Geschichten von Überlebenden

„Lass dich vom Leid deiner Patienten nicht überwältigen, und bleibe bei der Sache“: Dieses Credo der Hauptfigur in ihrem neuen Film „Das unbekannte Mädchen“ scheinen sich auch die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne als Filmemacher auf die Fahnen geschrieben zu haben. Ein Porträt des kreativen Duos, das ein Leuchtturm des sozial-realistischen Autorenfilms ist. Tiefes Ein- und Ausatmen, dann das Bild. Eine junge Ärztin hört einen Patienten ab, ihr Stethoskop liegt auf dem massigen Rücken des Mannes. Sie ist hoch konzentriert, weist ihren Praktikanten sachlich an. Dr. Jenny Davin macht ihre Arbeit gut, es ist ihr letzter Tag in der Hausarztpraxis, in der sie aushilft, bevor sie eine neue lukrative Stelle antritt. Als es lange nach Ende der Sprechstunde noch einmal klingelt, öffnet sie nicht die Tür. Auch Ärzte haben Feierabend. Eine Entscheidung, die ihr Selbstbild in Stücke reißen wird. Denn am nächsten Tag wird eine junge afrikanische Frau tot aufgefunden. Videoaufnahmen zeigen, dass sie es war, die am Abend zuvor in der Praxis offenbar Schutz suchen wollte. „Hätte ich sie hereingelassen, würde sie noch leben, wie ich.“ Jenny, von Schuldgefühlen geplagt, setzt fortan alles daran, die Identität des unbekannten Mädchens ausfindig zu machen. Mittlerin zwischen den Welten „Das unbekannte Mädchen“, der aktuelle Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne ist eine Detektivgeschichte, was ungewöhnlich ist im Gesamtwerk der belgischen Filmemacher, die sich mit sozialrealistischem Kino einen Namen gemacht haben. Ebenso ungewöhnlich ist die Wahl der Hauptfigur: Als angesehene Ärztin kurz vor einem Karrieresprung steht Jenny Davin auf der Gewinnerseite. Doch die interessiert die Brüder wenig. Seit jeher richten sie ihren Blick auf die Menschen am Rand der Gesellschaft, die in verwahrlosten Sozialbauwohnungen oder auf Campingplätzen leben, die als junge Mütter, Migranten ohne Papiere, Niedriglohnverdiener oder Kleinkriminelle versuchen, sich ein Leben einzurichten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Sie sind Überlebende, Kämpfer, aber keine Aufsteiger. Jenny Davin fungiert in diesem Gefüge wie eine Mittlerin zwischen den Welten. Umso mehr als sie sich – in einem Akt der Sühne – gegen den prestigeträchtigen Job entscheidet und die Praxis an der Schnellstraße übernimmt. Hier trifft sie auf Arbeitslose mit Diabetes und geschwollenen Füßen und auf Arme, Alte und Einsame. Ihre Ermittlungen werden sie tiefer hineinziehen in die Viertel, in denen Migranten um die verbliebenen Ressourcen kämpfen, sich junge Frauen prostituieren für wenig Geld und den Verlust ihrer Identität. Autorenkino par excellence Die Brüder Dardenne gehören seit langem zu den wichtigsten zeitgenössischen Vertretern des europäischen Autorenkinos – und sie sind dies mit aller Konsequenz: Gemeinsam schreiben sie ihre Drehbücher, führen Regie und übernehmen die Produktion. Mit Filmen wie „Rosetta“ (1999), „Das Kind“ (2005), „Lornas Schweigen“ (2008) u

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