Der Musiker und Filmemacher Brezel Göring
Der Musiker und Filmemacher Brezel Göring (© imago/Horst Galuschka)

Alle Macht der Super-8

Ein Gespräch mit Brezel Göring über seinen Film „Für immer 16“

Aktualisiert am
03.09.2026 - 14:06:52
Diskussion

Der Musiker Brezel Göring von der Band „Stereo Total“ hat mit „Für immer 16“ (ab Donnerstag im Kino) ein Romanfragment seiner 2021 verstorbenen Partnerin Françoise Cactus auf Super-8 verfilmt. In der Low-Budget-Komödie geht es um ein Trio mit gemeinsamer Underground-Vergangenheit, das beim Urlaub in Palermo spontan einen Serienkillerinnen-Film dreht. Der Rückgriff aufs Schmalfilm-Format knüpft dabei an die reiche Tradition des selbstreflexiven Kinos an und erinnert an die verschütteten Möglichkeiten eines einfacheren, aber unabhängigen Filmemachens.

 

 

Ihr Film „Für immer 16“ basiert auf dem Romanfragment „Lebenslänglich Vierzehn“ von Ihrer 2021 verstorbenen Partnerin Françoise Cactus, den Sie postum veröffentlicht haben. „Für immer 16“ heißt dagegen ein Song Ihrer Band Stereo Total, deren musikalisches Repertoire den Film befeuert. Kann man das auch als künstlerische Nachlassverwaltung bezeichnen?

Brezel Göring: Nachlassverwaltung bedeutet für mich in diesem Zusammenhang, so zu tun, als ob Françoise noch leben würde. Wenn sie den Roman selbst verfilmt hätte, dann wahrscheinlich mit einer besseren Kamera. Es wäre wohl ein anderer Film geworden. Aber „Für immer 16“ hätte sie auch amüsiert.

 

Hardcore-Cinephile reisen aktuell gerade hunderte Kilometer quer durch Europa, um „Die Odyssee“ von Christopher Nolan in Prag, Manchester oder Montpellier in dem technischen Format zu goutieren, in dem der Film produziert wurde. Man könnte fast meinen, dass das Kino mit einer Re-Auratisierung des Gesamtkunstwerks jongliert. Aber dann kommen Sie mit Ihrem Spielfilmdebüt „Für immer 16“ um die Ecke, das man ohne größeren Schaden auf jede Fahrradschuppenwand projizieren könnte. Was hat Sie daran gereizt?

Göring: Was ich bei der Musik gelernt habe: dass die vorletzte technische Entwicklung immer die überlegene ist. Dass es mit einer analogen Aufnahme viel schneller gehen kann als mit einer digitalen. Ähnliches hatte ich auch beim Film vermutet. Super-8 ist so ein süßes, demokratisches Medium, weil es keinen Spezialisten an der Kamera gibt, den man fragen muss. Das ist so gutmütig. Jeder kann die Kassette einschieben, auf Start drücken und scharfstellen. Das hat mir daran gefallen. Das ist so ähnlich wie ein Fahrrad.

 

Stichwort: Alle Macht der Super-8! Ich denke dabei an die frühen 1980er-Jahre, an West-Berlin und Die Tödliche Doris, an Wenzel Storch, die Mülheimer Schule mit Werner Nekes und Christoph Schlingensief, aber auch an Helge Schneider.

Göring: Ich mag diese Ästhetik. Alle diese Namen und Filme, die Sie genannt haben, stecken in meiner DNA drin. Für viele, die das früher gemacht haben, ist es ein Wagnis gewesen. Für mich hingegen ist das heute nur noch eine ästhetische Entscheidung. Ich finde, dass Super-8-Bilder wie in einem Traum aussehen. Ganz schön – und genauso sehe ich die Wirklichkeit.

Wie in einem Traum: Lilith Stangenberg in "Für immer 16"
Wie in einem Traum: Lilith Stangenberg in "Für immer 16" (© Rapid Eye Movies)

 

Aber es ist ja nicht nur das Visuelle von Super-8. Es gibt auch noch die Tonspur mit den Songs von Stereo Total, die die Handlung manchmal zu kommentieren scheinen, manchmal aber auch befeuern und antreiben. Dazu kommt die extrem lässige Nachsynchronisation, die sich um Anschlüsse und mögliche Bild-Ton-Synchronizität nicht schert. Wie reagiert das Publikum auf diese radikale Abweichung von den Mainstream-Codes?

