Genuss der Sinne

Wer sich einen Überblick über die indische Filmproduktion verschaffen will, stößt auf eine verwirrende Vielfalt. Das indische Kino hat Schwerpunkte in Bombay, Kalkutta, Kerala, Bengalen und weiteren Regionen entwickelt; es fächert sich in verschiedene Sprachen auf und umfasst quantitativ gesehen die weltweit größte Filmproduktion. (1) Dabei erlebt Bollywood, die kommerzielle Produktion des Hindi-Films, derzeit eine weltweite Expansion, aber auch eine große Krise. Das populäre indische Kino zelebriert das hybride Genre. In einem faszinierenden Mix aus Musical, Melodram, Liebesgeschichte und Familienfilm bewegt sich der Mainstream des indischen Subkontinents in einem hemmungslos schwelgerischen Stil der Farben und Emotionen, was für westliche Augen und Ohren gewöhnungsbedürftig und kultverdächtig zugleich ist. Ein Bollywood-Film – hergestellt in den Filmstudios Bombays und durch seine kommerzielle Ausrichtung in Verbindung mit Hollywood gebracht – ist vor allem ein Musical, ein Genuss der Sinne, eine Schatztruhe voller populärer Songs. Er ist stets auch ein Melodram, denn das Liebespaar erleidet schreckliche Qualen, indem die Leidenschaften durch die bestehende Gesellschaftsordnung in die Schranken gewiesen wird. „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ (Kritik in dieser Ausgabe) vereint die Qualitäten dieses hybriden Genres. Hier schwelgt die Kamera in expressiven Farben, streicht durch den Familien-Palast, lässt Tänzerinnen in traditionellen Saris durch die Kulissen gleiten und feiert religiöse Lichtrituale. Übergangslos inszeniert sie die Helden in modernem Outfit mit den Accessoires der globalisierten Welt in bombastischen Musicalszenen, entschwebt mit dem Liebespaar in luftige Höhen faszinierender Landschaften und kehrt plötzlich in die Filmhandlung zurück. Richtet Hollywood seine Filme bereits seit Jahrzehnten auf ganz bestimmte Publikumssegmente aus, so ist das indische Kino aus Bombay nach wie vor populäres Kino im eigentlichen Sinn: Filme für die Familie, die zum gemeinsamen Ausflug ins Kino locken und eine ganze Palette von Emotionen ansprechen, ähnlich einem reichhaltigen indischen Hochzeitsbankett, das Speisen aller Schärfegrade nebeneinander anbietet. (2) Doch gibt es Differenzen in den kulturellen Codes und insbesondere in der Erzählweise. So ist die Farbdramaturgie für westliche Augen ungewöhnlich, und der Klang-Raum widerspricht den Hörgewohnheiten, da der akustische Raum in verschiedene Ebenen zerfällt: Gesangsstimmen, Musik und Geräusche lassen sich nicht mehr einem einheitlichen akustischen Raum zuordnen. Vor allem die Codierung der Sexualität ist bizarr: Da es im Bollywood-Kino ein faktisches Kussverbot gibt, umgehen die Inszenierungen dieses durch merkwürdige Figurenkonstellationen und obszöne Tanz-Choreografien. Konsum als neue Religion Die Flieβbandproduktion hat sich jahrzehntelang aus dem unermesslichen Schatz der traditionellen indischen Kultur genährt; die religiösen Gesangsformen Bhajans und Qawwali wurden poppig arrangiert, Volkstänze mit Musical-Tänzerinnen und -Tänzern aufgepeppt, die märchenhaften Tempel und Paläste dienten als Kulisse. So entstand eine Traumwelt, in der sich das Publikum heimisch fühlte, den Handlungsablauf und seine Symbolik verstand. In den 1990er-Jahren hat sich die indische Gesellschaft nachhaltig verändert und ist in den Prozess der Globalisierung eingetreten. Die wachsende Mittelschicht vergleicht die einheimischen Filme immer mehr mit dem US-amerikanischen Import und verlangt nach neuen Erzählmustern und neuem Design. Bollywood schielt immer mehr nach Hollywood und imitiert amerikanische Vorbilder. „Mohabattein“ orientiert sich an „Club der toten Dichter“, „Pretty Woman“ fand eine unwürdige Kopie in „Chori Chori, Chupke Chupke“, der außergewöhnlich erfolgreiche Film „Kuch Kuch Hota Hä“ („Liebe liegt in der Luft“) bietet Teenagern der aufstrebenden Mittelklasse Miniröcke, Basketball und coolen Slang. Aus solchen Filmen ist die indische Real

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