Der Sound von Apichatpong Weerasethakul

„Soundworks“ aus den Filmen des thailändischen Filmemachers

Diskussion

In Deutschland war sein letzter Film „Cemetery of Splendour“ Anfang 2016 nur sehr kurz in sehr wenigen Kinos zu sehen. Das ist bei dieser Art von Filmkunst leider viel zu häufig der Fall. Die Wartezeit bis zum nächsten Film des thailändischen Filmemachers Apichatpong Weerasethakul kann man sich allerdings dadurch verkürzen, dass man den intermedialen Spuren folgt, die er an überraschenden Orten zu legen versteht. So nutzte Weerasethakul Ende 2017 unter dem Titel „Fever Room“ in der Berliner Volksbühne einige „Lauf“-Bilder von „Cemetery ofSplendour“ als Teil einer dynamischen Multimedia -Installation auf mehreren Leinwänden nebst Lasershow und Trockeneisnebel. Man mag dies als „reines Licht-Mysterienspiel, das auch in einem Museumsraum gezeigt werden könnte“ erachten (vgl. FD 26/2017). Man kann aber auch sagen: Ein interessantes und aufschlussreiches Experiment auf dem von Chris Dercon angestrebten Weg zum Projekt einer Neubestimmung des Theaters jenseits etablierter Formen des Theatralen, aber zugleich auch ein Experiment im Zeichen einer alternativen Bestimmung des Verhältnisses zwischen Theater und Kino.

Wer in diese Richtung produktiv weiterdenken und insbesondere weiterhören möchte, dem sei ausdrücklich das Album „Metaphors.Selected Soundworks from the Cinema of Apichatpong Weerasethakul“ ans Herz gelegt. Wobei das Wort „Soundworks“ hier sehr bewusst gewählt ist, denn es handelt sich um vielstimmige, vielschichtige Klanginstallationen, die teilweise sogar erst als Installationen entstanden sind und von dort aus in die Filme gewandert sind. Da mischt sich im Falle von „Uncle Boonmee“ oder dem Kurzfilm „Ablaze“ Ambient-Atmosphärisches wie Regen, Donner, Wind, Glucksen von Bächen oder Quellen, Knacken und Knistern mit Tiergeräuschen, die mal Dschungel-Kulisse (Zikaden) bleiben, mal geradezu als Sound-Protagonisten (Wasserbüffel, Vögel) in den Vordergrund drängen. Mitunter wehen auch Musik, Verkehrsgeräusche oder Stimmen vorbei. Darunter liegen meist nicht zu überhörende Spuren menschlicher Einflussnahme und Gestaltung in der Post-Produktion, seien es Electronics, Loops, ein E-Bass, Industrial-Beat oder auch Perkussion. So entsteht ein pulsierendes Gewebe von gestalteter Naturnähe, das sich durchaus mit der Faszination, die von Weerasethakuls Filmen im Kino ausgeht, verträgt, hier aber rein akustisch gewissermaßen in konzentrierter Form wahrzunehmen ist.

Damit aber nicht genug, denn die Track-Dramaturgie der beiden Kuratoren Akritchalerm Kalayanamitr und Koichi Shimizu wartet mit einigen eingestreuten, sehr kontrastreichen Überraschungen auf, die das Album weit über eine New Age-Sound-Tapete hinausheben. Da gibt es einen Dream Pop aus „Tropical Malady“, einen Folksong zur Gitarre aus „Mekong Hotel“ oder eine an Hector Villa-Lobos gemahnende klassische Gitarrenkomposition aus „Syndromes and a Century“, einen selbstvergessenen Gesang aus „Cemetery of Splendour“ und schließlich, als Abschluss gewissermaßen, den Rocksong „Acrophobia“ von Penguin Villa, den es nach Onkel Boonmees Beerdigung in einem Hotel zu hören gibt.

Die CD, hochwertig mit Filmstills illustriert, biete zudem noch Informationen zu jedem einzelnen Track, nicht nur über das „Wie“ und „Warum“ der Musik, sondern auch zum Ort im jeweiligen Film, an dem man den Track finden kann. Mehr an Vergnügen und Information ist kaum zu wünschen. Jetzt gilt es, diese Einladung anzunehmen und einmal mehr oder auch erstmals die Filme zu sichten.


Discografischer Hinweis

Metaphors. Selected Soundworks from the Cinema of Apichatpong Weerasethakul. Compiled by Akritchalerm Kalayanamitr and Koichi Shimizu. Sub Rosa Production (SR 44).  Bezug: www.subrosa.net

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