Der Münchner Schauspieler Alexander Held war im deutschen Kino ein beliebter Nebendarsteller und erhielt in einigen Krimiserien auch dankbare Hauptrollen. Nach seinem überraschenden Tod am 12. Mai 2026 sind jetzt zwei neue Folgen der Reihe „München Mord“ in der ZDF-Mediathek zu sehen, in denen der Schauspieler als exzentrischer Chef eines Ermittler-Trios agiert. Insbesondere „Die Stadt, die es nicht gibt“ unterstreicht die Qualitäten der Serie und gibt Held Gelegenheit zu glänzen.
Am 12. Mai 2026 verstarb der Schauspieler Alexander Held überraschend im Alter von 67 Jahren. Er spielte in vielen deutschen Kino- und Fernsehfilmen mit, in Komödien wie „Der Schuh des Manitu“ (2001), in Kinderfilmen wie „Bibi Blocksberg“ (2002), in Historienfilmen wie „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ oder „Die Päpstin“ (beide 2009). Besonders häufig wurde er in Nazi-Filmen besetzt, weil es Held besonders gut gelang, soziale Härte und Gewalt mit einer gewissen Gutherzigkeit zu verbinden; so war er in „Der Untergang“ (2004) als hoher SS-Führer und in „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ (2005) als ermittelnder Kriminalbeamter zu sehen.
In einigen Fernsehserien wurden ihm auch Hauptrollen zuteil. So war er seit 2010 in der Serie „Stralsund“ (ZDF) als Leiter des Kommissariats der ruhende Pol unter den wechselnden Polizeibeamten. Populär wurde er 2014 als Kriminalhauptkommissar Ludwig Schaller in der Krimiserie „München Mord“. Die von Alexander Adolph und Eva Wehrum konzipierte Serie wird regulär im ZDF am Samstag um 20.15 Uhr ausgestrahlt.
Das könnte Sie auch interessieren:
- Leders Journal (58): „Der verlorene Schlaf“ – ein cinephiler Lesetipp
- Leders Journal (57): Das Fernsehen und die Fußball-WM
- Leders Journal (56): Vom Abbild zum Avatar
Eine Außenseiter-Einheit
Schaller, seine Kollegin Angelika Flierl (Bernadette Heerwagen) und Harald Neuhauser (Marcus Mittermeier) gelten als Außenseiter im Morddezernat der Münchner Polizei: Schaller, weil er psychisch instabil ist und auch schon in der Psychiatrie gewesen sein soll. Flierl, weil sie es nur dank des Polizeipräsidenten, der ihr Onkel ist, zu einer Stelle als Ermittlerin geschafft haben soll. Und Neuhauser, weil er sich als eitler Strizzi mehr für Frauen als für die Fälle interessiert und zudem gewalttätig sein soll. Ihr Chef Helmut Zangel (Christoph Süß) hat sie in einen Kellerraum des Präsidiums abgeschoben und betraut sie mit den absurdesten Fällen, weil er hofft, dass sie dabei möglichst drastisch scheitern.
Diese Konstruktion einer Außenseiter-Einheit, die im Konflikt mit einem eitlen Chef steht, der auf ihre Fehler hofft, ist zwar nicht neu. Spannend daran ist allerdings, wie sich die Personenkonstellation in den einzelnen Geschichten weiterentwickelt und die Figuren dabei zu Charakteren werden, die im Umgang mit den Verbrechen als Individuen reagieren. Ihre besondere Qualität gewinnt die Serie aber vor allem dadurch, wie in ihr die Stadt München erscheint, die nicht nur den Namen leiht, sondern in der alle Szenen auch tatsächlich gedreht werden.
