Szene aus „Hearing“
Szene aus „Hearing“ (© E&W Films/Sensory Ocean Films)

Was uns menschlich macht

Ein Durchgang durch wichtige Filme des 79. Filmfestivals in Locarno aus der Sicht der Ökumenischen Jury

Aktualisiert am
05.09.2026 - 23:03:51
Diskussion

Das Kino als Ort, dem anderen zu begegnen, stand im Mittelpunkt einer Rede von Giona A. Nazzaro, dem künstlerischen Direktor des Filmfestivals in Locarno. Beim Empfang der Ökumenischen Jury hob er vier Dimensionen hervor, die ihn mit der Kirchenjury verbinden: Verzeihung, Hoffnung, Würde und Zusammenleben. Auch ohne Gewissheit auf ein Happy End kann daraus ein „Laboratorium der Hoffnung“ entstehen, in dem sich neue Wege des Menschlichen erproben lassen.

 

Beim 79. Filmfestival Locarno waren sehr unterschiedliche Positionsbestimmungen des Menschlichen auszumachen. Das hat mit einer besonderen Qualität des Festivals zu tun, das Filme aus Regionen und kulturellen Zusammenhängen präsentiert, die nicht unbedingt auf ein internationales Publikum zugeschnitten sind. Gerade dadurch aber öffnen sich Fenster in Lebenswirklichkeiten, die sonst leicht übersehen werden. Ein multiperspektivischer Ansatz, der in der Gegenwart Not tut.

 

Was Filme über Menschen erzählen

Die Ökumenische Jury in Locarno betrachtete die 17 Filme des Wettbewerbs aus einer besonderen Perspektive. Neben der künstlerischen Qualität interessierten sich die Jurorinnen und Juroren dafür, welchen Beitrag die Filme zur menschlichen Entwicklung leisten, ob die Geschichten eine universale Relevanz entfalten und mit welchen kreativen Ausdrucksformen sie davon erzählen.

Die Jurymitglieder Jean-Luc Gadreau, Sarah Stutte (hinten), Juha Rajamäki, Viera Pirker (vorne)
Die Jurymitglieder Jean-Luc Gadreau, Sarah Stutte (hinten), Juha Rajamäki, Viera Pirker (vorne) (© Locarno Festival/Claudia Campoli)

 

Beim Empfang der Ökumenischen Jury erinnerte der künstlerische Leiter des Festivals, Giona A. Nazzaro an die Begegnung von Papst Leo XIV. mit Filmschaffenden im November 2025. Der Papst hatte das Kino dort als „Laboratorium der Hoffnung“ bezeichnet. Ein Bild, das Nazzaro so sehr beeindruckte, dass er es in den Festivalkatalog aufnahm. In seiner Ansprache entwickelte Nazzaro daraus jedoch keine optimistische Beschwörung des Kinos. Vielmehr spannte er einen inhaltlichen Bogen zwischen Verzeihung, Würde, Hoffnung und Zusammenleben. Er griff die Worte von Jacques Derrida auf und sprach über das Verzeihen als einen Akt, der erst dort wirklich relevant werde, wo etwas unverzeihbar erscheint: „Verzeihung verändert unser Leben, weil es uns in Frage stellt.“ Aus seiner eigenen katholischen Erziehung sei ihm trotz aller Auflehnung vor allem eines geblieben: die Achtung vor der Würde des Menschen.

Hoffnung wiederum verstand Nazzaro nicht als Vertröstung, sondern als „revolutionäre Kraft“, weil sie die ungerechten Zustände der Gegenwart verändern und Menschen einander näherbringen könne. Voraussetzung dafür sei es, im Gespräch zu bleiben und sich auch im Konflikt weiterhin in die Augen zu schauen. „Wenn man die Menschen von den Menschen trennt, dann ist der Abgrund nur noch ein paar Zentimeter entfernt.“

Auf der Piazza Grande, wo Abend für Abend Tausende gemeinsam Filme sehen, wird dieser Zusammenhalt für Nazzaro ganz praktisch erfahrbar. Doch auch auf der Leinwand wurden seine vier zentralen Begriffe in diesem Jahr immer wieder durchgespielt – nicht als abstrakte Werte, sondern in all ihren Widersprüchen und Grenzsituationen. Verzeihung wird schwierig, wenn Schuld nicht wiedergutgemacht werden kann. Hoffnung muss sich dort bewähren, wo kaum Anlass für sie besteht. Die Frage von Würde wurde angesichts von Tod, Verlust und dem Verschwinden kultureller Erinnerung verhandelt. Und Zusammenleben beginnt mit der Frage, ob Menschen überhaupt noch fähig sind, einander zu sehen und zuzuhören.

