Esther Buss

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Der Tod wird kommen

  • Belgien 2024
  • R: Christoph Hochhäusler

Ein sterbenskranker Gangster heuert eine Killerin an, um in Brüssel einen Mord an einem Kurier zu rächen. Doch bald findet sie sich in einem Dickicht wieder, in dem zwischen Auftrag und Intrige nicht mehr zu unterscheiden ist. In seinem ersten auf Französisch gedrehten Film entwirft der Berliner Regisseur Christoph Hochhäusler einen so stilsicheren wie finsteren Plot um Macht, Manipulation und Kontrolle. Finster, kalt, mit archetypischen Figuren und in der Inszenierung auf das Notwendigste reduziert, steht der atmosphärisch dichte Film noir in der Nachfolge von Jean-Pierre Melville.

White Snail

  • Österreich 2025
  • R: Elsa Kremser

Ein belarussisches Model richtet bei Versuchen, den eigenen Körper glatt und dünn zu halten, Schaden an und landet nach einem gefährlichen Selbstversuch in einer Klinik. Dort lernt sie einen Maler kennen, der in der gegenüberliegenden Leichenhalle arbeitet und sich von seiner morbiden Tätigkeit inspirieren lässt. Zwischen den beiden Außenseitern entsteht eine stille Zuneigung. Das dokumentarisch grundierte Drama setzt auf Darsteller, die mit ihren Figuren Namen und Beruf teilen, und inszeniert ihre fragile Annäherung mit starken Kontrasten und symbolischen Überhöhungen. Das ist darstellerisch und visuell effektvoll, forciert aber etwas sehr die Gegensätzlichkeit der Protagonisten.

Amazing Grace (1992)

  • Israel 1992
  • R: Amos Guttman

In zwei benachbarten Familien in Tel Aviv ringen die schwulen Söhne mit unterschiedlichen Ängsten. Während der eine mit seiner Mutter über Kreuz liegt, kein Beziehungsglück hat und um jeden Preis auswandern will, ist der andere HIV-infiziert aus den USA zurückgekehrt. In ihrer Verlorenheit finden sie sich, jedoch nur für kurze Zeit. Der erste Film, der sich mit den Folgen der HIV-Pandemie auf die israelische Gesellschaft beschäftigte, ist eng mit der Biografie des Regisseurs Amos Guttman verwoben, der ein Jahr nach der Veröffentlichung an den Folgen von Aids starb. Das in feiner Bildsprache entwickelte Drama stellt neben die Ausgrenzung von Aids-Kranken auch den Generationenkonflikt und das Trauma der Shoa als weitere Themen und erzeugt eine umfassende Atmosphäre der Unbehaustheit.

Filmklassiker: „Amazing Grace“ von Amos Guttman

Der israelische Filmemacher Amos Guttman (1954-1993) war ein Pionier des queeren Kinos in seinem Heimatland. Seine Werke sind am Autorenkino ebenso geschult wie am Hollywood-Melodram. Seine letzte Arbeit „Amazing Grace“ (1992) greift als erster Film die Auswirkungen der Aids-Krise auf die israelische Gesellschaft auf. Zwei junge Homosexuelle aus Nachbarsfamilien in Tel Aviv erleben die Unsicherheit der frühen 1990er-Jahre und gehen zögerlich eine Beziehung ein. Der Film ist in Deutschland erstmals auf DVD und digital verfügbar.

Writing Life: Annie Ernaux Through The Eyes Of High School Students

  • Frankreich 2025
  • R: Claire Simon

Jugendliche an Gymnasien in Paris, in den Vororten der Hauptstadt, in Toulouse und Übersee in Französisch-Guyana diskutieren im Schulunterricht über die autofiktionalen Romane der Schriftstellerin Annie Ernaux und setzen sie mit ihren eigenen Erfahrungen in Beziehung. Der aufmerksame Dokumentarfilm verfolgt in den Gesprächen der jungen Menschen einen lebendigen Dialog über Sprache, Bildung, Klasse und Herkunft und deckt die Verbindung von Literatur und Leben auf. Der Film handelt dabei in aufschlussreicher Weise ebenso vom Lehren wie vom Lernen.

