Dramatik des Alltäglichen

Der herausragende, dem Zuschauer gleichwohl viel Geduld abverlangende Dokumentarfilm „Gesetzgeber“ („State Legislature“) war 2007 ein „Berlinale“-Höhepunkt im Programm des „Interationalen Forums des jungen Films“; zwei Jahre später sollte er in den deutschen Kinos anlaufen. Rückblickend kann man froh sein, dass er hierzulande – wie ein Dutzend weiterer Filme von Frederick Wiseman – vom Berliner Arsenal verliehen wird: Angesichts der schon länger diagnostizierten Politikverdrossenheit und der aktuellen Massenproteste wegen „Stuttgart 21“, bei denen sich nach Finanzkrise und Staatspleiten der Wunsch nach direkter Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen artikulierte, liefert „Gesetzgeber“ durch seine strukturelle Dramaturgie Einblicke und Einsichten in Sachen direkte Demokratie. In Anspielung auf Montesquieu könnte „Gesetzgeber“ im Untertitel „Vom Geiste der Gesetze“ heißen: Drei Monate parallel mit mehreren Kameras gedreht, bei 168 Stunden Rohmaterial 14 Monate lang achronologisch zusammen geschnitten, um mittels konsequent ausdifferenzierter Spannungsdramaturgie eine erzählerische Form zu erreichen. Ein dokumentarisches Mammutwerk von 217 Minuten Länge, das einem Krimi über die Wirkungsmechanismen und Determinanten von Recht und Gesetz nahe kommt. Einem Krimi, weil es Frederick Wiseman, dem Altmeister des Direct Cinema, gelungen ist, durch die unbeteiligte Beobachtung und eine minutiöse Montage den Geist der Demokratie so einzufangen, dass der Film trotz seiner wahrlich spröden Materie und ausufernder Länge einen unerklärlichen Sog entfaltet. Debatten, Beratungen, Ausschusssitzungen, Abstimmungen – Demokratie erweist sich hier als ein unaufhörlicher Prozess der Entscheidungsfindung, an dem viele Akteure beteiligt sind. Dabei werden nicht nur komplexe Zusammenhänge erkennbar, sondern auch divergierende bis konträre Standpunkte, Perspektiven und Sachzwänge, die sie allesamt bedingen und antreiben. Institutionen, deren struktureller Prozesshaftigkeit Wiseman seit den 1960er-Jahren seine Weg weisenden Dokumentationen widmet, bilden bis hin zu seinem neuesten Film „La danse – Le ballet de l’Opéra de Paris“ (2009) thematisch eine Konstante in seinem mittlerweile knapp 40 Filme umfassenden Werk. Dazu kommen genuin ästhetische Merkmale: eine agile 16mm-Kamera und Original-Ton, die eine in Bild und Ton unverstellte Wirklichkeit evozieren; der Verzicht auf jeglichen Kommentar und Interviews in der Absicht, soziale

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