gefühl des Dabeiseins“, betonte die Jury. Auch die verzweifelte Lage der Protagonistin, die angestrengt versucht, ihren Kopf gerade noch über Wasser zu halten und dabei ihre Sache auch noch gut zu machen, übertrage sich unmittelbar auf die Zuschauer.
Die Jury wies auch darauf hin, dass der Film durchaus Momente der Hoffnung auf einen Ausbruch aus dem krank machenden System zulasse. Das sei ebenfalls Teil der genauen, klugen und berührenden Beobachtungen von „Ich verstehe Ihren Unmut“. „Der Film zeigt, wie Arbeit Menschen formt, zermürbt und zugleich in ständiger Bewegung hält“, würdigte die Jury.
Hinweis
Der „Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ hebt Filme hervor, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen und Antworten auf existenzielle Fragen formulieren.