Sehnsucht in Sangerhausen

  • Deutschland 2025
  • R: Julian Radlmaier

In der ostdeutschen Berg- und Rosenstadt Sangerhausen kreuzen sich die Wege einer Niedriglohnarbeiterin und einer aus dem Iran geflüchteten Influencerin. Beide suchen nach einem Ausweg aus ihren beengten Lebensverhältnissen und schließen sich einer Geisterjagd im Gebirge an. Eine leicht verschrobene Komödie, die mit zahlreichen Symbolen und der Figur einer Magd, die im 18. Jahrhundert dem Dichter Novalis dient, die Zeit der Romantik mit der Gegenwart verbindet. Mit Bildtableaus und bühnenhaften Arrangements erzählt der Film von Klassenverhältnissen und der Suche nach einem besseren Leben, wobei er bei aller Abstraktion darauf aus ist, Klischeedarstellungen von Ostdeutschland zu umgehen.

Satanische Sau

  • Deutschland 2025
  • R: Rosa von Praunheim

Der 1942 geborene schwule Filmemacher und Aktivist Rosa von Praunheim erzählt als selbsterklärte „satanische Sau“ von seinem Leben in Gestalt einer anarchisch-überbordenden (Schein-)Autobiografie. Stationen der eigenen Filmografie und der medialen Rezeption mischen sich mit Interviews seines Alter Egos Armin Dallapiccola und skurrilen Spielszenen, die um Sex, Tod und das Leben danach kreisen. Dabei reicht die Bandbreite von berührenden dokumentarischen Momenten über spielerisch-aktivistische Reaktionen auf Hassattacken bis zu burleskem Quatsch.

Palliativstation

  • Deutschland 2025
  • R: Philipp Döring

In der palliativen Versorgung und Begleitung schwer erkrankter Menschen geht es um die Linderung der Beschwerden, die Steigerung der Lebensqualität und die Bedürfnisse der Patienten wie ihrer Angehörigen. Mehrere Monate lang begleitet der Film den Alltag auf der palliativmedizinischen Station des Berliner Franziskus-Krankenhauses. Er folgt Ärzten bei der Visite und bei Gesprächen, filmt Teamsitzungen und den leisen Austausch des Personals auf den Fluren. Den kranken Menschen und dem Sterben kommt er sehr nahe, aber auch der gemeinschaftlichen Arbeit aus Berührungen, Gesprächen und Trost. So entsteht über die Dauer von vier Stunden das Porträt eines geschützten Raums, in dem sich das Leben, und sei es auch noch so fragil, schwindend und mit der Aussicht auf den nahenden Tod verbunden, als bedeutsam erweist.

Ein schöner Ort

  • Deutschland 2023
  • R: Katharina Huber

In einem mysteriösen Dorf verharrt eine kleine Gemeinschaft in einem Zustand der Stagnation. Der bevorstehende Start eines Raumschiffs und das Verschwinden von Menschen stellen die herrschende Ordnung zunehmend infrage und wecken Bedürfnisse nach radikaler Veränderung. Als eine Art Endzeitparabel umkreist das beeindruckende Spielfilmdebüt Fragen nach gemeinschaftlichem Handeln und Vereinzelung, Widerstand und Kapitulation. Ein geheimnisvoller Film im Spannungsfeld von Konkretion und Abstraktion, der durch seine originäre Filmsprache fasziniert.

Così Com'è - Wie es ist

  • Italien 2023
  • R: Antonello Scarpelli

Als ihr Vater in Kalabrien an Alzheimer erkrankt, beschließt sein Sohn, aus Deutschland in die Heimat zurückzukehren. Dort begegnet er auch seinem jüngeren Bruder, der arbeitslos ist. Um ihrer Mutter und ihrem Vater beizustehen, müssen sie sich gegenseitig unterstützen und ihre persönlichen Rivalitäten begraben. In dem autofiktionalen Film befragt der Regisseur Antonello Scarpelli seine eigene Familie über die Schwierigkeiten des Miteinanders, das Vergehen der Zeit und was passiert, wenn Beziehungen allmählich erodieren.

