Hundert Jahre Einsamkeit
(© Netflix/Mauro González A)

Serie: Hundert Jahre Einsamkeit - Staffel 2

Zweite Hälfte der Serienadaption von Gabriel García Márquez’ Roman, in der die Familie Buendía im Nachgang des Bürgerkrieges den Verfall ihres Dorfes herbeiführt

Aktualisiert am
06.08.2026 - 14:41:35
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Gleich zu Beginn wütet ein Sturm, der ins Orange der untergehenden Sonne getränkt ist. Das Dorf Macondo steht damit unter einem schlimmen Vorzeichen: Die Zeit der Dunkelheit bricht herein, das Ende naht.

Die zweite Staffel der „Hundert Jahre Einsamkeit“-Serienverfilmung nimmt ihren Lauf, als der Colonel Aureliano Buendía (Claudio Cataño), der Anführer der Liberalen und Revolutionäre, nach Jahren des Bürgerkriegs einen Waffenstillstand mit der Regierung schließt. Frieden kehrt trotzdem nicht ein.

Gefangen in der Wiederholungsschleife

Irgendwann bemerkt es Úrsula (Marleyda Soto), die Matriarchin, selbst: Die Zeit scheint sich im Kreis herum zu drehen und das Unheil immer wieder von vorn zu beginnen. „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist Ausdruck des „Fatalismo“, einer prägenden Denkform der lateinamerikanischen Kultur, die den Lebenslauf als vorherbestimmt annimmt. Das wird im kryptischen Offenbarungsbuch des Melquíades (Moreno Borja) manifest, dessen Inhalt das Schicksal der Familie Buendía prophezeit, allerdings erst nach hundert Jahren (wenn es schon zu spät ist) entziffert werden kann.

Die Themen im Bedeutungszentrum der Serie – Entfremdung, Einsamkeit, Erinnern und Vergessen – werden zyklisch umkreist. Im Verkauf der Handlung resultieren daraus bewusst inszenierte Momente des Déjà-vus, wenn szenische Konstellationen wiederholt und variiert werden. Beispielsweise dann, wenn junge Männer im Liebeswahn auf das Badezimmerdach der Familie Buendía steigen.

Die Buendías tragen über die Generationen immer wieder gleiche Namen. Die vielen Aurelianos und Josés sind motivischer Ausdruck, dass die Familie alte Muster und Fehler immer und immer wieder weiterführt. Die Figuren können sich, bei allem Schicksalsglauben, nicht aus der Verantwortung stehlen: Das, was schicksalhaft anzumuten scheint, zeigt sich in den „Hundert Jahren Einsamkeit“ meist als Ausdruck gewaltsamer, menschgemachter und eben nicht göttlicher Machtstrukturen. Und trotzdem wirbeln die Figuren weiter in ihren Teufelskreisen und treiben dadurch den Strudel der Gewalt weiter. Interpretiert man das Dorf Macondo als Symbolbild einer sich im Laufe der Jahre entwickelnden Gesellschaft, dann sind es die Menschen, die den Verfall dieser Gesellschaft herbeiführen.

Die Menschen befeuern den Fortschritt und den Niedergang

Die Generation der Familie Buendía, die in den Fokus der zweiten Staffel rückt, wartet, wie sollte es auch anders sein, mit wieder einem Aureliano und einem José auf. Beide bilden, mal abgesehen von ihrem Äußeren, ein ungleiches Zwillingspaar (in unterschiedlichen Lebensabschnitten dargestellt von Jorge Alejandro Quintero und Julián Román): Aureliano Segundo bringt durch seine Hochzeit mit Fernanda del Carpio (Laura Taylor, später Carla Baratta Sarcinelli), einer strenggläubigen Frau, die ihren ersten Sohn gleich zum Pabst erziehen will, den Konservatismus zurück ins Haus der Buendías.

Auch José Arcadio Segundo trägt alte Konfliktlinien weiter, indem er das Dorf ans Eisenbahnnetz anbindet. Die Eisenbahn, das Symbol des Fortschrittsdenkens und der gesellschaftlichen Beschleunigung in der Moderne, erfährt dabei eine Umdeutung: Die Kehrseite neuer Möglichkeiten kulturellen Aufschwungs ist, dass die Anbindung an den Rest der Welt das Dorf genauso neuen politischen und ökonomischen Aggressoren aussetzt. Wie schon in der Romanvorlage wird eine amerikanische Bananenplantage zentral, auf der sich der Schmerz des Dorfes in Neoimperialismus und Arbeiterkampf fortschreibt.

Magie auf dem kleinen Bildschirm

Die zweite Staffel von „Hundert Jahre Einsamkeit“ unter Regie von Laura Mora und Carlos Moreno bleibt, wie schon die erste Staffel, nah am Stoff von Gabriel García Márquez, wobei einzelne Romanpassagen die Serie als Erzählerkommentare vorantreiben. Gleichzeitig findet die Bildsprache ihre Eigenständigkeit: Dissoziative Momente verdichten sich symbolisch, und die Eigenlogik der Geschichte tritt ins Magisch-Realistische über. Insbesondere Lichtdramaturgien werden bildstark eingesetzt, um unterschiedliche Zeitlichkeiten ineinanderzuschieben. Dass die Zeit fortschreitet, zeichnet sich auch an den visuell reichen Setbauten ab, die gemeinsam mit lokalen Kunsthandwerker:innen in Kolumbien hergestellt wurden.

Mora und Moreno gelingt es, die Dorfwelt der Serie wundersam zu überhöhen. Auch dann, wenn spielerisch fiktive und realweltliche Personen ihren Einzug in die Geschichte finden, wie der Freibeuter Francis Drake oder Artemio Cruz, der Titelheld eines Romans von Carlos Fuentes.

Die zweite Staffel „Hundert Jahre Einsamkeit“ führt damit zu Ende, was die erste Staffel meisterlich begonnen hat: Eine in den kulturellen Einflüssen und Traditionen Lateinamerikas verankerte Geschichte, die zeigt: So etwas wie Magie ist auf den kleinen Bildschirmen noch immer möglich.

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