Mit Licht erzählen

Wie viele der großen Kameraautoren war auch John Alton (1901–1996) ein Fanatiker. In seinem berühmten Buch „Painting with Light“ aus dem Jahr 1948 schrieb er nicht nur über die Geheimnisse der Kamerakunst, sondern dehnte dies zu einer regelrechten Weltsicht aus. Alton erklärte, dass es keine Liebe auf den ersten Blick gäbe, sondern nur „love at first light“. Frauen riet er, immer auf das richtige Licht zu achten; bevor sie die Straße überquerten, sollten sie erst die Lichtverhältnisse studieren. Grün ausgeleuchtete Bars, die das Aussehen auch des schönsten Menschen ruinieren, waren ihm ein Gräuel.

Schon als Kind in Ungarn war Alton Fotoamateur. Als Halbwüchsiger lernte er einen Kameramann der Fox-News kennen; nach Abschluss der Schule wurde er dessen Assistent. 1918 wanderte er nach Amerika aus. Sein New Yorker Onkel schickte ihn aufs College, aber er schlich um die New Yorker Studios herum und wurde schließlich Statist. 1923 brach er nach Hollywood auf, wo er 1924 im Kopierwerk von MGM unterkam. Bald drehte er Billigwestern für „Woody“ Van Dyke. Wegen seiner Sprachkenntnisse wurde er 1927 nach Europa geschickt, um „stock shots“ von europäischen Originalschauplätzen zu machen. Er nützte die Zeit und sah sich in den europäischen Studios um: „Die europäischen Kameramänner setzten ein wundervolles Licht. Sie arbeiteten sorgfältiger und ließen sich mehr Zeit als die amerikanischen. Vor allem von den Ufa-Kameraleuten habe ich eine Menge gelernt. In den 1920er-Jahren waren sie die besten der Welt.“ Karl Freund und Curt Courant hob Alton besonders hervor. Ab 1928 war er bei der Niederlassung von Paramount in Paris, wo er einen argentinischen Geschäftsmann kennen lernte, der ein Tonfilmstudio in Buenos Aires errichten wollte. Von 1931 bis 1939 arbeitete er dort als Kameramann und Regisseur. Dabei machte er eine ernüchternde Entdeckung: „Als Kameramann sehe ich nicht das Gesicht eines Schauspielers, sondern das Licht auf ihm. Es ist unmöglich, sich auf beides gleichzeitig zu konzentrieren: Entweder achtet man auf das Licht oder auf das Mienenspiel, die schauspielerische Leistung. In diese Zwickmühle wollte ich nicht noch einmal geraten und führte deshalb nie wieder Regie.“ 1940 ging er nach Hollywood, als „director of photography“.

Kameramann der Bildkomposition

Damals herrschte in Hollywood die Philosophie des „high key-lighting“: Alles wurde gut ausgeleuchtet; die Zuschauer sollten den Aufwand, den man trieb, auch sehen. Alton hielt sich an keine Spielregeln, sondern leuchtete das aus, was er für künstlerisch

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