Tränen & Champagner

Come writers and critics/Who prophesize with your pen/ And keep your eyes wide/The chance won’t come again/ And don’t speak too soon/For the wheel’s still in spin/ And there’s no tellin’ who/That it’s namin’./ For the loser now Will be later to win/ For the times they are a-changin’. (Bob Dylan, 1964) „Warum sind Sie so populär?“ „Ich hab’ absolut keine Ahnung. Ich mache das Gleiche wie vor zwei Jahren.“ Beim Check-in am Londoner Flughafen gibt sich der junge Schlacks mit dem krausen Haar und der dunklen Sonnenbrille auf der Nase ratlos. Bob Dylan tourte 1965 zum zweiten Mal durch England. Begleitet hatte ihn der amerikanische Dokumentarfilmer, Regisseur und Kameramann Donn Alan Pennebaker, der mit der Dokumentation „Don’t look back“ ein Meisterwerk des „direct cinema“ produzierte. Im Vergleich mit anderen Musikerfilmen – etwa „The Last Waltz“ (1976) von Martin Scorsese oder Jonathan Demmes „Stop Making Sense“ (1983), die beide mehr am Konzert interessiert sind – zeigt Pennebaker nur spärlich Bilder von Dylans Auftritten. Nicht einmal sein Konzert in der Royal Albert Hall wird übermäßig strapaziert. Gegen Ende des Films fällt Dylans Schatten im Gegenlicht diagonal über den Bühnenboden der Halle. Von hinten erfasst die Kamera den auf einem Barhocker postierten Sänger, den der Lichtkegel eines Scheinwerfers von vorn oben anstrahlt. „It’s all right, Ma“, krächzt Dylan in markanter Haltung, und schon zieht sich die Kamera zurück in den Bühnenhintergrund und das Bild des Rockpoeten optisch in die Länge. Der Mensch hinter dem Star Die Kamera ist mitten drin, der Ton gefüllt mit Atmosphäre. Pennbakers Dylan-Porträt wirkt heute noch genauso frisch, frech und authentisch wie zur Zeit seiner Entstehung. „Don’t look back“ zehrt augenscheinlich vom Image des Protestbarden, der sich unter anderem als Journalistenschreck erweist. Jene Bilder, die Andrew Hood in sein Dokudrama „Binningers Birne“ über den Glühbirnenerfinder Dieter Binninger spinnt, haben hier ihren Ursprung. Einem Trupp von Journalisten präsentiert Dylan eine Glühbirne und erläutert seine Botschaft. Der Rockpoet inszeniert sich mal scheu, mal ungemütlich kauzig. Mal nimmt er im Kreis von Freunden seinen Kollegen Donovan als „bloke“ auf den Arm, mal probt er mit Joan Baez im Hotelzimmer und tippt dabei seine Texte in die Schreibmaschine, mal staucht er schlechtgelaunt während einer Party

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