EHRGEIZ UND STAUB

Im Februar 1976 formuliert Richard Cohn-Vossen sein Credo als Dokumentarist: "Dem Menschen begegnen, Suchender sein mit der Kamera. Augenzeuge, Chronist, Zeitgenosse. Ein leidenschaftliches Verhältnis zur Wirklichkeit entwickeln beim Suchen, Drehen, Schneiden, Interpretieren." Er deutet Schwierigkeiten an, die er mit seinen Arbeiten hat, geht auf den Vorwurf ein, seine "Filme seien spröde, eckig, ärgerlich. Die Weisen gar schauen unter den Strich, finden dort weder Plus noch Minus". Ironische Replik auf ein in der DDR nahezu ungeheuerliches Verdikt, hatte der Dokumentarfilm der DEFA doch von Staats wegen immer das Plus zu belegen, den Erfolg zu besingen.

Im Herbst 1976 unterzeichnet Richard Cohn-Vossen die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die mächtige Fraktion der Dogmatiker, die im DEFA-Dokumentarfilmstudio agiert und ihn seit Jahren attackiert, wittert Morgenluft. Ein Film, den er gerade dreht ("Arbeiterfamilie in Ilmenau"), wird ihm nach dem Rohschnitt aus der Hand genommen; ein Kollege montiert das Material neu, bringt es unter anderem Titel ins Kino. Richard Cohn-Vossen erhält Berufsverbot, sein Name wird aus den Analen der DEFA weitgehend getilgt. 1979 verläßt er ernüchtert und verbittert die DDR, arbeitet als Regisseur und Redakteur beim Norddeutschen Rundfunk. Seine DEFA-Filme verschwinden im Osten in den Archiven - im Westen kennt sie sowieso fast niemand. Dabei gehören sie zum Besten, was deutscher Dokumentarfilm zuwege brachte. Zeit also für die Spurensuche, die Wiederentdeckung.

LANGE LERNPHASE

Cohn-Vossen, geboren 1934 in Zürich und aufgewachsen im Moskauer Exil (sein Ziehvater war Alfred Kurella, einer der späteren führenden Kulturpolitiker der DDR), kommt 1955 nach Ostdeutschland, um an der Leipziger Universität das Physikstudium fortzusetzen. Doch nach sieben Semestern reizt ihn ein Wechsel: er bewirbt sich an der Babelsberger Hochschule für Filmkunst, absolviert die Aufnahmeprüfung, entschließt sich aber wenig später zur sofortigen praktischen Arbeit. Ab 1958 wirkt er als Dolmetscher, ab 1960 als Assistenzregisseur an Andrew und Annelie Thorndikes großangelegtem dokumentarischem Epos "Das russische Wunder" (1963) mit. Danach wird Cohn-Vossen Redakteur bei der Wochenschau "Der Augenzeuge" - in einer Zeit, in der sich das filmische Periodikum aus dem Korsett reiner Agitation zu lösen beginnt. Sein erstes Sujet: der Auftritt eines ceylonesischen Balletts. Für einen anderen Beitrag des .Augenzeugen" erhält er einen Preis in Oberhausen: "Glockengießer in Apolda", das Hochheben einer Kirchenglocke auf die Nikolaikirche in Leipzig. "In dem Sujet", sagt er später in einem Interview, "war das dann alles sehr emotional, sehr schön, mit ein bißchen verfremdeter Bach-Musik, sauber geschnitten, mit der üblichen Rahmenhandlung. Die Glockengießerei, das deutsche Handwerk, das fand s

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