Kontra wird nicht gegeben

Als der sowjetische Regisseur Sergej Michailowitsch Eisenstein im Jahr 1949 einen Blick zurück auf 30 Jahre sowjetisches Kino wirft, hebt er bei seinen Eindrücken Moskaus an: »Wenn man heute in einem schnellen Kraftwagen durch die Moskauer Straßen jagt, durch die neuen Anlagen schlendert oder Plätze überquert und zu abendlicher Stunde fasziniert den Schritt verhält, um die Dimensionen der neu erbauten architektonischen Ensembles zu bestaunen, dann fällt es schwer, sich zu vergegenwärtigen, welches Bild Moskau vor dreißig Jahren bot.« Dann fährt Eisenstein mit einer Gegenüberstellung des alten, quasi dörflichen Moskaus der Zarenzeit mit der neuen, groß- und hochgewachsenen sowjetischen Stadt fort, um die erfolgreiche revolutionäre Entwicklung der Gesellschaft evident zu machen. Diese Art der kontrastiven Argumentation für die revolutionäre Veränderung der Gesellschaft findet sich schon früh in der Geschichte der Sowjetunion. Im Stummfilm »Der Mann, der das Gedächtnis verlor« (»Oblomok imperii«) aus dem Jahr 1929 – der sich treffender mit »Überbleibsel des Kaiserreichs« übersetzen ließe – erzählt Regisseur Friedrich M. Ermler die Geschichte von Iwan, der im Ersten Weltkrieg sein Gedächtnis verliert und es erst im Jahr 1928 wiedererlangt. Auf der Suche nach seiner Frau bricht er nach Moskau auf und erkennt die Stadt nicht mehr wieder: Staunend steht er vor modernen Hochhäusern, überfordert versucht er, sich durch den rasenden Verk

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