Esther Buss

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Whistleblower

  • Deutschland 2026
  • R: Marc Bauder
Whistleblower setzen ihr Leben, ihre Karriere und die Sicherheit ihrer Familien aufs Spiel, um Informationen von öffentlichem Interesse zu teilen. Allerdings sind sie in der Regel keine Einzelkämpfer mehr, sondern Teile von unterstützenden Netzwerken. Der investigative Dokumentarfilm begleitet über drei Jahre hinweg Whistleblower wie den Kongolesen Jean-Jacques Lumumba, der Korruption in seinem Heimatland aufdeckte, und die Investigativ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier. Neben Unterstützern kommen auch Gegner von Whistleblowern zu Wort. Der informative Film wirkt mitunter etwas überladen und greift eher vorhersehbar auf Stilmittel des Thrillers zurück, um Spannung zu erzeugen.
Esther Buss | 06.10.2026

Moscas - Fliegen und andere Gäste

  • Mexiko 2026
  • R: Fernando Eimbcke
Eine ältere Frau führt in einem maroden Wohnblock in Mexiko-Stadt ein abgeschottetes Dasein. Als sie sich aus finanziellen Nöten gezwungen sieht, ein Zimmer unterzuvermieten, zieht ein Familienvater ein, der nachts heimlich seinen Sohn mit in die Wohnung schmuggelt. Überraschenderweise baut die schroffe Witwe eine Verbindung zu dem kleinen Jungen auf, der alles in Bewegung setzt, um seine schwerkranke Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Dabei kommen auch ihre eigenen Verluste an die Oberfläche. Der im leichten Tonfall gehaltene Film über Annäherung und Abschied wird vor allem von dem zutraulichen Charme des jungen Darstellers getragen. In kontrastarmen Schwarz-weiß-Bildern entfaltet sich ein Sozialdrama innerhalb eines überschaubaren Kosmos, das seine erzählerischen Motive symbolhaft vertieft.
Esther Buss | 06.10.2026

Wohin mit mir?

  • Deutschland 2026
  • R: Marvin Menné
Ein syrischer und ein afghanischer Flüchtling leben in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Deutschland im permanenten Wechselspiel zwischen Hoffen und Mutlosigkeit. Beide sind bei Erreichen der Volljährigkeit von der Abschiebung bedroht, zugleich sollen sie bis dahin alles für ihre Integration tun. Der Dokumentarfilm folgt beiden ein halbes Jahr und stellt einem entmenschlichenden Diskurs das einfühlsame Porträt zweier junger Menschen entgegen, um zu zeigen, welche konkreten Folgen die Migrationspolitik für ihr Leben hat. Dabei begegnet der Film den Protagonisten, aber auch den Sozialarbeiterinnen in der WG mit dezenter Empathie und hält den Ernst ihrer Lage stets präsent.
Esther Buss | 29.09.2026

Watching People Watching Birds

  • Deutschland 2026
  • R: Ulrike Franke
Während die Zahl und Diversität der Vögel weltweit dramatisch zurückgeht, gibt es nach wie vor Menschen mit einer großen Passion für die Vogelbeobachtung. Der Dokumentarfilm porträtiert berufliche und private Birdwatcher, darunter auch den US-Schriftsteller Jonathan Franzen, die in idyllischen Naturgebieten, aber auch in von Umweltschäden betroffenen Regionen agieren. Im Zentrum steht die Beobachtung der Beobachtenden sowie das leidenschaftliche Sprechen über eine Welt, die den meisten Menschen verborgen bleibt. Wirtschaftliche und politische Gründe für das Vogelsterben und menschliche Verbrechen an der Fauna kommen nur am Rande vor.
Esther Buss | 24.09.2026

Active Vocabulary

  • Deutschland 2025
  • R: Yulia Lokshina
Nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine 2022 folgt eine Lehrerin in einem ostrussischen Dorf nicht den offiziellen Vorgaben und spricht sich gegen den Angriffskrieg aus. Als sie von einer Schülerin denunziert und öffentlich angefeindet wird, flieht sie nach Deutschland. Ein von ihr mitgeleiteter Workshop an einer Berliner Schule arbeitet die Umstände ihrer als Verrat gewerteten Handlung auf. Im Spannungsfeld der Schulen interpretiert der Dokumentarfilm das Geschehen als Modellfall und knüpft ein Netz vielfältiger Beziehungen zu politischer Bildung, Indoktrination und Formen des Widerstands. Dabei bindet er diese ineinander verflochtenen Komplexe in eine hybride Struktur ein, die sich programmatisch festen Zuschreibungen entzieht und so selbst widerständig wirkt.
Esther Buss | 21.09.2026