Göring: Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Zuschauer im Kino darüber so viel nachgedacht haben. Die haben bei den Vorführungen nicht analysiert, was falsch oder anders ist. Es war eher so etwas wie Rausch, der für eineinhalb Stunden ein Wohlgefühl erzeugt hat. Wie eine Entführung in eine andere Wirklichkeit. Oder wie ein gutes Konzert, bei dem man hinterher nicht sagen kann, ob es ein Gitarren-Solo gab. Nur, dass es laut war. Ich habe hinterher gehört, dass es eher um Stimmung geht. Natürlich existiert da auch ein retrospektives Moment, aber bei denen, die heute jung sind, löst Super-8 keine Kindheitserinnerungen mehr aus. Es ist eher ein Versprechen: die wunderbare Vergangenheit. Oder eine Idee von einer Zukunft, die in der unendlichen Fülle von Möglichkeiten von Super-8 drinsteckt.

 

Auch die Möglichkeit des Nicht-Perfekten. Das, was heute bei Instagram in der Postproduktion gerne nachgebessert wird. Den vermüllten Strand von Palermo, den es in „Für immer 16“ zu sehen gibt, wird man in seiner unaufgeräumten Realität so sonst nirgendwo sehen.

Göring: (lacht) Ich war mit meiner Freundin in Palermo. Wir wollten an den Strand. Françoise schaute sich die Bewertungen deutscher Touristen über die Strände in Palermo an und entdeckte den Kommentar „Zwei illegal entsorgte Kühlschränke neben einem Müllberg“. Das sind wir sofort hin. Ein Jahr später haben wir genau dort gedreht, weil der Strand an sich schon ein dadaistisches Kunstwerk war. Da brauchte man nichts mehr hinzuzufügen.

 

Im Presseheft von „Für immer 16“ kann man lesen, dass Sie und Françoise Cactus relativ viele Filme geschaut haben, teilweise auch ganz systematisch die Œuvres von Regisseuren wie John Cassavetes, Claude Chabrol oder François Truffaut. Auch Werke von John Waters oder Russ Meyer, also Filme, die man einst unter „Midnight Movies“ rubriziert hat. Diese Mitternachtsvorstellungen mit zwei oder drei Filmen sind genauso aus der Mode gekommen wie Super-8. In den letzten Jahrzehnten hat sich die kulturelle Praxis, die früher an einen sozialen Raum gekoppelt war, ja sehr privatisiert. Weshalb diese Filme nur noch bei einer Einrichtung wie dem Videodrom in Berlin ausleihbar sind. Existiert für diese verschüttete Praxis etwa ein subkulturelles Gedächtnis?

Göring: Ich bin eher erstaunt, wie präsent das Wissen um die Subkulturen noch ist, die es in den vergangenen 70 Jahren gegeben hat. Das gilt für die Musik, aber auch fürs Kino. Ich bin immer wieder verblüfft, was die Youngsters so alles kennen und wie komplett ihr Wissen ist. Gerade auch bei Referenzen, wo man eigentlich schon etwas länger auf der Welt sein müsste, ist das überraschend. John Waters beispielsweise ist sehr präsent. Nicht bei der Mehrheit, klar. Aber in bestimmten Kreisen. Wobei man sagen muss, dass ein Regisseur wie Waters auch wahnsinnig gut gealtert ist und heute durchaus in die Zeit passt. Genauso wie manche anderen Filme, etwa „Wanda“ von Barbara Loden. Der stammt aus dem Jahr 1970; ich habe den gerade erst entdeckt und bin hingerissen, wie modern der Film ist. Ein irres Teil! Oder auch „La fiancée du pirate“ von Nelly Kaplan. Der war damals schon toll, ist aber auch sehr gut gealtert. Das kann man heute entdecken und gewiss auch etwas damit anfangen.

 

Also gehen Sie davon aus, dass es noch so etwas wie Underground gibt?

Göring: Ja. So ulkig das klingt. Also Räume, wo etwas anderes als Mainstream und Kommerz verhandelt wird. In der Musik vielleicht sogar häufiger, aber Musik ist ja eine Art kleines Kino. So etwas wollte ich mit „Für immer 16“ repräsentieren. Dass Geld keine so große Rolle spielt, dass Perfektion und Technik nicht im Vordergrund stehen. Dass es um Ideen geht. So eine Filmkamera oder ein Kabel kann man in gesellschaftliche Koordinaten übersetzen. Dann bekommen sie sogar eine politische Bedeutung. Auf diese Weise bedeutet Super-8 Unabhängigkeit oder flache Hierarchien. Vielleicht will ich mit meinem Film zu einer solchen Subkultur dazugehören, obwohl ich nicht genau weiß, ob die existiert. Andererseits bin ich gerade auf einer Kinoreise durch die Republik und habe dabei auch das Kommunale Kino in Nürnberg wiedergesehen. Es gibt dafür also zumindest Orte.

