Königreich der Repräsentation (9.5.2017)

Squirrels to the Nuts - Patrick Holzapfels Blog zum Politischen Kino, Teil 9

Diskussion

„I Am Not Your Negro“ von Raoul Peck

Weshalb werden (heute) politische Themen und Filme immer noch ohne ihre Form verhandelt? Alles schreit nach Emotionen, wirkt weichgespült, konsumierbar. Ist es wirklich nur ein „intellektuelles“ Begehren, das nach Form verlangt, wenn es um Politik und Widerstand, um Aufruhr und Kunst geht? Sind denn von Kritikern gefeierte und umarmte Mainstream-Politika wie Kendrick Lamar, „I Am Not Your Negro“ oder vieles, was vom Feminismus wahrnehmbar ist, das einzige, was hörbar ist? Muss es immer einen direkten, narrativierten, schwarz-weiß-zeichnenden Weg ins Herz geben? Es scheint mir, als gäbe es Widerstand nicht ohne Romantik. Sei es die Romantik des Widerständigen oder die Romantik im Widerstand. Alles wirkt wie Entertainment mit Anspruch, wenig bis nichts wie Anspruch, der unterhält.

Anders gefragt: Wieso funktioniert die allgemeine Begeisterung einer Kritik und (wichtiger) bei Zusehern nicht bei einem Film wie „Killer of Sheep“? Warum kennt kaum wer „Killer of Sheep“? – Man könnte hier entgegnen, dass wahrscheinlich auch weniger Menschen „I Am Not Your Negro“ kennen, als gut wäre. – Wieso gibt es ein Lager von Denkern wie zum Beispiel Jacques Rancière, die über Form sprechen, über Sinnlichkeit, darüber „wie ein Film arbeitet“, weshalb wird ein Mann wie Brecht gelehrt an Schulen und Universitäten, wenn die Lösungen, also das, von dem wir uns ergreifen lassen wollen, auf das Ergreifen aus sind?

„I Am Not Your Negro“ erzählt gute, wichtige und richtige Dinge, aber er macht es auf eine schreckliche Art: Manipulativ, illustrativ und auf der Jagd nach Emotionen. Diese Emotionen könnten als aufwühlend und aktivierend verstanden werden, aber was aktivieren sie in uns und glauben wir wirklich, dass wir von einem Film aktiviert werden können? Letztlich zeigt uns der Film, was wir wissen, man könnte sagen, dass er uns vor Augen führt, vergegenwärtigt, er re-präsentiert. Er macht das auf eine Art, die seine eigene Existenz völlig sinnlos erscheinen lässt. Denn was man bekommt vom Film, was zählt, sind die Worte eines Schriftstellers und TV-Ausschnitte. Die Argumentation des Films selbst ist inexistent oder äußerst schwach.

Wieso muss es immer darum gehen, dass populäre Künste „halt so funktionieren“? In „I Am Not Your Negro“ gibt es viele aufrüttelnde Momente. Man kommt ins Denken, vielleicht denke ich über dieses oder jenes anders nach dem Film. Nichts wurde aber durch den Film ausgelöst, nichts liegt daran, wie der Film arbeitet, höchstens noch bringt er mich in ein Interesse, er ist ein wenig eine Werbung für eine Auseinandersetzung. Das ist schon viel, ich weiß. Aber ist es genug?

Womöglich verhält es sich mit dieser Sache ein wenig so wie mit dem Ausschnitt eines Dialogs zwischen James Baldwin und einem weißen Philosophie-Professor in der „Dick Cavett Show“, den man im Film kurz gezeigt bekommt. Diese Relevanz von Form, die mit unserer Wahrnehmung und Ausübung von Politik und Widerstand so eng verknüpft ist, ist eine idealistische Forderung ans Kino, in dessen Realität eine solche Relevanz nicht (mehr) wirklich vorgesehen ist. Sie ist das Phantom von Filmemachern, die es gibt und gab, die jenseits des Radars schwimmen. Zu sagen: In der Form steckt das wahrhaft Politische, ist so, wie zu sagen: Wir sollten nicht über Schwarz und Weiß reden, diese Unterschiede sollte es nicht geben.

Ich kenne das nach Gesprächen, man fühlt sich fast als apolitischer Außenseiter, wenn man sich nicht auf die repräsentativen Wirkungsweisen von Bildern reduzieren kann. Wenn man mal eine Frage hat an die Produktionsweisen oder an die Form. Aber wie kann man ignorieren, dass ein Film wie „I Am Not Your Negro“ fast durchgehend rein illustrativ arbeitet, seine Zuseher unheimlich beeindrucken will, das mit Musik und Soundeffekten verstärkt und mit seiner Heldenreise und Wahl an Sprechern, Bildern und Gefühlen nach den Regeln jenes kapitalistischen Systems spielt, dass ohne Zweifel in enger Verbindung steht mit dem, was der Film anklagt? Es ist dasselbe mit den modernen Hip-Hop-Künstlern, die politisch von ihren Autos singen. Aber womöglich muss ich die Dollars einfach zelebrieren, immerhin ist es gut, wenn Menschen etwas verdienen mit ihrer Arbeit.

Und was mache ich mit den Bildern vom Mars oder aus dem Sumpf in „I Am Not Your Negro“? Oder mit der Gegenüberstellung von Doris Day und Ray Charles? Ja, diese Bilder sind fast nicht existent, sie veranschaulichen nur eine Idee, sie visualisieren sie und nehmen ihr in vielerlei Hinsicht die Kraft. Raoul Peck verwendet seinen Film, um zu verdeutlichen, und übersieht, dass die Klarheit der Sprache von Baldwin nie illustriert, sondern immer erlebt. Ich denke, dass man sich manchmal damit abfinden muss, dass die Realität (heute) die Repräsentation ist. Man kann sich ja jederzeit in Ideale flüchten.
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