Der britische Schauspieler Tim Curry ist am 25. August im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Rolle seines Lebens war der exaltierte Frank N. Furter im Rockmusical „The Rocky Horror Picture Show“ (1975). Auf dieses extravagante Debüt folgten etliche weitere Film-, Fernseh- und Bühnenauftritte, auch wenn der Darsteller mit seinem überschäumenden Spiel nicht leicht zu besetzen war. Von seiner Spielfreude profitierten insbesondere süffisante Schurken wie Long John Silver oder der böse Clown in „Es“.
Einmal mit dem Auto falsch abgebogen, in ein unheimliches Haus gestolpert, empfangen von einem buckligen Butler und seltsam gekleideten Gästen. Das biedere Liebespaar Brad und Janet hat schon einige Schocks verdaut, als in „The Rocky Horror Picture Show“ der Hausherr Frank N. Furter auftritt: Ein Frankenstein-Verschnitt aus einer anderen Galaxie, bekleidet mit Stöckelschuhen und Reizwäsche, massiv überschminkt, anzügliche Bemerkungen um sich werfend und unersättlich in seinem sexuellen Appetit. Als „sweet transvestite from Transsexual, Transylvania“ charakterisiert sich Frank-N.-Furter-Darsteller Tim Curry selbst in diesem Film-Rockmusical, das 1975 zuerst eine gleichgültige Aufnahme erfuhr, bevor es sich zum veritablen Kult mauserte. Nicht zuletzt dank eines Hauptdarstellers, der sich mit vollem Einsatz in einen Part stürzte, dem mit sexuellem Normdenken nicht beizukommen ist: Innerhalb einer einzigen Nacht erschafft sich Frank N. Furter eigenhändig einen muskelbepackten Liebhaber, meuchelt einen lästigen früheren dahin, verführt sowohl Janet als auch Brad und ist trotzdem nicht ausgefüllt. Angesichts dieser Maßlosigkeit zieht auch der Anhang nicht mehr mit: „Your lifestyle’s too extreme!“, erklärt Butler Riff Raff, als er Frank aus dem Verkehr zieht.
Das Extreme als Normalzustand
In der Karriere von Tim Curry war das Extreme fast das Normale. Der am 19. April 1946 geborene Darsteller aus Cheshire hatte dank seiner variationsreichen Baritonstimme ab Ende der 1960er-Jahre erste Aufmerksamkeit sowohl in Shakespeare- und Brecht-Stücken als auch im Musical-Bereich mit der britischen Premiere von „Hair“ (1968) erweckt. Frank N. Furter verkörperte er ab 1973 in der Bühnenversion „The Rocky Horror Show“, die sich wie später der Film von bescheidenen Anfängen zum Publikumserfolg entwickelte.
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Ein Risiko, mit diesem extravaganten Auftritt seinem Ruf als seriöser Schauspieler zu schaden, sah Tim Curry durchaus, setzte sich über die Bedenken aber hinweg. Es wurde die Rolle seines Lebens und für seinen Stil bestimmend. Ohne Scheu nutzte Curry alle theatralischen Mittel, die ihm zur Verfügung standen: Wild rollende Augen, gefletschte Zähne, dröhnende Stimme, ausschweifende Bewegungen, die mitunter durch eine tänzerische Grazie aufgebrochen wurden.
Albtraum-Potenzial
So gestaltet Tim Curry auch weitere Filmmusical-Auftritte als Hochstapler in „Annie“ (1982) und als Long John Silver in „Muppets – Die Schatzinsel“ (1996) zu mimischen Perlen. Beides sind Vollblut-Schurken, denen die schelmische Boshaftigkeit geradezu aus dem Gesicht springt, was auch für Currys Nicht-Musical-Bösewichter gilt. Ob Bill Sikes in „Oliver Twist“ (1982), Kardinal Richelieu in „Die drei Musketiere“ (1993) oder der Hotel-Concierge in „Kevin – Allein in New York“ (1992): Zurückhaltung irgendeiner Art liegt Currys Schurken fern, was sich bei Parodien von „Alle Mörder sind schon da“ (1985) bis zu „Scary Movie 2“ (2001) genregemäß noch steigert. Allerdings können seine Darbietungen auch vom Amüsanten ins Unheimliche kippen, insbesondere wenn ein hoher Masken-Aufwand dazukommt: Seine Auftritte als Herr der Finsternis in „Legende“ (1985) und als weißgeschminkter Horrorclown in „Es“ (1990) haben wahres Albtraum-Potenzial.
Mit diesen Rollen fand Tim Curry viele Jahre rege Beschäftigung im Kino, wobei die Qualität der Filme hinter seinem Talent oft deutlich zurückstand. Nur selten ließ sich sein exaltiertes Spiel in einen realistischeren Rahmen versetzen. Nach „The Rocky Horror Picture Show“ hatte er sich zeitweilig (mit mäßigem Ertrag) auch als Rocksänger versucht und hätte wohl bei einem entsprechenden Angebot sehr effektvoll einen flamboyanten Musiker wie Mick Jagger verkörpern können. Am nächsten an einer Erweiterung seines Images war er womöglich nach dem Erfolg der Broadway-Inszenierung von „Amadeus“ (1980), wo Curry als Mozart (neben Ian McKellen als Salieri) glänzte; bei der Verfilmung (1984) entschied sich Regisseur Milos Forman jedoch für amerikanische Hauptdarsteller. In „ernsten“ Dramen war Tim Curry im Kino kaum je zu erleben, Auftritte wie als TV-Journalist in „The Ploughman’s Lunch“ (1983) oder als russischer Arzt im U-Boot-Drama „Jagd auf ‚Roter Oktober‘“ (1990) sind Ausnahmen, die er selbst nicht allzu hoch schätzte.
In allem, was vom allzu Normalen abwich, wurde Tim Curry hingegen quer durch alle Medien gern besetzt. Auf der Bühne hatte er in London und New York weitere Erfolge in „The Pirates of Penzance“, „My Favorite Year“ und „Monty Python’s Spamalot“, er las etliche Hörbücher ein und war auch ein gesuchter Sprecher und Sänger von Zeichentrick- und Videospiel-Charakteren. Dank seiner nach wie vor imposanten Stimme konnte er auch noch als Sprecher weiterarbeiten, als ihn ein Schlaganfall 2012 an den Rollstuhl fesselte und ihm die frühere Hyper-Beweglichkeit raubte. 2016 gab Tim Curry in einem Fernseh-Remake der „Rocky Horror Picture Show“ den Erzähler und legte 2025 seine Autobiografie „Vagabond“ vor. Am 25. August 2026 starb er im Alter von 80 Jahren in Los Angeles.