Soziologisch präzise in München verortet
Vor allem das Autoren-Duo Friedrich Ani und Ina Jung, das bislang acht Drehbücher verfasste, gelingt es immer wieder, seine Geschichten soziologisch präzise in der Großstadt zu verorten. Das gilt sowohl für die Kriminalfälle, aber auch für die Nebenfiguren, die darin involviert sind. Auf dieser gut recherchierten Basis von realen Orten und sozialen Verhältnissen kann sich vor allem die besondere Darstellungsweise von Alexander Held entfalten. Sein Ermittler fühlt sich gleichermaßen in Täter wie Opfer ein; er spielt nach, wie die Taten geschehen sein könnten, torkelt wie ein Betrunkener durch die Gegend, um dessen Blick auf ein Verbrechen zu rekonstruieren, stolpert eine Treppe hinab, um herauszubekommen, ob es sich beim Todessturz um einen Unfall oder ein Verbrechen handelte, oder lässt sich von einem imaginären Hund durch eine Vorstadtstraße ziehen, um eine Ahnung davon zu erlangen, wie ein Verbrechen geschehen sein könnte.
Held, der in seiner Jugend ein guter Fußballtorwart gewesen sein soll, vollzieht diese körperlich durchaus anspruchsvollen Aktionen mit Grandezza und deutet zugleich das Spielerische und das Imaginative an, das ihnen eigen ist. Zugleich nimmt man ihm die Kommentare ab, mit denen seine Figur auf die baulichen und sozialen Veränderungen in den Münchner Stadtteilen reagiert. Man spürt, dass Held sich in dieser Stadt, in der er geboren wurde und in der er an der Falckenberg-Schule Schauspiel studierte, bestens auskennt, ohne mit dialektalen Anklängen oder bajuwarischen Floskeln prunken zu müssen. Besonders markant glänzt hier seine Fähigkeit, gut geschriebene Oneliner wie im Nebenbei loszuwerden, weshalb ihre Pointen indirekt wirken, ohne zu Schenkelklopfern zu entarten.
Als Alexander Held starb, waren zwei weitere Folgen abgedreht. Die erste Folge mit dem Titel „Die Stadt, die es nicht gibt“ zeigte das ZDF am 22. August 2026. Das Drehbuch verfassten Matthias Kiefersauer und Alexander Liegl. Die Folge spielt auf die ruhmreichen 1980er-Jahre an, in denen München als die europäische Hauptstadt der Popmusik galt, in die es die Stars der Branche reihenweise zog. Die mehrjährige Präsenz des Sängers Freddie Mercury in München, der mit der britischen Gruppe Queen in dieser Zeit zu Weltruhm aufstieg, bildet so etwas wie den erzählerischen Boden, auf dem sich in dieser Folge das Verbrechen entwickelt, das vom Außenseiter-Trio aufzudecken ist.
Gewohnt bissig
Während Marcus Mittermeier die Chance nutzt, mit seiner Figur unter körperlichen Mühen (enge Jeans, knappe Lederjacke) zu jenem jugendlichen Lover zu regredieren, der er in den 1980er-Jahren gewesen zu sein glaubt, grinst Bernadette Heuwagen als deutlich jüngere Ermittlerin über die vergeblichen Versuche ihres Kollegen, eine verblichene Virilität zu reaktivieren. Alexander Held, der die Kollegin bis zuletzt in seiner antiquierten Sprache als „Fräulein Flierl“ anspricht, kommentiert die Schwärmerei über die gute alte Zeit Münchens gewohnt bissig. Sein schönster Satz, „Wer sich an die 1980er-Jahre erinnern kann, hat sie nicht erlebt“, ist allerdings ein Zitat des österreichischen Musikers Johann Hölzel, der in diesen Jahren als Falco zum Pop-Star aufstieg.
Die letzte Folge mit Alexander Held als Schaller ist unter dem Titel „Das Recht auf Glück“ ebenfalls in der ZDF-Mediathek zu sehen. Allerdings verfügt sie nicht über eine vergleichbare Qualität. Die von Peter Kocyla geschriebene Geschichte spekuliert leichtfertig mit psychischen Erkrankungen und führt sogar einen giftigen, aus China importierten Pilz ein, mit dem der entscheidende Mord begangen wurde. Alexander Held wirkt in dieser Folge etwas lustlos, vielleicht auch, weil er in ihr keine besonderen Augenblicke hatte.
So bleibt der Schauspieler am schönsten mit einer Szene in Erinnerung, als er in „Die Stadt, die es nicht gibt“ mit dem treuherzigen Blick, den er sich von dem Wackel-Dackel abgeschaut haben mag, der seinen Schreibtisch ziert, seinem Kollegen erklärt: „Die Gier ist ein Luder, Harald!“