Kingdom - Die Zeit, die zählt

  • Frankreich 2024
  • R: Julien Colonna

Im Sommer 1995 wird eine Teenagerin zu ihrem Vater gebracht, einem flüchtigen Clanführer, der sich mit seinen Männern an der korsischen Küste versteckt. In der fremden, maskulin dominierten Welt fühlt sich die Jugendliche zunächst wie eine Gefangene. Als die Ereignisse eskalieren und sie zur Flucht gezwungen sind, wächst sie allmählich in die Rolle einer Vertrauten hinein. Der Regisseur, selbst Sohn eines mutmaßlichen Mafia-Bosses, verwebt eigene Erinnerungen mit einer fiktiven Vater-Tochter-Geschichte. Ein auf Blicke und Gesten konzentriertes Jugenddrama, das von den Rändern aus auf die Machenschaften der korsischen Unterwelt in den 1990er-Jahren schaut.

Ari - Das Leben passiert nur einmal

  • Frankreich 2025
  • R: Léonor Serraille

Nach einem Nervenzusammenbruch während des Unterrichts in einer Grundschulklasse wird ein überforderter Referendar krankgeschrieben und von seinem Vater, dem die Ziellosigkeit des Sohns ein Gräuel ist, aus dem Haus geworfen. Auf der Suche nach einem Obdach und menschlicher Nähe klopft der junge Mann bei ehemaligen Freund:innen an. Als er miterlebt, dass auch andere Menschen mit dem Leben hadern, fasst er allmählich neuen Lebensmut. Der amüsante Film inszeniert ein facettenreiches Porträt verschiedener sozialer Milieus der Generation Y, das trotz der Berührung mit psychischen Krisen im Tonfall leicht und heiter bleibt.

Kontinental '25

  • Rumänien 2025
  • R: Radu Jude

Nachdem eine Gerichtsvollzieherin im Auftrag einer Immobilienfirma die Zwangsräumung eines Kellers veranlasst hat, begeht der aus seiner Behausung vertriebene obdachlose Mann Selbstmord. In einer Reihe von Gesprächen mit Menschen aus ihrem Umfeld sucht sie nach Strategien, ihr Gewissen zu entlasten. Der in nur wenigen Tagen mit einer iPhone-Kamera gedrehte Film erzählt von sozialer Ungleichheit, städtebaulicher Vertreibung und dem Erstarken des Nationalismus. Schauplatz ist die in Siebenbürgen gelegene Stadt Cluj-Napoca, deren historische Schichten in ausgesuchten Einstellungen aufscheinen. Ein an der Grenze von Drama und Komödie oszillierender Film über den moralischen Relativismus der Gegenwart.

Inspiration. Kreation. Teilen Eine Biografie über Agnès Varda

Für ihre künstlerische Arbeit prägt die französische Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin Agnès Varda (1928-2019) einen eigenen Begriff: „Cinécriture“: ein persönliches filmisches Schreiben, das beständig mit Begegnungen, Zufällen und möglichen Abweichungen kommuniziert. Eine neue Biografie zeichnet Vardas kämpferisches Leben und ihre bis zum Ende höchst wandelbare Kunst nach.

Noch lange keine Lipizzaner

  • Österreich 2025
  • R: Olga Kosanović

Die Filmemacherin Olga Kosanović ist in Österreich geboren und aufgewachsen, besitzt aber keine Staatsbürgerschaft. Als sie diese beantragt, scheitert sie an dem Verfahren. Ihre Erfahrungen mit dem restriktiven österreichischen Staatsbürgergesetz, die in der Öffentlichkeit kurzzeitig eine Internetdebatte auslösten und auch den Titel des Films hervorbrachten, werden zum Ausgangspunkt einer lustvollen Auseinandersetzung mit den Themen Zugehörigkeit und Identität. Kosanović setzt dabei auf Entwaffnung statt Polarisierung – durch humorvolle Spielszenen, Interviews mit Expert:innen und Österreicher:innen mit und ohne Staatsbürgerschaft sowie kritisches Hinterfragen vermeintlich „natürlicher“ Vorstellungen.

