Spuren eines Vergessenen

Als sich am 17. Dezember 1947 der Vorhang im Berliner Haus der Sowjetkultur schloss, waren sich die Zuschauer einig: Sie hatten soeben die Uraufführung eines wichtigen, vielleicht sogar Maßstäbe setzenden deutschen Nachkriegsfilms erlebt. „Georg Büchner’s Wozzeck“ lautete der Titel im Vorspann, aber Autor und Regisseur Georg C. Klaren hatte das über hundert Jahre alte Stück weniger als kritische Reminiszenz an eine ferne Vergangenheit gestaltet, sondern als aktuelle antimilitaristische Parabel. Sein Held, ein Soldat, wird von den Vorgesetzten gedemütigt und in einer gnadenlosen Militärmaschinerie um den Verstand gebracht, bis er im Wahnsinn seine Geliebte tötet und selbst auf dem Richtblock stirbt. Dass Klaren eine gedankliche Linie vom Biedermeier bis zur Nazi-Zeit zog, kam u.a. in der Kostümgestaltung zum Ausdruck: So trugen die Offiziere Knobelbecher und geschwungene SS-Reithosen; ein Doktor, der barbarische Experimente am „Objekt“ Wozzeck ausführt, ließ durchaus Assoziationen an SS-Ärzte in faschistischen Konzentrationslagern aufkommen. Mit „Wozzeck“, wie der Film schließlich im allgemeinen Sprachgebrauch hieß, inszenierte sich Klaren in die erste Reihe der deutschen Regisseure. Das hatte mit seinem moralischen Credo zu tun, aber auch mit der Form, die er wählte: „Wozzeck“ knüpfte bewusst am filmischen Expressionismus der 20er-Jahre an, mit surrealen Visionen und langen, drohenden Schatten, schrägen Kameraeinstellungen und expressiven Schnitten, so eindrucksvoll, wie man es im deutschen Film lange nicht mehr gesehen hatte. Auch personell griff Klaren auf Protagonisten jenes Kinos zurück, das einst Weltgeltung besaß und von den Nazis als „volksfremd“ und dekadent verdammt worden war: Hermann Warm, einer der drei Architekten von „Das Cabinet des Dr. Caligari“, war fürs Szenenbild verantwortlich; Walter Schulze-Mittendorf, Mitarbeiter an Fritz Langs „Metropolis“, schuf die Kostüme; als künstlerischer Berater fungierte Paul Wegener, dessen „Golem“ das deutsche expressionistische Kino mit begründet hatte. Gerade diese Nähe zum Filmexpressionismus ist es, die „Wozzeck“ bis heute interessant macht – nicht der melodramatische oder gar lehrstückhafte Duktus, der in der Tat veraltet erscheint. Um erstmals nach dem Krieg wieder Regie führen zu können, hatte sich Klaren erbeten, seine eigentliche Funktion in andere Hände legen zu dürfen: Seit Anfang 1946 fungierte er als Chefdramaturg der DEFA und damit als wesentlicher Verantwortlicher für deren Programmgestaltung. Im Prinzip war er das einzige Mitglied der damaligen DEFA-Leitung, das langjährige Erfahrungen im Filmgeschäft aufweisen konnte und zahllose Filmemacher kannte. Im Gegensatz zu Klaren hatten weder DEFA-Direktor Alfred Lindemann noch dessen Mit-Lizenzträger Kurt Maetzig und Karl Hans Bergmann unter deutschen Filmschaffenden einen Namen; auch der Schauspieler Hans Klering nicht, der in den frühen 30er-Jahren in die Sowjetunio

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