Vergesst die Thesen!

Wie soll man die Enttäuschung beschreiben, die nach dem Wiederlesen des Buches „Komposition für den Film“ haften bleibt, das von zwei deutschen Emigranten, Theodor W. Adorno und Hanns Eisler, im kalifornischen Exil 1944 geschrieben worden ist? Sind es doch zwei Kenner der Musik, der eine ein Kritiker, der andere ein Komponist, Verfechter einer avancierten Ästhetik, die sich mit einer zentralen Komponente künstlerischer Gestaltung im Film auseinandersetzen. Rührt die Enttäuschung daher, dass sie offenkundig Komposition für den Film nur als Beitrag zur Kulturindustrie verstehen können und daher oft hoffärtig arrogant über die populäre neue Kunstform urteilen: „Die Bemühung um die Ästhetik des Films wird darum besonders leicht schief, weil das Dasein des Films selber, ganz abgesehen von der Rücksicht auf den Markt, weniger in der künstlerischen Konzeption als im gegebenen Stande der optischen und akustischen Technik gründet.“ (S. 96) Einer Auseinandersetzung, wie sie etwa der Ästhetik der griechischen Tragödie gelten könne, wäre „dem Film gegenüber kindisch“ (ebd.). Hier äußert sich geistesaristokratischer Hochmut der „Unterhaltung“ durch „Massenkultur“ gegenüber, ein Furor, der an den konkreten Formen und Fakten dieser Populärkultur strikt vorbei sieht. Wer etwa Adornos Kapitel über Kulturindustrie in der 1947 erschienenen „Dialektik der Aufklärung“ liest, wird mit Verwunderung feststellen, dass sich seine fundamentale Polemik gegen den Film offensichtlich nur auf geringfügige Kenntnis realer Filme gründet. Etwas Ähnliches – radikale Schlussfolgerungen aus schmaler Empirie – w

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