Von Scham und Geld

  • Deutschland 2026
  • R: Visar Morina
Ein Bauern-Ehepaar aus dem ländlichen Kosovo verliert durch eine heimtückische Aktion eines Familienmitglieds seine Existenzgrundlage und muss in die Großstadt Pristina ziehen. Die wohlhabende Schwester der Frau und deren Mann verschaffen der armen Verwandtschaft eine Wohnung und Jobs, diese gerät dadurch jedoch in ein demütigendes ökonomisches Abhängigkeitssystem, das eine immer verheerendere Wirkung entfaltet. Das stille und zugleich spannungsgeladene Drama entfaltet sich als beklemmendes Lehr- und Passionsstück über den Wert des Menschen. Die Abfolge von Szenen über die Auswirkungen der ökonomischen Logik auf nahezu jede menschliche Beziehung, wodurch den Figuren kaum Handlungsspielraum bleibt, entwickelt sich erzählerisch konsequent und filmisch packend.
Esther Buss | 16.09.2026

Pressure

  • Großbritannien 2026
  • R: Anthony Maras
Wenige Tage vor der geplanten Invasion der Alliierten in der Normandie 1944 feilt die Militärführung unter US General Dwight D. Eisenhower an den letzten Details. Ein britischer Meteorologe, der mit aktuellen Daten von Wetterdiensten arbeitet, soll eine „verlässliche“ Wetterprognose abgeben und gerät dabei in einen erbitterten Konflikt mit einem US-amerikanischen Kollegen, der sich auf jahrzehntealte Messdaten stützt. Das dialogbetonte Kriegsdrama nähert sich dem D-Day formal konventionell, aber aus der ungewöhnlichen Perspektive der Meteorologie. Aus dem Zusammenspiel von wetterkundlicher Arbeit, tatsächlicher Wetterentwicklung und politischen beziehungsweise militärischen Entscheidungen entwickelt sich ein Thriller, der trotz des Wissens um den Ausgang Spannung aufbauen kann.
Esther Buss | 07.09.2026

Hirten

  • Kanada 2024
  • R: Sophie Deraspe
Nach einem Burnout kehrt ein kanadischer Werbetexter seinem Leben in Montréal den Rücken, um in der Provence als Hirte zu arbeiten. Doch bevor er die Weihen des Schäfer-Daseins erfahren darf, wird er mit den unschönen Seiten der Hirtenwelt konfrontiert. Als er aber auf eine andere Aussteigerin trifft und mit ihr den Auftrag erhält, eine Schafherde einen Sommer lang hoch in die Alpen zu treiben, erfüllt sich sein Traum doch noch. Das Drama nach einer Schäfer-Autobiografie scheut sich nicht vor einem feierlichen Tonfall und will bei allen realistisch-illusionslosen Bildern vom Schäfer-Leben letztlich doch auf eine Pastorale hinaus. Trotz dokumentarischer Momente bleibt die Natur letztlich Kulisse für die Selbstfindungsgeschichte.
Esther Buss | 02.09.2026

Objet a

  • Deutschland 2026
  • R: Ann Oren
Im Angesicht der Öko-Apokalypse hat sich ein Handchirurgen-Paar eine hermetische Existenz eingerichtet, die von Obsessionen, Kontrolle und Objektfetischismus beherrscht ist. Durch eine Beinprothese und eine mysteriöse Frau, die beide auf bewusstseinserweiternde Trips schickt, gerät die fein austarierte Paarbeziehung jedoch aus dem Gleichgewicht. Ein ästhetisch eigenwilliges Drama, das sich mit dem Thema des sexuellen Erwachens im Bereich des transgressiven Erotikkinos bewegt, aber auch fest in aktuellen Diskursen um Posthumanismus und Eco-Anxiety verankert ist. Seine These, dass der Mensch sich wieder mit der Natur verwandt machen sollte, ist nicht unbedingt originell, allerdings nimmt sich der auf disziplinierte Weise verspielte Film auch selbst nicht bierernst.
Esther Buss | 31.08.2026

I Rarely Wake Up Dreaming

  • Deutschland 2026
  • R: Isabelle Stever
Ein junges queeres Paar blickt kurz vor der russischen Invasion einer ungewissen Zukunft in Kiew entgegen. Mit Ausbruch des Krieges erleben sie, dass die Geschlechtergrenzen streng binär definiert werden und der Geschlechtseintrag nach der abgeschlossenen Transition zur Erfassung als wehrpflichtiger Mann führt. Das Drama handelt vom Versuch des Paares, seine Liebe vor den Zugriffen von Staat, Gesellschaft und Familie zu schützen. Im Zusammenspiel von Nahaufnahmen und Totalen kreist der Film um die Politisierung von Beziehungen, Körpern und Geschlechterbildern in Zeiten des Krieges, wobei er zeigt, dass sich die Intimität des Paares durchaus gegen die Brutalität behauptet.
Esther Buss | 26.08.2026