Miroirs No. 3

  • Deutschland 2025
  • R: Christian Petzold

Ein Autounfall im Berliner Umland, bei dem ihr Freund stirbt, führt eine junge Klavierstudentin ins Haus einer fremden Frau, die sie mit mütterlicher Fürsorge umgibt. In der Rolle einer Tochter findet sie neue Kraft, und auch die ältere Frau, die von einem schweren Verlust gezeichnet ist, erwacht zu neuem Leben, was ihre zerrüttete Familie wieder zusammenwachsen lässt. Doch die Illusion ist nur von kurzer Dauer. Der mit großer Sensibilität fotografierte Film erzählt eine spätsommerliche Heilungsgeschichte, leicht und ohne konzeptuellen Überbau. Ganz will der Film seinem Mosaik auftauender Gefühle aber doch nicht trauen, sodass vieles sowohl durch Blicke als auch durch Worte angedeutet und damit gedoppelt.

Filme von Judit Elek in Berlin

Die 1937 geborene ungarische Filmemacherin Judit Elek wurde mit Spiel- und Dokumentarfilmen bekannt, die sich durch die Nähe zu den Figuren und ihre Vorurteilslosigkeit auszeichnen. Neben Darstellungen der Lebensrealität im sozialistischen Ungarn thematisierte sie in späteren Werken auch ihre eigene Herkunft aus einer jüdischen Familie. Aktuell würdigt eine Filmreihe im Kino Krokodil und im Collegium Hungaricum Berlin die Regisseurin und ermöglicht eine Wiederentdeckung eines bemerkenswert modernen Œuvres.

Gaucho Gaucho

  • USA 2024
  • R: Michael Dweck

In den kargen Landschaften der Region Salta im Nordwesten von Argentinien lebt eine Gaucho-Gemeinschaft nach uralten Traditionen und im Einklang mit der Natur. In imposanten Schwarz-weiß-Bildern setzt der Film eine Gruppe charismatischer Figuren in Szene. Im Zentrum steht eine 17-Jährige, die sich in dieser Männerdomäne behauptet. Die visuell atemberaubende Mischung aus Dokumentation und nostalgischer Überhöhung fängt den Mikrokosmos der Gauchos als hermetische, faszinierend schöne Welt ein und lässt die Bruchlinien dieser Welt nur am Rande aufblitzen.

Nam June Paik: Moon is the Oldest TV

  • USA 2023
  • R: Amanda Kim

Nam June Paik (1932-2006) ist bis heute der wohl berühmteste koreanische Künstler. Ursprünglich als Komponist ausgebildet, erregte Paik mit Musik-Performances Aufsehen, bevor er sich dem elektronischen Bild zuwandte und im Bereich der Video- und Medienkunst visionäre Werke schuf. Dabei ging es ihm stets darum, auf die Macht der Bilder mit Kreativität und Partizipation zu antworten. Der quirlige Dokumentarfilm zeichnet den Werdegang von Nam June Paik in Form einer agilen Collage aus Archivaufnahmen, Interviewfragmenten und Erinnerungen von Weggefährt:innen nach.

Viet und Nam

  • Vietnam 2024
  • R: Truong Minh Quy

Zwei junge vietnamesische Bergleute lieben einander, können ihre Liebe aber nur in der Mine tief unter der Erde ausleben. Dort sind immer noch unzählige Leichen von Soldaten aus dem Krieg verscharrt, deren Geister ihren Angehörigen in Träumen erscheinen. Einer der beiden Männer, der das Land verlassen will, begibt sich mit seiner Mutter und einem Veteranen auf der Suche nach den Überresten seines Vaters in den Dschungel. Eine Zusammenführung von Geisterfilm, queerer Romanze, Aufarbeitung der Kriegstraumata und Fluchtdrama, die sich in langen, unbewegten Einstellungen entfaltet. So erschafft der Film eine hypnotische Zwischenwelt, in der Wirklichkeit, Erinnerung und Traum, Vergangenheit und Gegenwart fließend ineinander übergehen.

