Abgründe zwischen Leben und Tod

Es handelte sich wohl um eine Herzensangelegenheit: Leidenschaftlich verteidigte Dieter Kosslick den allseits verspotteten Politreißer „Bordertown“: „Wenn dieser Film auch nur ein einziges Menschenleben retten hilft, dann hat es sich schon gelohnt, ihn zu zeigen!“, rief er bei der Preisverleihung der unabhängigen Jurys. Kübelweise Häme war zuvor über dem von Gregory Nava inszenierten, mit Jennifer Lopez prominent besetzten Schocker ausgeschüttet worden, der von einer realen Vergewaltigungs- und Mordserie in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez erzählt, der Hunderte von Fabrikarbeiterinnen zum Opfer fielen. Schludrig, was Drehbuch, Inszenierung und Schauspielerleistung anging, wird dabei von der Telenovela bis zu Sexploitation- und Zombiefilm-Elementen alles verrührt – zu dem sicher edlen Zweck, auf die durch das amerikanische Freihandelsabkommen NAFTA verursachten gesetzlosen Zustände an der Grenze zwischen Erster und Dritter Welt aufmerksam zu machen. Seinen heiligen Zorn trug das wild zusammengebastelte Machwerk zuweilen mit einer Verve vor sich her, die durchaus Respekt verdient – weswegen das B-Picture aber noch lange nicht in den Wettbewerb eines A-Festivals gehört. Natürlich darf und soll sich ein Filmfestival politisch engagieren, doch muss es primär ein Film-Fest bleiben; der politische Appell hat sich dem unterzuordnen. Niemandem ist damit geholfen, wenn sich die „Berlinale“ mit der Wettbewerbsprogrammierung von gut gemeinten, aber schlecht gemachten Filmen selbst demontiert. Gänzlich fragwürdig wird solch ein Unterfangen, wenn sich ein Film wie „Bordertown“ für den richtigen Zweck der falschen Mittel bedient und sein hehres Anliegen spekulativ ausbeutet. Produktionen wie „Bordertown“ oder auch Bille Augusts klischeehaftes Apartheids-Rührstück „Goodbye Bafana“, an denen außer der Absicht nichts Gutes ist, beschädigen das Renommee des Festivals – zumal der Rest des Wettbewerbs so herausragend nicht war, dass er derartige filmische Abgründe hätte locker kompensieren können. Im Räderwerk der Macht Ihrem Ruf als das politischste unter den g

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