Requiem für einen Isländer - Zum Tode von Jóhann Jóhannsson

Ein Nachruf auf den isländischen Filmkomponisten (19.9.1969-9.2.2018)

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Emphase ist seine Sache nie gewesen. Zumindest nicht jene Art, die man mit dem Erblühen zwischenmenschlicher Zuneigung, mit dem ersten Einfall von Sommerwärme in die Aprilwetterunbeständigkeit oder einem Sechser im Lotto verbindet. Für Glückseligkeit gibt es weiß Gott andere, die in Hollywood den richtigen Ton finden. Dafür braucht man keinen Isländer. Was nicht bedeutet, dass das Volk, das zwischen Gletschern, Geysiren und der rauen Gischt des Nordpolarmeeres eine zersiedelte Heimat gefunden hat, nicht aus sich herausgehen könnte. Nur, wenn Jóhann Jóhannsson eine musikalische Entsprechung dafür suchte, ließ ihr Klang an einen Regenbogen denken, dem man im Nebel eisiger Wasserfälle verortet.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet seine optimistischste, seine träumerischste, seine mithin pathetischste Musik für einen Film entstanden ist, die die tragische Lebensgeschichte des Physikers Stephen Hawking begleitet. Dieses ein wenig verträumte Moll aus „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (2014) war eine Reminiszenz an den seligen Richard Robbins und seine opulente Melancholie aus den Merchant-Ivory-Filmen „Was vom Tage übrig blieb“ oder „Wiedersehen in Howards End“. Mit dem eigentlichen musikalischen Wesen Jóhannssons aber hat dieser –mit dem „Golden Globe“ ausgezeichnete und „Oscar“-nominierte – Wohlklang nicht wirklich etwas zu tun gehabt.

Dabei war die Musik des (Film-)Komponisten selten abstrakt. Im Gegenteil! Mit den Dekonstruktivisten aus Amerika wie Charles Ives, Steve Reich oder Philip Glass hatte er nichts am Hut. Trotz seiner Experimentierlust und seinem Faible für Modernismen und Computer blieb der in Reykjavík geborene Musiker ungemein eingängig. Und doch ist es vielleicht gerade Charles Ives’ epochales, nur mit einer Trompete, vier Flöten und Streichquartett besetztes Stück „The Unanswered Question“, womit man die Sogwirkung von Jóhannssons Musik am besten vergleichen kann. Ähnlich wie Ives reichten Jóhannsson 2004 in seinem Studioalbum „Virðulegu Forsetar“ eine Handvoll Blechbläser und ein Generalbass, um eine Stunde lang, einer Endlosschleife gleich,mit einem einzigen kleinen Thema ganz ruhig und bedächtig zu fesseln. Damals war er gerade 35 Jahre alt und schon einer, dem die moderne Musikwelt zuhörte. Die großen Regisseure jedoch kamen erst knapp ein Jahrzehnt später auf den melancholischen Sounddesigner.

Besser gesagt: ein Regisseur, vielleicht der Regisseur des noch jungen 21. Jahrhunderts – Denis Villeneuve. Bemerkenswerterweise führt ihre Zusammenarbeit wieder zu einer nicht gerade typischen Jóhannsson-Musik, die jedoch einfach nicht mehr aus den Ohren der Filmmusik-Fangemeinde verschwinden will. Als Isländer mag das Brachiale, das Epische, Feuer und Eisen der Wikinger in den Genen von Jóhann Jóhannsson versteckt gewesen sein, „Sicario“ jedenfalls durchzieht spürbar das Düstere und das Archaische, was dem exzessiven Gebrauch des Schlagwerks zu verdanken ist. Jóhannsson hat für Villeneuves grimmigen Thriller keine Melodie parat. Jóhannssons Musik spiegelt den Terror wieder, den der Film unverblümt zeigt. Ein wenig erinnert die große Trommel im Track „The Border“ an die Computer-Pauken aus Carpenters „The Fog“. Hier ist alles ernst, und es werden keine Gefangenen gemacht. Angst und Beklemmung und Alarmstufe „Rot“ steht auf Jóhannssons Musik-Installationen geschrieben. Seine stoischen Rhythmen sind bedächtig und nicht hektisch – und daher umso zwingender. „Untypisch“ ist sie, weil Jóhannsson, ganz im Gegenteil zu all der anderen jungen, dynamischen Komponistenschaft in Hollywood eigentlich vom Schlagwerk Abstand hielt.

Aber was ist schon typisch bei Genies? Sie erfinden sich ständig neu, brechen ständig mit Klischees. So wie Jóhannsson in der unendlich traurigen „Desert Music“ in besagtem „Sicario“. Hier ist die Wüste nicht heiß und stickig und sandig, sondern trostlos und leer und voller kaputter Bierflaschen. Meisterlich!

Unendlich traurig ist auch, dass man Jóhann Jóhannsson am 9. Februar tot in seinem Appartement in Berlin fand. Er wurde gerade 48 Jahre alt. Wenn man ermessen will, was für einen Verlust diese Nachricht für die (Film-)Musikwelt bedeutet, sollte man sich vor allem anderen die 55 auf CD veröffentlichten Minuten zu Villeneuves „Prisoners“ anschauen. Hier ist der Isländer ganz bei sich – und bei Ives’ „The Unanswered Question“. Als hätte er schon 2013 ein Requiem für sich geschrieben. In jedem Fall ist es Musik für die Ewigkeit.


Drei Werke mit Filmmusiken von Jóhann Jóhannsson stehen 2018 noch zur Veröffentlichung an: Der US-amerikanische Horrorfilm „Mandy“ von Panos Cosmatos, das britische Segler-Drama „Vor uns das Meer“ von James Marsh (dt. Kinostart: 29.3.) und das biblische Drama „Maria Magdalena“ von Garth Davis mit Rooney Mara als Maria Magdalena und Joaquin Phoenix als Jesus Christus (dt. Kinostart: 15.3.).


Fotos: Jónatan Grétarsson, Sachyn Mital

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