Die treibende Kraft

  • Deutschland 2025
  • R: Klaus Peter Karger

Angelika Nain gehört zu den zahlreichen Künstler:innen in Deutschland, die abseits vom globalen Marktgeschehen existieren und von ihrer Kunst nicht leben können. Dennoch ist ihr Selbstbild als Künstlerin unerschütterlich; die Ausstellungsorte ihrer Kunst sind kleine Kunstvereine und Städtische Galerien, gelegentlich auch andere Institutionen. Der Dokumentarfilm begleitet die Künstlerin über neun Monate, wobei er zwischen beobachtenden Szenen, Interviews und Kommentar wechselt. Dabei ergeben sich trotz eines Hangs zum Erklär-Gestus aufschlussreiche Einblick in die Künstlerinnenexistenz sowie in Nains Arbeit in der Geflüchtetenhilfe, die sich auch in ihrer Kunst abbildet.

We All Bleed Red

  • Deutschland 2024
  • R: Josephine Links

Der deutsche, in New York lebende Fotograf Martin Schoeller hatte schon zahllose Berühmtheiten vor seiner Kamera, darunter Staatsoberhäupter und Hollywoodstars. In seinen freien Projekten wendet er sich den gesellschaftlichen Rändern Amerikas zu. Der Dokumentarfilm begleitet den Fotografen bei seinen persönlichen Fotoprojekten auf den Straßen von Los Angeles und in seinem Studio. Aus einer Vielzahl von Gesichtern und Erzählungen, die eng getaktet aufeinander folgen, setzt sich das gesellschaftliche Kaleidoskop eines „anderen“ Amerikas zusammen, auch wenn die individuellen Geschichten der Porträtierten nur gestreift werden.

La Práctica

  • Argentinien 2023
  • R: Martin Rejtman

Ein in Santiago de Chile lebender Yogalehrer wird durch die Trennung von seiner Frau, instabilen Wohnverhältnissen, beunruhigenden Vorkommnissen in seinem Yoga-Studio und anderen Missgeschicken aus der Bahn geworfen. Auch die Flucht in die Einsamkeit und Ruhe der Berge bietet keinen Ausweg. Mit lakonischem Humor erzählt der Film mit vielen Arabesken von einem aus den Fugen geratenem Leben, in dem sich Krisen, Frustrationen, unerwartete Begegnungen und neue Beziehungsmöglichkeiten unaufhörlich aneinanderreihen.

Oxana - Mein Leben für Freiheit

  • Frankreich 2024
  • R: Charlène Favier

Biografischer Film über die ehemalige „Femen“-Aktivistin Oxana Schatschko (1987-2018), der die Lebensgeschichte der Künstlerin und selbsternannten „Sextremistin“ als individuelle, von allen Widersprüchen befreite Passionsgeschichte nacherzählt. An ihrem Todestag, dem 23. Juli 2018, als sie zu einer Ausstellung in einer Pariser Galerie geladen hatte, streift sie aufgewühlt durch Paris und kämpft mit ihren Erinnerungen an ihre Zeit als feministische Aktivistin. Der Film interessiert sich aber weder für gesellschaftliche Zusammenhänge noch für die Entwicklungen der Post-Perestroika-Jahre. Stattdessen verklärt er Schatschko zu einer mythischen Figur, die für ein außergewöhnliches Schicksal bestimmt ist.

Vermiglio

  • Italien 2024
  • R: Maura Delpero

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs lebt ein Dorfschullehrer mit seiner Familie in einem Bergdorf im Trentino. Er ist dem bäuerischen Umfeld verbunden, hegt aber intellektuelle Ambitionen. Der Krieg macht sich vor allem durch die Abwesenheit eingezogener Männer bemerkbar. Der Vater ist von seinem bildungsfernen ältesten Sohn enttäuscht, fördert aber die jüngste Tochter, die bald auf eine höhere Schule gehen soll. Als ein desertierter Neffe mit einem sizilianischen Kameraden zurückkehrt, gerät alles in Unruhe. Die älteste Tochter verliebt sich in den Fremden, und die anderen Kinder suchen eigene Wege. Das feinfühlige Familienporträt entfaltet in klaren, beobachtenden Bildern einen weiblichen Mikrokosmos. Ein beeindruckendes Werk über Sehnsüchte und Geheimnisse in einer Welt voller vorgegebener Strukturen.