Die Verleihung des Preises an „Nowhere to Lay My Eyes“
Die Verleihung des Preises an „Nowhere to Lay My Eyes“ (© Locarno Festival/Baldassare Scolari)

 

Verzeihung – Das Unverzeihbare

Der Gewinnerfilm des „Goldenen Leoparden“, „You Don’t Belong Here“ von Florin Șerban, stellt das Verzeihen vor seine schwierigste Aufgabe. Ein rumänischer Klinikdirektor hat sein Leben nach klaren berufsethischen Regeln ausgerichtet. Seit dem Tod seiner Frau zieht er seinen Sohn allein auf. Dass dieser Teil einer gewalttätigen Bürgerwehr ist und sogar unter Mordverdacht gerät, dämmert ihm erst spät. Die Spannung zwischen Gesichtsverlust und Loyalität zu seinem Sohn droht ihn zu zerreißen. Wie soll er seinen Sohn weiterhin lieben, wenn er dessen Taten nicht entschuldigen will? Verzeihung bedeutet hier gerade nicht Verharmlosung, sondern die schmerzhafte Frage, ob Beziehung trotz Schuld möglich bleibt.

Im Unterschied dazu richtet „The Riverbank“ von Matheus Farias und Enock Carvalho den Blick nach innen. Zwischen der Reinigungskraft Izaquiel und dem Fischer Jeremias entwickelt sich in den Mangroven bei der brasilianischen Stadt Recife eine Beziehung zwischen Begehren, Gewalt und Selbstentdeckung. Verzeihung wird hier zur Versöhnung mit der eigenen Identität: zur Möglichkeit, Scham und gesellschaftliche Zuschreibungen nicht länger über das eigene Leben bestimmen zu lassen. In den marginalisierten, queeren Gruppen dominieren Offenheit, die Sorge füreinander und die Kunst, trotz aller Differenzen gleichberechtigt zusammenzuleben, während sich eine evangelikale Gemeinschaft als Hort der Gewalt und der Unterdrückung entpuppt.

 

Hoffnung – Keine Vertröstung

Auch der deutsch-ukrainische Wettbewerbsbeitrag „I Rarely Wake Up Dreaming“ von Isabelle Stever versteht sie nicht als optimistisches Versprechen, sondern eher als eine Realität. Olya und ihr Trans-Verlobter Oleh wollen nach dem russischen Angriff aus der Ukraine fliehen, doch Oleh darf als juristisch gesehen „männlicher Mensch“ das Land nicht verlassen. Hoffnung liegt hier im Beharren auf Selbstbestimmung, Liebe und der Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft – unter Verhältnissen, die Identitäten von außen festschreiben, während sie von dem jungen Paar so respektvoll wie widerständig entwickelt und geschützt werden.

„I Rarely Wake Up Dreaming“ zeigt Hoffnung im Beharren auf Selbstbestimmung
„I Rarely Wake Up Dreaming“ zeigt Hoffnung im Beharren auf Selbstbestimmung (© X-Filme Creative Pool)

 

In Gurvinder Singhs Drama „Rehmat“ wird Hoffnung hingegen zur tätigen Barmherzigkeit. Drei Geschichten aus dem Punjab erzählen von Verlust, Gewalt und Fürsorge; eine Frau versteckt einen verwundeten Fremden, während ein geheimnisvoller alter Mann behauptet, Gott zu sein. Der Film rückt die Gastfreundschaft ins Zentrum und fragt, ob Gnade überhaupt eines Wunders bedarf – oder dort beginnt, wo Menschen trotz Angst füreinander Verantwortung übernehmen.

