Stets aufs Neue überraschen

An der Beschäftigung mit der Filmgeschichte führt kein Weg vorbei

Diskussion

Als der Regisseur Christopher Nolan Ende Juli 2017 sein jüngstes Werk „Dunkirk“ in die Kinos brachte, stellte er für das British Film Institute eine begleitende Filmreihe zusammen: Elf Werke, zwischen 1924 und 2010 entstanden, auf die er während der Vorbereitungen zu seinem Kriegsfilm zurückgegriffen hatte. Auf den ersten Blick verband diese Filme wenig mehr als der Umstand, dass sie beziehungsweise ihre Regisseure gemeinhin als Klassiker gelten.


"Dunkirk" von Christopher Nolan
"Dunkirk" von Christopher Nolan


Man hätte überrascht sein können, dass Nolan seine Inspirationsquellen so offen darlegte, würde für Filmemacher nicht generell kein Weg an den Klassikern vorbeiführen. Gleichgültig, ob sie Martin Scorsese, Apichatpong Weerasethakul oder Bora Dagtekin heißen: Am Beginn jedes Films steht immer die Beschäftigung mit wichtigen Referenzfilmen, um von dort aus etwas Neues zu erschaffen, das bleibenden Eindruck hinterlässt.


Filmklassiker müssen sich gegen viele Konkurrenten durchsetzen

Aus Sicht der Filmschaffenden ist an der Wichtigkeit von Klassikern also nicht zu rütteln. Doch wie sieht es auf Seiten der Zuschauer aus? Das breite Publikum misst Klassikern angeblich weniger Bedeutung bei, da der Kinostart-Kalender mit Filmen prall gefüllt ist; im Fernsehen und auf den Streaming-Plattformen gibt es mehr als genug aktuelle Serien und bei Youtube eine unübersehbare Anzahl an amüsanten Kurzvideos. Warum sollte man also daneben noch die Klassiker pflegen, Werke aus einer vergangenen Zeit, die nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten entsprechen und womöglich schwarz-weiß, schwer zu verstehen oder gar tonlos sind?

Auch für Filmkritiker ist diese Frage nicht immer leicht zu beantworten. Weniger aus Zweifel am Wert historischer Werke als vielmehr der paradoxen Ausgangslage wegen, in der man sich als Filminteressierter befindet: Einerseits war es noch nie so leicht, sich die Filmgeschichte zu erschließen. Kritiker früherer Zeiten konnten mit jeder Kino- oder Fernseh-Aufführung eines Klassikers hautnah dessen Verschwinden miterleben, da das Filmmaterial mit jeder Nutzung schwächer wurde; ein Abnutzungsphänomen, das im DVD-Zeitalter und durch die Digitalisierung zwar nicht aufgehalten, aber erheblich verlangsamt wurde. Zur Belastbarkeit der Filme kommt ihre Verfügbarkeit, da immer mehr des historischen Filmbestands auf DVD, Blu-ray oder via Video-on-Demand greifbar ist – kein Vergleich zu Zeiten, als man seine Klassiker nur durch Eigeninitiative und Glück zusammenbekam.


Das Reich der Filmgeschichte wächst unaufhörlich

Andererseits war der Umgang mit Klassikern aber auch noch nie so schwierig. Wer etwa während oder kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa oder der USA das Kino kennenlernte, hatte es ungleich einfacher: Es galt lediglich 50 Jahre an Filmgeschichte aufzuarbeiten; obendrein brauchte man kaum über den eigenen kulturellen Tellerrand hinauszuschauen. Klassiker kamen aus dem eigenen Land oder den großen westlichen Filmnationen, den Rest der Welt konnte man getrost ausblenden. Im Vergleich dazu bedeutet ein umfassendes Klassikerstudium heute nicht nur, zusätzlich (!) weitere 70 Jahre filmischer Entwicklung zu berücksichtigen, sondern auch die Folgen einer immer größeren globalen Ausdifferenzierung der Filmkunst. Was es umso schwerer macht, sich im unübersichtlichen Klassikerdschungel zu orientieren.


Die Lust der Interpretation

Die „Filmklassiker“-Rubrik auf filmdienst.de verfolgt das Ziel, einige Schneisen in dieses Dickicht zu schlagen, auf neue Publikationen von alten Filmen aufmerksam zu machen sowie überraschende Perspektiven auf bekannte und weniger bekannte „Klassiker“ zu werfen. Es gilt, Entdeckungen zu machen, etablierte Gewissheiten zu überprüfen und Bögen in die Gegenwart zu schlagen. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass sich etwaige Widerstände gegen die Vergangenheit des Kinos abbauen lassen und der Reichtum der Filmgeschichte weitervermittelt wird. Dass Filmauswahl und Zugriffe subjektiven Kriterien folgen, versteht sich von selbst, ebenso, dass keiner der Texte den Anspruch auf ein finales Urteil erhebt. Schließlich zeichnet es Klassiker gerade aus, dass sie stets aufs Neue überraschen und die Fantasie der Zuschauer immer weiter animieren.


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