Der Fleck (2024)

  • Deutschland 2024
  • R: Willy Hans

Eine Clique junger Menschen, darunter auch ein von außen hinzugekommener Jugendlicher, verbringt einen heißen, ereignislosen Sommernachmittag an einem Flussufer. Das gedehnte Zeitempfinden lässt die Wirklichkeit mehr und mehr in einen Tagtraum gleiten. Das auf 16mm gedrehte Spielfilmdebüt erzählt mit großem Formbewusstsein von jugendlichem Empfinden zwischen Phlegma und diffuser Erwartung. Übergangszonen zwischen urbanem Raum und Natur und das Flussufer fungieren dabei als eigenständige Charaktere einer richtungsoffenen Erzählung.

Vier Mütter für Edward

  • Irland 2024
  • R: Darren Thornton

Ein irischer Schriftsteller kümmert sich hingebungsvoll um seine pflegebedürftige Mutter. Als ihm sein Verlag eine Lesereise durch die USA anbietet, gerät sein strukturierter Alltag aus dem Gleichgewicht. Zudem lassen auch noch drei Freunde ihre ebenfalls hochbetagten Mütter für ein Wochenende bei ihm zurück. Die Betreuung der Seniorinnen gerät zur Nervenaufgabe. Das betuliche Remake der italienischen Komödie „Das Festmahl im August“ (2008) wirft einen zärtlichen Blick auf die betagten Frauen und schöpft aus ihrem Kontrast stillen Gewinn, ohne an den Charme des Originals heranzureichen.

Agent of Happiness - Unterwegs im Auftrag des Glücks

  • Bhutan 2024
  • R: Arun Bhattarai

Das in westlichen Medien vielfach verbreitete Bild von Bhutan als dem „Land des Lächelns“ verdankt sich vor allem einer speziellen „Glückspolitik“. Die bhutanische Idee des Bruttonationalglücks sieht vor, politisches Handeln nicht allein am Kriterium des Wirtschaftswachstums auszurichten, sondern im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen und spirituellen Kriterien zu bemessen. Der Glücksindex wird dabei anhand von Befragungen ermittelt. Der dokumentarische Film begleitet einen Volksbefrager auf seinem Roadtrip durch den Himalaya. Im Laufe des Road Movies wird die Suche des Mannes nach seinem eigenen Glück mit oberflächlich bleibenden Einblicken in die Lebenswirklichkeiten verschiedener Menschen parallelisiert.

Hot Milk

  • Großbritannien 2025
  • R: Rebecca Lenkiewicz

Eine an einer mysteriösen Lähmung leidende Frau reist in Begleitung ihrer Tochter in die südspanische Küstenstadt Almería, um sich bei einem Heiler in Behandlung zu begeben. In der flirrenden Hitze verstärken sich die Spannungen zwischen den Frauen. Als die Tochter eine Affäre mit einer freiheitsliebenden Frau beginnt, bricht das System aus Abhängigkeit und Kontrolle immer mehr auseinander. In der Adaption des gleichnamigen Romans von Deborah Levy geht es um Abhängigkeiten, Kontrolle und verdrängte Traumata. Der Film verflacht die Motive jedoch durch eine aufdringliche Symbolik, oberflächlich eingestreute Referenzen und eine schnulzig inszenierte Liebesgeschichte.

Copa 71

  • Großbritannien 2023
  • R: James Erskine

Im August 1971 fand in Mexiko-Stadt ein riesiges Fußballspektakel statt, bei dem erstmals internationale Frauenmannschaften gegeneinander antraten. Das Turnier wurde von der FIFA und den nationalen Fußballverbänden aber nicht als Weltmeisterschaft anerkannt und verschwand bald aus der Geschichtsschreibung. Der höchst spannende Dokumentarfilm rekonstruiert den Verlauf der Spiele mit großer Leidenschaft und verbindet die zeitgenössischen Fernsehaufnahmen mit Gesprächen mit den damaligen Spielerinnen. Die historische Rekonstruktion deckt damit nicht nur ein aus dem kollektiven Gedächtnis getilgtes Ereignis auf, sondern deutet implizit auch die Mechanismen hinter diesem Ausschluss an.