Hellhörigkeiten

Während eines Sanatoriumsaufenthalts in Berchtesgaden, war es wieder so weit: Plötzlich, so erzählt Thomas Harlan, klopfte es an der Tür, und ins Zimmer trat Professor Fritz Hippler, NS-Dokumentarist, Regisseur von „Der ewige Jude“ und ein alter Freund der Familie. Hippler hatte von Harlans Aufenthalt gehört und wollte „nur mal schnell“ vorbeischauen, um zu sehen, wie es „Thommy“ gehe. „Zum Abschied hat er mir seine Bücher dagelassen. Bücher aus dubiosen Verlagen über seine Zeit und seine Ratschläge an die neue Zeit.“ Die Zeit nach dem 8. Mai 1945: Im Hause Harlan herrschte reges Kommen und Gehen: „Nazi war keiner, war ja vorbei. Bisschen schwierig, die neue Zeit. Verstanden hat keiner irgendwas, jeder hat sich sein Plätzchen gesucht, bei der ‘Gloria-Film’, in der ‘Stillen Hilfe’ der Prinzessin Isenburg. Da saßen die großen Nazis am Tropf. All diese Leute sind an meinem Vater vorbei marschiert, wurden von ihm freundlich mit Whisky bewirtet. Ihre Welt war die alte, wenn auch älter geworden. Von einer Bundesrepublik merktest du da nichts.“ Thomas Harlan wurde 1929 als Sohn von Veit Harlan und der Schauspielerin Hilde Körber geboren. 1947 floh er vor vergleichbaren ungebetenen Anmutungen oder auch Verdammungen grauschläfiger älterer Herren aus Tübingen zum Studium nach Paris, wo er mit Gilles Deleuze und Michel Tournier zusammenlebte, Pierre Boulez kennen lernte und an der Sorbonne Philosophie und Mathematik studierte. In Reaktion auf den Savoir vivre im Hause des Vaters auch nach dem Krieg, den der Sohn als skandalös empfand, wurde er zum linksradikalen Internationalisten: Harlon recherchierte in Polen deutsche Kriegsverbrechen, schloss sich in Rom der Gruppe „La Lotta Continua“ an und blieb der ersehnten Revolution global auf dem Fersen: in Chile, in Guinea-Bissau, in Angola oder in Portugal, wo er zum politischen Filmemacher wurde: „Torre Bela“ (1976) dokumentiert die Schwierigkeiten zentralportugiesischer Tagelöhner mit den Widersprüchen selbstbestimmter Autonomie und ist von einer tiefen Sympathie zu den Akteuren geprägt. Auf scharfe Kritik stieß Harlans pessimistischer Blick auf die Revolution seitens der marxistischen Internationale, die den „Himmel über Portugal gerne etwas blauer gehabt hätten“ (Harlan). So schmerzlich diese Kritik für den Filmemacher, der sich nie ganz der Loyalität gegenüber der „alten kommunistischen Tante in Moskau“ entsagte („Die Freude darüber, dass man hinter der Mauer nichts mit dem US-Dollar kaufen konnte, die bin ich nie ganz losgeworden“), auch war, so entschied er sich doch für eine realistische Schwärze. Die Gespenster der Vergangenheit Das Casting beim nächsten Filmprojekt, mit dem Thomas Harlan aufs Ganze ging, wurde dann durch seinen Namen erleichtert: Als der

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