 

Würde – Körper und Gedächtnis

In „Violence du corps de l’autre“ führt der kanadische Filmemacher Denis Côté die Menschenwürde an die Grenze von Leben und Tod. Eine wortlose Frau hilft verzweifelten Menschen beim Sterben. Sie scheint instinktiv zu wissen, was ihrer Klientel dient. Bis sie eines Tages auf einen schwerkranken jungen Mann trifft, der ein Gespräch dem Abschied vorzuziehen scheint. Der Film fragt nach der Würde der Sterbenden und ihrer Selbstbestimmung, aber auch nach der jener „Sterbehelferin“, die wie eine Personifikation des Todes als Freund voller Zuwendung in die Häuser der Menschen kommt. Was macht es mit einem Menschen, wenn er immer wieder den Wunsch anderer vollstreckt? Auch die Begleiterin des Todes wahrt ihre Würde und bleibt zugleich verletzlich.

Das autobiografisch inspirierte Road Movie „Far From the Trees“ von Meritxell Colell Aparicio erweitert Würde auf Sprache und kulturelles Gedächtnis. Die Klangkünstlerin Adela reist durch Peru, um Sprachen, die vom Verschwinden bedroht sind, aufzuzeichnen; dabei stößt sie auf ihre eigene Familiengeschichte, der sie zugleich zu entfliehen trachtet. Doch wer bewahrt hier wessen Stimmen? Die auch akustisch höchst anspruchsvoll gestaltete filmische Suche nach Erinnern und Bewahren, die damit auch Fragen der Anthropologie und des kolonialen Blicks berührt. Würde meint in diesem Film auch das Recht, in der eigenen Sprache gehört und erinnert zu werden.

Fehlerhafte Kommunikation: „Nowhere to Lay My Eyes“
Fehlerhafte Kommunikation: „Nowhere to Lay My Eyes“ (© Jeonwonsa Film Co.)

 

Zusammenleben – Sehen und Hören

Beim ökumenischen Empfang sprach Giona A. Nazzaro vom „l’Altro“, dem Anderen, dem wir wieder näherkommen müssen. In dem Drama „Nowhere to Lay My Eyes“ von Hong Sang-soo, das die Ökumenische Jury mit ihrem Preis auszeichnete, wird viel gesprochen, ohne dass die Menschen einander wirklich sehen. Eine Frau besucht nach zehn Jahren ihre Mutter; in ihren Alltagsgesprächen klingen alte Kränkungen, Erwartungen und Entfremdung an. Kunsttheorie und Filmtheorie fließen in die zarten Spitzen der Dialoge und Bebilderungen mit ein. Es findet keine große Aussprache statt. Die Annäherung beginnt viel bescheidener: beim Zuhören, Hinsehen und der Bereitschaft, das eigene Bild vom anderen infrage stellen zu lassen.

In „Hearing“ von Lê Bảo wird hingegen ganz genau hingehört, ohne dass damit schon ein Zuhören garantiert wäre. Der Mechaniker Ninh hat sich in seinem Beruf darauf spezialisiert, Messgeräte für Geräusche zu installieren; seine getrenntlebenden Eltern sprechen hingegen nicht mehr miteinander. Während sich der Lärm messen lässt, fehlt für menschliche Stille ein analoges Sensorium. Zugleich weitet der Film das Zusammenleben auf Natur, Lebensraum und kulturelle Tradition aus: Verantwortung gilt nicht allein dem anderen Menschen, sondern auch der Welt, die miteinander geteilt wird.

Die Filme des 79. Wettbewerbs in Locarno lieferten keine einfachen Antworten auf die Erkundung des Menschlichen. Verzeihung hebt Schuld nicht auf, Würde schützt nicht vor Verletzlichkeit, Zuhören garantiert kein Verstehen, und Hoffnung kein Happy End. Vielleicht verbindet sie die Weigerung, den anderen Menschen aufzugeben. Kino wäre dann tatsächlich jenes „Laboratorium der Hoffnung“, von dem Papst Leo XIV. sprach: kein Ort fertiger Lösungen, sondern ein Raum, in dem sich erproben lässt, wie wir dem Anderen begegnen können.

 

Hinweis

Die Autorinnen Viera Pirker und Sarah Stutte waren Mitglieder der Ökumenischen Jury beim 79. Filmfestival in Locarno. Weitere Juroren waren Juha Rajamäki und Jean-Luc Gadreau.

Jetzt den FILMDIENST-Newsletter bestellen

Ja, ich möchte wöchentlich den FILMDIENST-Newsletter abonnieren. 
 
In jedem Newsletter befindet sich ein Link zum Abbestellen. 
 
Hinweise zum Widerruf und der Verarbeitung der Daten geben wir in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar verfassen

Kommentieren