Am Strand von Palermo: "Für immer 16"
Am Strand von Palermo: "Für immer 16" (© Rapid Eye Movies)

 

Früher gab es mal diesen Ausdruck „The Total Filmmaker“, wenn jemand Regie führte, das Drehbuch schrieb, die Hauptrolle spielte, die Musik komponierte und vielleicht sogar noch selbst produzierte. Im Abspann von „Für immer 16“ taucht Ihr Name ziemlich häufig auf; aber auch die anderen Mitwirkenden haben teilweise noch andere Jobs erledigt, sich um die Grafik oder um die Kostüme gekümmert. Ist das Guerillakino als Teamwork?

Göring: Das ist wie in einer Familie, wo alle ausgebeutet werden. Ich finde diese Menschen echt toll, mit denen ich zu tun habe. Ich will die gar nicht kostümieren, sondern eher zeigen, wie toll die sind. Die haben sich selbst ausgesucht, was sie im Film anziehen wollen.

 

Das klingt nach Andy Warhol. Den Darstellern eine Plattform bieten, damit sie zeigen können, wie toll sie sind.

Göring: Wenn Sie so wollen … ja.

 

Im Presseheft steht der Satz: „Glücklicherweise kenne ich die Regeln nicht, die ich missachte!“ Wir reden aber die ganze Zeit über gerade von Filmgeschichte. Sie haben viele Filme gesehen; lernt man dabei nicht auch die Regeln beim Schauen? Ist es deshalb nicht eher ein Spaß, gegen die Regeln zu verstoßen? Um das an einem Beispiel zu erläutern: Wenn kurz vor Schluss der Polizist beim mörderischen Trio anklopft, fragt der zunächst nach Alexander Phillips. Dieser Name ist zuvor nie gefallen. Dann aber zeigt er ihnen ein Foto, auf dem sie den Mann als den Nachbarn identifizieren, der früher nach Deutschland zurückmusste, wo er nach Kenntnis der Polizei aber nie ankam. Dann lässt sich der Polizist Bilder eines Films zeigen, die unerhört brutal sind, weil es Super-8-Aufnahmen sind. Ein Urlaubsspaß, erklärt Charlotte, während Oskar vorsichtig fragt, ob sie jetzt verhaftet werden. Nein, sagt der Polizist, gegen sie läge ja nichts vor. Das ist doch Spaß, oder?

Göring: Ich würde sagen, es ist Unvermögen. Das ist mir so hineingerutscht, aber als es mir aufgefallen ist, habe ich gedacht: Nee, das müssen wir nicht verbessern. Mich amüsiert das wahnsinnig. Aber das ist ein Punkt, wo manche nicht zu Unrecht denken werden: Das ist eine Unverschämtheit!

 

Der Schluss des Films ist bittersüß. Da heißt es: „Der Mord hat dir gutgetan. Seitdem du eine Mörderin bist, zeigst du eine neue Sanftheit.“ Der Mann, der in einem Koffer auf dem Meeresgrund liegt, sei zwar ein Gigolo gewesen, aber „Nobody’s perfect!“ Die Künstlertruppe hat zu ihrer früheren Energie gefunden, ohne dafür nostalgisch werden zu müssen. Das unterscheidet „Für immer 16“ von all den normierten Klassentreffen-Filmen, die aktuell im Kino oder im Fernsehen zu sehen sind. Super-8 galt ja als Medium der Dissidenz, als Widerstand gegen Marktmechanismen. Bei Ihnen kommt das mit einem Augenzwinkern daher. Würden Sie Ihren amoralischen Film als Kassengift bezeichnen?

Göring: Da ich nichts erwartet habe, ist der Film nach dem Feedback in München und auf der Kinotour für mich eher eine Erfolgsgeschichte. Und eine riesige Überraschung, dass er so gut läuft. Aber ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Film aus einer anderen Perspektive als Kassengift wahrgenommen wird.

Läuft ab 27.8. im Kino: "Für immer 16"
Läuft ab 27.8. im Kino: "Für immer 16" ( ©: Rapid Eye Movies)

 

Könnten Sie sich „Für immer 16“ als Midnight Movie in einem Double Feature vorstellen?

Göring: Früher gab es in der Stadt, in der ich wohnte, eine „Lange Nacht der Filme“. Dort wurde zuerst ein total wilder Film gezeigt und dann was Kühles, Intellektuelles, damit der Saal sich allmählich leerte. Meinen Film könnte man zum Beispiel zusammen mit einem Film von Alexander Kluge zeigen.

 

Super Idee! Kluge hätte ja auch noch Alfred Edel im Angebot.

Göring: Ich musste beim Dreh häufig an alte Filme denken. Im Sinne von: Ach, so haben die das damals gemacht. Etwa: „Das Casanova-Projekt“ mit Alfred Edel. So: Das ist unser Film. Besser, wir gewöhnen uns an das Ergebnis!

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