Le Lac

  • Schweiz 2025
  • R: Fabrice Aragno
Ein namenloses Paar begibt sich auf eine mehrtätige Segelregatta über den Genfer See. Von ihren Gesprächen ist nur wenig zu hören, doch in ihrem Umgang scheint deutlich ein Schmerz auf. Der kontemplative Spielfilm präsentiert sich als erzählerisches Fragment, das sich zwischen Naturdokumentation und Seelenlandschaft bewegt. Im Wechsel von Wetter- und Lichtverhältnissen verändern sich Klänge, Texturen und Farben, auf die schwankenden Bewegungen und das Tosen von Sturm und rauer See folgen Ruhe und Stille. In der Form frei und multidirektional, reiben sich jedoch die glatten Digitalbilder mitunter an der experimentellen Sprache.
Esther Buss | 25.08.2026

Sixteen Moments of My Life

  • Frankreich 2025
  • R: Albert Serra
Die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven, berühmt für ihre Filme mit Rainer Werner Fassbinder, Jean Eustache oder Werner Schroeter, bewegt sich in Form einer musikalischen Autofiktion durch 16 Momente ihres Lebens. Bei einem Konzert in Paris vereint sich ihr unverwechselbarer Gesang mit den Klängen der katalanischen Elektroband Molforts. Das immersive Werk taucht ohne weitere Kommentierung oder Interviews ganz in die Musik hinein und bewegt sich wie im Fiebertraum von den Trümmerlandschaften von Cavens kriegszerstörter Heimatstadt Saarbrücken über die Erfahrungen mit Allergien bis hin zu Psychoanalyse und Kino.
Esther Buss | 18.08.2026

Faszination fürs Kreatürliche - Porträt von Isabella Rossellini

Aus dem Schatten ihrer Eltern Roberto Rossellini und Ingrid Bergman spielte sich Isabella Rossellini mit ihrem Auftritt in „Blue Velvet“ frei. Durch eine ambitionierte Rollenauswahl schaffte sie es im Lauf ihrer langen Karriere, nicht auf ihre Supermodel-Schönheit reduziert zu werden, und glänzt mit eigenen künstlerischen Projekten, in die sie ihre Faszination für die Verhaltensforschung einfließen lässt.

Esther Buss | 05.08.2026

The Lights, They Fall

  • Deutschland 2026
  • R: Saša Vajda
Während seine todkranke Mutter von einer mexikanischen Palliativpflegerin durch ihre letzten Lebenstage begleitet wird, scheint ein 16-jähriger Jugendlicher der Wirklichkeit ein Stück weit entglitten zu sein. Abwesend, fast schattenhaft treibt er durch die Peripherie einer Stadt, die sich nicht wirklich zu erkennen gibt. Zunehmend gleicht der Heranwachsende einem Geist. In dem betont leisen Film werden Figuren, Räume und Bewegungen in einen annähernd schwerelosen Zustand versetzt. Auf diese Weise wird von einem bevorstehenden Abschied erzählt und von dem schwer fassbaren Gefühl, hier und zugleich woanders zu sein.
Esther Buss | 30.07.2026

We'll Find Happiness

  • Kanada 2025
  • R: Léa Pool
Ein junger Marokkaner, der auf der Flucht die Spuren seiner Identität verwischt hat und ohne gültige Papiere in Montreal lebt, will die Abschiebung seines iranischen Liebhabers verhindern, dem in seiner Heimat der Tod droht. Dazu sucht er die Nähe eines Referenten der Immigrationsministerin. Als er sich in den Beamten verliebt, gerät er einen Zwiespalt. Ein Genre-Mix aus Fluchtdrama, queerer Liebesgeschichte und Thriller, der durch zahlreiche Rückblenden allzu sehr zerfasert und durch ständige Zeitsprünge kaum Raum für Zwischentöne lässt. Auch greifen die unterschiedlichen Genre-Elemente nicht stimmig ineinander.
Esther Buss | 30.07.2026

