Echte Kerle

Gängige Boxer-Filme wie »Wie ein wilder Stier« oder »Rocky« variieren immer wieder die Fabel vom ­Aufstieg des leistungswilligen Underdogs, der sich mit Zähigkeit und Kraft im wahren Wortsinn »nach oben« boxt. Im posthumanistischen, digitalen Zeitalter haben sich die Fronten verschoben: Moderne Boxer-Filme erzählen nicht zuletzt vom Dilemma der Marginalisierung des realen menschlichen Körpers – und von der Sehnsucht, dagegen Widerstand zu leisten. Boxen ist eine Sportart, die nie ganz Metapher werden kann. Das ritualisierte Aufeinandertreffen zweier menschlicher Körper bleibt immer Kampf, Akt von ­Zerstörung und Schmerz, wird nie restlos Spiel oder Sinnbild. Während man Tennis oder Rugby »spielt« und den Wettstreit mit Bällen und Schlägern abstrahiert, »spielt« man Boxen nicht. Außer im Kino. Dort wird aus dem Sport plötzlich etwas Anderes: Milieustudie, Melodram, Thriller, Action-Choreografie, Liebesgeschichte, »Body-Horror«. Die besondere Bedeutung des Körpers bleibt freilich auch auf der Kinoleinwand erhalten. Kaum ein anderes Genre wird so direkt wie der Boxer-Film mit der umfassenden körperlichen Transformation verbunden. Das bekannteste Beispiel dürfte Robert De Niros »Oscar«-prämierte Rolle als Jake LaMotta in »Wie ein wilder Stier« sein, und noch heute bringt sie Epigonen hervor, zuletzt etwa Jake Gyllenhaal als Billy Hope (»Southpaw«) oder Miles Teller als Vincenzo Pazienza (»Bleed for This«). In ihrem Essay »Über Boxen« erklärt die US-amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates: »Man könnte sagen, das Wichtigste am Boxen sei der Körper, ein Körper, der fähig ist, gegen andere trainierte Körper zu kämpfen. Nicht das öffentliche Schauspiel oder der Kampf selbst, sondern das rigorose Trainingsprogramm, das vor jedem Kampf kommt, verlangt die härteste Disziplin.« Dies spiegelt sich im Kino wieder, wo das Training nie nur einfache Vorbereitung ist, sondern immer schon selbst Kampf. Bevor ein Film, oft in anschwellenden Musikmontagen, dem Finale entgegenarbeiten kann, müssen innere und vor allem körperliche Blockaden überwunden werden. Mimikry und Realität gleichen sich dabei einander an. Die Vorbereitung und der eigentliche Boxkampf unterscheiden sich zwar im Zwe

Filmdienst Plus

Ich habe noch kein Benutzerkonto