Von Rot zu Schwarz

Als Sergej Eisenstein den vorübergehenden Triumph der Seeleute auf dem Panzerkreuzer Potemkin symbolisieren wollte, reichte es ihm nicht, dass die Matrosen eine in Schwarz-Weiß nur grau wirkende Fahne hochzogen, die hoch oben auf dem Mast im Winde knatterte; er kolorierte Bildkader für Bildkader, damit die Fahne die erwünschte Farbe trug: nämlich Rot. Rot ist die Farbe der Revolution, rot die Farbe des Sozialismus. Waren die Linken nur von der Optik überzeugt, sodass sie glaubten: „Rote Fahnen sieht man besser”, wie der Titel eines umstrittenen, zensierten Dokumentarfilms (1971) über Betriebsstillegung und Arbeiterwiderstand lautete? Der französische Autor Stendhal dachte jedenfalls nicht an die Vorläufer von Karl Marx, als er einen seiner bedeutendsten Romane mit „Rot und Schwarz” überschrieb – er meinte nämlich die großen Institutionen Armee und Kirche, die Farben von Offiziers- und Priesterrock. Rot ist Herrschaftskolorit, übt Kommandogewalt aus, ruft dem Betrachter quasi ein ‘Hab acht!’, ein diktatorisches „Aufgepasst nun also!” zu. Rot ist das Obergewand Gottvaters in der christlichen Ikonologie, rot die Robe der Kardinäle wie der Richter, selbst das Wams der Henker. Das Rot der roten Fahne funktioniert daher gleichfalls als Auf- und Weckruf, als Sturmsignal, als Unruhemoment. „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ – der Dreiklang des arglos-naiven Fidelseins im Zustand eingenebelter Intelligenz reduziert die Freuden der Welt auf wenige gleichsam geometrische und sinnbildliche Orte: Rote Rosen stehen für einen Garten der Lüste, rote Lippen für das erotische Versprechen, das rudimentär bleibt und zusätzliche Auskunft über Augen- und Haarfarbe oder gar die ganze Physiognomie leicht entbeh

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