SPIEGELSCHERBEN FILME BEIM 23. INTERNATIONALEN FORUM DES JUNGEN FILMS

Die Jahre haben gezeigt, daß ein Bericht über das Internationale Forum des jungen Films während der Berliner Filmfestspiele eigentlich immer eine Anzahl von Einzelbesprechungen sein müßte. Das "Forum" ist im Kern eine Ansammlung neuer Filme mit einer Vielzahl von avantgardistischen Tendenzen - entweder im Stil oder im Inhalt. Außerdem bemüht sich das "Forum" seit Jahren um die Kinematographien der unterschiedlichsten Länder der "Dritten Welt" - wobei auch hier der Akzent auf unterschiedlich herausragende Werke gelegt wird. Die neuesten philippinischen "Bombas" (Action-Filme) wird man hier nicht finden, nur weil sie von den Philippinen sind. In seiner Struktur ist das "Forum", anders eben als der Wettbewerb, eine Veranstaltung ohne Tendenz. Aber: Es wurde nur ein Film aus Lateinamerika gezeigt, und wenn dies eine Tendenz wäre, dann wären die Kinemathographien Lateinamerikas am Ende, wären ihre herausragenden Autoren verschwunden. Eher sind sie dem Schwerpunkt Ostasien zum Opfer gefallen. So könnte man weiter argumentieren: Es wurden drei Beiträge aus Italien gezeigt - obwohl (?) gerade Italien in einer der schlimmsten Film-Krisen seiner Geschichte steckt.

So soll der diesjährigen, extrem lockeren Struktur des "Forums" Rechnung getragen werden - in Form einer Ansammlung von Gedanken zu einigen herausragenden Filmen im Programm des "Forums". Zwangsläufig werden zwei Filme des Wettbewerbsprogramms eingeschlossen - "Sankofa" von Haile Gerima und "Requiem" von Reni Mertens und Walter Marti -, die dort ob ihrer Gewagtheit eher verloren wirkten. Sie stehen in jeder Hinsicht in einer Reihe mit den Filmen im "Forum", da sie sich um eine Erweiterung des Mediums Films bemühen - und darum geht es im Kern im "Forum".

I.

Würde und Objektivität der Halbtotalen, jener Einstellungsgröße, in der man den Menschen in seinem filmischen/realen Raum sieht. Zwei Dokumentarfilme, beide primär in der Halbtotalen gedreht, beide über Gruppen von Menschen, deren Leben und Arbeit außerhalb der Norm liegen - sie aber nicht nur bestätigen, sondern auch festigen. Romuald Karmakars "Warheads" verstörte viele schon, bevor man ihn gesehen hatte: ein Film über Fremdenlegionäre und Söldner, also über Menschen, über die man ein festes Bild hat. Man kann nicht sagen, daß Karmakar alles tut, um dieses Bild zu zerstören. Vielmehr schaut er zunächst einfach hin und leistet die Objektivität eines aufgenommenen Bildes, gesehen durch den subjektiven Filter der Kadrierung. Martin Schaubs "Die Insel" zeigt einem das Leben von Hirten im schweizerischen Alpstein. Er zeigt, aber präsentiert es nicht. Das Leben dieser Hirten ist für Schaub ein Faktum, ein Stück Geschichte und Tradition, das sich bis in die heutige Zeit bewahrt hat. Es geht Schaub auch nicht darum, irgendeine bessere Lebensweise in einer gesünderen Umwelt zu zeigen, sondern darum, eine notwendige Differenz zu formulieren. Einer der Hirten sagt denn auch einmal, daß dies zwar sein Leben sei und es schön sei, aber definitiv nichts für jeden.

Schaub und Karmakar zeigen Lebensformen und ihre Rituale, erklär

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