In Memoriam Juraj Herz (4.9.1934-8.4.2018)

Ein Nachruf auf den slowakischen Regisseur

Diskussion

Der slowakische Regisseur Juraj Herz war einer der prägnantesten Regisseure der tschechoslowakischen Neuen Welle in den 1960er-Jahren. Mit „Der Leichenverbrenner“ (1969) drehte er eine bittere Satire über das Mitläufertum, später inszenierte er anspruchsvolle Märchenfilme. Ein Nachruf.


Verbrechen und Wahnsinn haben als Doppelsujet des Autorenfilms einige Filme ganz eigener Klasse hervorgebracht, man denke nur an Luis Buñuels „Das verbrecherische Lebendes Archibaldo de la Cruz“ (Mexiko 1955) oder Roman Polanskis „Ekel“ (GB 1965). Zu den außergewöhnlichen Werken der Filmgeschichte in dieser Kategorie gehört auch die makabre Studie eines Soziopathen mit autoritärem Anschlag in „Spalovač mrtvol“ („Der Leichenverbrenner“, ČSSR 1969) des Slowaken Juraj Herz. Die schwarze Horrorkomödie verzichtet auf die geläufigen Attribute des Genres zugunsten eines sich langsam und bedächtig anschleichenden Schreckens, der mehrdeutig und komplex arrangiert daherkommt. Karl Kopfrkingl (mit „Schwejk“-Darsteller Rudolf Hrušínský in seiner zweiten Paraderolle) geht Ende der 1930er-Jahre in einem Prager Krematorium seinem Handwerk nach. Er führt eine spießbürgerliche Existenz, in der alles seine Ordnung hat und wie in einem Uhrwerk abläuft. Getreu seiner buddhistischen Überzeugung, die Einäscherung von Toten würde deren irdisches Leiden verkürzen, leitet er das städtische Krematorium mit großer Hingabe. Bis die Nachricht von einer neuen Partei, die in Deutschland großen Zuspruch findet, ihn dazu animiert, seine „Erlösungsarbeit“ auf die eigene Familie und lebendige Mitmenschen auszuweiten.

"Der Leichenverbrenner"
"Der Leichenverbrenner"

Der titelgebende Leichenverbrenner erzählt die Geschichte aus dem Off, zuweilen direkt an den Zuschauer adressiert, im Modus des Brecht‘schen Verfremdungseffekts. Mit dem Ich-Narrativ korrespondiert die subjektiv-expressionistische Kameraarbeit Stanislav Milotas: extreme Weitwinkel-Nahaufnahmen, die dem leisen Horror der Bilder seine unheimliche Wirkung verleihen, subjektive (Hand-)Kamera oder der verunsichernde Einsatz von Fischaugen-Objektiven, dem sich halbkugelförmige Familientableaus oder zirkular deformierende Nahaufnahmen des Protagonisten und seiner Opfer verdanken.

Herz studierte zunächst an der Kunstgewerbeschule in Bratislava Fotografie, anschließend Puppenspiel an der Theaterfakultät der Akademie der darstellenden Künste in Prag. Hier begegnete er als Kommilitonen Jan Švankmajer, dem später weltbekannten Autor alptraumhafter Animationen, der ihn in einigen seiner surrealistischen Kurzfilme als Schauspieler einsetzte. Herz’ eigene Laufbahn begann am Prager Theater Semafor, wo er als Darsteller und Regisseur arbeitete. Eine Regieassistenz führte ihn 1961 zu den Prager Barrandov Studios, die ihm 1965 sein Regiedebüt „Sbérné surovosti“ („Die gesammelten Rohheiten“) nach einer Vorlage von Bohumil Hrabal ermöglichten. Der Kurzfilm war ursprünglich als Episode von „Perličky na dně“ („Perlen auf dem Meeresgrund“, 1965) vorgesehen, einem Omnibusfilm von Jiři Menzel, Jan Němec, Evald Schorm, Jaromil Jireš und Věra Chytilová, der als Manifest der tschechoslowakischen Neuen Welle der 1960er-Jahre gilt. In einem Interview mit Ivana Košuličova deutete Herz Jahre später an, dass er von den Protagonisten der Bewegung ausgeschlossen wurde, weil man in ihm „einen Puppenspieler sah und keinen Regisseur“. Publizistisch blieb er eine Randerscheinung des tschechischen Kinowunders, obwohl er als Regieassistent bei Ján Kadárs und Elmar Klos’ wegweisendem und „Oscar“-prämiertem Kriegsdrama „Obchod na korze“ („Das Geschäft in der Hauptstraße“, 1965) mitarbeitete und sein dritter Film „Der Leichenverbrenner“ für den „Oscar“ eingereicht wurde.

Wie sein slowakischer Landsmann Juraj Jakubisko wird Herz heute zu den prägenden Vertretern der tschechoslowakischen Neuen Welle gezählt, die mit der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 ihr Ende fand. Sein wichtigster Film, „Der Leichenverbrenner“, wurde 1969 wegen „Kritik am Konformismus“ vom sozialistischen Regime verboten. Der in Ungnade gefallene Regisseur emigrierte 1987 in die Bundesrepublik und widmete sich dem Genre des Märchenfilms. In einer aufwendigen internationalen Co-Produktion adaptierte er erfolgreich „Galoschen des Glücks“ (1986) von Hans Christian Andersen, den „Froschkönig“ (1991) und „Des Kaisers neue Kleider“ (1994). Im Jahr 2010 erhielt Juraj Herz den Kristallglobus des Karlsbader Filmfestivals für sein Lebenswerk.

Als Künstler mit jüdischen Wurzeln setzte sich Herz in seinem Werk mehrfach mit dem Holocaust auseinander. Im Alter von 9 Jahren wurde er gemeinsam mit seinen Eltern nach Auschwitz deportiert, kurz darauf kam er ins Konzentrationslager Ravensbrück, schließlich nach Sachsenhausen, wo er 1945 durch die sowjetische Armee befreit wurde. „Der Leichenverbrenner“ greift aber nicht nur Elemente der Nazi-Propaganda auf, prangert die tschechischen Nazi-Kollaborateure an und spielt auf den Horror der Gaskammer an. Der groteske Gruselfilm verbreitet auch subversive Botschaften, die als Kritik am kommunistischen Unterdrückungsapparat gelesen werden können. Hinter der vermeintlich harmlosen Fassade seines Protagonisten und Biedermanns lauert das Monströse im Doppelpack. Die bitterböse Parabel über einen ganz gewöhnlichen Faschismus, über Mitläufertum und Opportunismus bleibt zeitlos. Erst 2011 veröffentlichte Bildstörung, das auf rare und kontroverse europäische Arthouse-Filme spezialisierte Kölner DVD-Label, den Film hierzulande und sorgte nachträglich für seine Rezeption als Klassiker der tschechoslowakischen „Neuen Welle“. Im englischsprachigen Raum brachte der britische Weltvertrieb Second Run nach „The Cremator“ 2010 auch Herz’ „Morgiana“ (1972) heraus, ein halluzinierendes, mit Gothic-Horror-Anteilen spielendes visuelles Delirium und eine surreale Phantasmagorie dunkler Begierden, die in der Tschechoslowakei starken Zensureingriffen ausgesetzt war und mittlerweile als letztes herausragendes Werk der „Neuen Welle“ angesehen wird. Ihr Urheber, Juraj Herz, starb am 8. April im Alter von 84 Jahren in Prag.

 

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