The Marvelous Mrs. Maisel

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Es ist eine ganz wortwörtliche Befreiung aus dem Korsett der klassischen Rollenbilder, die Miriam Maisel eines nachts in einem Kellerklub in Greenwich Village hinlegt: Auf der Bühne entblößt sie ihre Brüste, als Teil eines spontanen, von zu viel Alkohol befeuerten Comedy-Auftritts, bei dem sie spontan dem Frust über ihren untreuen Ehemann Luft macht. Im New York des Jahres 1958 ein skandalöser Akt, der prompt zur Verhaftung führt. Aber auch der Auftakt einer für ihre Zeit ungewöhnlichen Künstler-Karriere.

Dabei ist es in der neuen Comedy-Serie von Amy Sherman-Palladino zunächst Joel Maisel, der davon träumt, als Stand-up-Comedian berühmt zu werden. Wenn er seinen einträglichen, aber öden Bürojob hinter sich gebracht hat, tauschen er und Miriam ihre schicke Upper-Class-Garderobe gegen Bohème-taugliche Klamotten und fahren von der Upper West Side nach Greenwich Village, dort, wie sich die hippe Künstler-Szene der Stadt trifft. Joel erprobt sich auf der Bühne, während Miriam noch ganz aufgeht in ihrer Performance als perfekte jüdische Hausfrau: ihr Brisket ist exzellent, die Wohnung adrett, die Kinder vielleicht nicht ganz so hübsch wie die Mutter, ansonsten aber wohlgeraten, und um ihrem Ehemann den Anblick ihres ungeschminkten Selbst zu ersparen, wäscht sich Miriam abends erst dann das Make-up weg, wenn ihr Mann schon eingeschlafen ist, und steht pünktlich auf, um sich schön zu machen, bevor er beim Weckerklingeln die Augen aufschlägt.

Man ahnt früh, dass diese Rollenverteilung nicht lange gutgehen wird. Joel gibt als Comedian eine ziemlich lahme Nummer ab, während man bereits in der ersten Sequenz der ersten Folge sieht, wenn Miriam bei ihrer Hochzeit die Gäste mit einer ebenso witzigen wie gewagten Rede unterhält, dass ihre Show-Talent wesentlich zündender ist als die ihres Gatten und dass sie erst vor Publikum so richtig zu sich selbst findet: paradoxerweise traut sie sich in der Rolle der Entertainerin, viel ehrlicher und „ungeschminkter“ zu sein als im normalen Leben. Entsprechend hält sich das Mitleid in Grenzen, als selbiger Gatte eines Tages beschließt, dass ihn das Leben mit Miriam zu arg einschränkt, und mit seiner Sekretärin durchbrennt: Miriam mag erstmal darunter leiden wie ein Hund, aber es ist abzusehen, dass letztlich sie diejenige sein wird, die in der neugewonnenen Freiheit aufblüht. Wozu auch die Tatsache beiträgt, dass sie in der ruppigen Suzie, in den dem Kellerclub in Greenwich Village arbeitet, eine Freundin findet, die ihr bei ihren künstlerischen Gehversuchen zur Seite steht.

Showrunner der Amazon-Eigenproduktion ist Amy Sherman-Palladino, die u.a. als Drehbuchautorin für die Comedyserie „Roseanne“ reüssierte und dann als Erfinderin der „Gilmore Girls“ Fernsehgeschichte schrieb. Ihr neues Projekt kreist erneut um eine starke, clevere Frauenfigur (gespielt von Rachel Brosnahan) und begeistert nicht nur durch gepfefferte Dialoge und treffsichere Situationskomik, sondern auch als Zeitbild der späten 1950er: Einerseits kommt die Serie als lustvolle, knallbunte Kostüm- und Ausstattungsorgie daher, als Hommage ans alte New York, das jüdische Leben dort und die Bohème der Beat-Generation; andererseits gibt sie einen guten Rahmen abgibt, um sich an Geschlechterrollenbildern, ihrem mühsamen Aufbrechen und speziell am Thema „Frauen im Show-Biz“ zu reiben. So komisch „The Marvelous Mrs. Maisel“ mit seiner hinreißenden Hauptfigur und diversen exzentrischen Nebenfiguren auch ist, schafft es Sherman-Palladino, das Thema durchaus ernst zu nehmen: Bei Miriam Maisel, wenn sie auf der Bühne alles gibt und mit unkaputtbarem Optimismus ihre Frau steht, scheinen durchaus auch tragische Seiten durch. Wie es sich für eine Vorkämpferin gehört.
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