Inkarnation und Filmbild

Kaum ein Thema beschäftigt heute die öffentliche Meinung in ähnlicher Weise wie die Religionen. Große Gazetten widmen der Sehnsucht der Menschen nach Religion ganze Themenhefte und bemühen sich um Aufklärung darüber, was die großen Religionen überhaupt und was im Speziellen eine „gute Religion“ sei. Im Film war das Thema nie verschwunden, vielleicht von der Filmkritik etwas zur Seite gedrängt worden, wenn man etwa an die nicht selten einseitig formale Rezeption der experimentell theologischen Werke des großen Lars von Trier denkt. In jüngerer Zeit wird Religion als zentrales Thema des Spielfilms jedoch unübersehbar. Dabei ist nicht nur an die nach dem 11.9.2001 gewachsene Aufmerksamkeit für Produktionen aus nicht-westlichen und speziell islamischen Ländern zu denken, in denen Religion traditionell eine größere Rolle spielt, oder an US-amerikanische Produktionen wie „Die Passion Christi“ oder „The Da Vinci Code – Sakrileg“, die in den letzten Jahren regelrechte „Hypes“ ausgelöst haben. Weniger spektakulär, aber dafür deutlich subtiler, beschäftigten sich deutsche Filme wie „Requiem“ oder „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in jüngerer Zeit mit dem Thema und riefen eindringlich in Erinnerung, dass christliche Religion auf jeden Fall bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – und vielleicht eben heute wieder neu – Menschen umtreibt und eines der zentralen Fermente ihrer Weltbilder, eine bedeutende Motivation ihres Handelns darstellt. Neben solch thematischer (und damit immer auch zeit- und stimmungsabhängiger) Nähe des Mediums Film zur Religion soll hier nun (1.) seine strukturelle oder formelle Nähe zur Religion und (2.) speziell zum Christentum und also zum Alleinstellungsmerkmal dieser Religion, zum Glauben an die Menschwerdung Gottes, der Inkarnation also, behauptet und illustriert werden. 1. Einbildungskraft und Fantasie Der Film kann gut als Teil der Entfaltung einer dem Menschen eingeschriebenen Sehnsucht verstanden werden. Eine Tendenz zur Vergegenwärtigung innerer Bilder, zum experimentellen Durchbuchstabieren alternativer Welten und zum Fabulieren mit nichtrealen Wesen und Konstellationen begleitet den Film ja nicht erst seit den letzten Jahrzehnten. Neben faszinierenden alltagsrealen Sensationen wie in „L’arroseur arrosé“, „L’arrivée d’un train en gare de Vincennes“ oder „Jardinier brûlant des herbes“ der Gebrüder Lumière gehören Gegenwelten diverser Provenienz zumindest historisch sehr früh zu den Spezifika des Mediums – seien es futuristische Welten aus dem Science-Fiction-Genre (Méliès’ „Le voyage dans la lune“, Langs „Metropolis“) oder die exotischen des cineastischen Orientalismus wie in D.W. Griffith’ „Intolerance“ (1916) oder, inszenatorisch eng damit verwandt, des frühen Bibelfilms. Als Alleinstellungsmerkmal retten sie es heute vielleicht vor der Konkurrenz des sinnlich (noch) weniger überwältigenden Fernsehens und des stärker textorientierten und interaktiven Internets. Einbildungskraft und Fantasie – ein in der Philosophie leider aus der Mode gekommenes Thema, traditionell aber eine der Seelenkräf

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