All My Sisters

  • Deutschland 2026
  • R: Massoud Bakhshi
Die in Teheran aufwachsenden Schwestern Mahya und Zahra plappern als Mädchen darauf los, tanzen und erfreuen sich an allerhand Blödsinn. Doch bald schreiben sich die Zwänge der iranischen Gesellschaft in ihren familiären Alltag ein. Aller staatlichen Indoktrinierung zum Trotz entwickeln sich die beiden zu politisch wachsamen, kritischen jungen Frauen. Über einen Zeitraum von 18 Jahren hat der Filmemacher Massoud Bakhshi seine beiden Nichten mit der Kamera dokumentiert, die in der Rahmenhandlung mittlerweile Studentinnen sind. Ein Home-Movie über das Aufwachsen im Iran, das die Beschränkungen der Sicht- und Zeigbarkeit des weiblichen Körpers nachdrücklich in den Vordergrund rückt.
Esther Buss | 23.07.2026

Rückkehr & Verschwinden - Jean Eustache

Das Berliner Kino Arsenal widmet dem französischen Filmemacher Jean Eustache ab 7. Juli 2026 eine Retrospektive. Auch im Metropolis Kino in Hamburg sind im Juli ingesamt neun Filme von Eustache zu sehen. Parallel dazu erscheint beim Label Grandfilm eine DVD-Box mit Filmen aus dem Jahren 1964-1982. In seinen autobiografischen Werken betonte Eustache das Überzeitliche und wollte als Autor geradezu abwesend sein. 

Esther Buss | 03.07.2026

Etwas ganz Besonderes

  • Deutschland 2026
  • R: Eva Trobisch
Eine 16-jährige Jugendliche aus der thüringischen Provinzstadt Greiz wird wegen ihres Gesangstalents zu einer Castingshow eingeladen. Ihre Familie, die sich an mehreren Ecken gerade in Auflösung befindet, unterstützt die Heranwachsende. Als im Rahmen der Show der Wunsch nach einer „Homestory“ auftaucht, wird er zum Auslöser für existenzielle Fragen nach Selbstbildern und Lebensentwürfen. Ein weitläufiges, mehrgenerationelles Familienpanorama mit einer Vielzahl an Themen von Generationenkonflikten über die deutsch-deutsche Geschichte bis hin zum Rechtsruck in der Provinz. Das Geschehen wird mit großer Nähe und einem beiläufigen Naturalismus eingefangen, der sich in seiner Fülle an Mikrobeobachtungen mit der Zeit jedoch ein wenig erschöpft.
Esther Buss | 22.06.2026

Bärbel Bohley - Tagebuch einer Auflehnung

  • Deutschland 2025
  • R: Fosco Dubini
Im Februar 1988 wurden einige DDR-Oppositionelle, darunter auch Bärbel Bohley, aus der Haft in die Bundesrepublik abgeschoben. Bohley kehrte allerdings sechs Monate später in die DDR zurück – ein singulärer Fall. Ausgehend von den Tagebuchnotizen, die sie im Exil führte, zeichnet der Dokumentarfilm das Bild einer kompromisslosen Persönlichkeit. Die aus dem Off verlesenen und von einer Schauspielerin illustrierten Texte werden mit Zeitzeugen-Interviews ergänzt, die durch die aufdringliche Inszenierung Bohleys Gedanken in den Hintergrund drängen, sodass das Porträt eher fahrig ausfällt.
Esther Buss | 08.06.2026

Workout als Überlebensprinzip - DIe US-Regisseurin Debra Granik

Das Berliner Kino Arsenal zeigt derzeit eine Werkschau zu Debra Granik. Die US-Regisseurin widmet sich in ihren Arbeiten den Außenseitern der Gesellschaft. Bekannt wurde sie mit den Spielfilmen „Winter’s Bone“ und „Leave No Trace“. Aber auch im dokumentarischen Bereich hat sie beachtliche Werke inszeniert, zuletzt die Langzeitstudie „Conbody vs. Everybody“ über einen entlassenen Strafgefangenen beim Versuch, ein Fitnessstudio aufzubauen.

Esther Buss | 02.06.2026

Sounds of Paris

  • Frankreich 2025
  • R: Laurent Slama
Am Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris 2024 steht eine schwer höreingeschränkte Gästebetreuerin unter Dauerstress. Die Begegnung mit einem unbeschwerten amerikanischen Touristen lässt ihre Routine aus dem Takt geraten und ihren emotionalen Panzer aufbrechen. Inmitten aller Hektik entsteht zwischen den beiden ein freundschaftliches Band. Ausgehend vom Porträt einer Depression entwickelt sich der Film zunehmend zur Komödie, findet jedoch nur schwer die Balance zwischen existenzieller Schwere und Leichtigkeit. Das olympische Paris bleibt eher Hintergrundkulisse für eine Geschichte über Isolation, Überforderung und vorsichtige Öffnung, die in Form subjektiver Hörperspektiven einen eigenen Klangraum schafft.
Esther Buss | 01.06.2026

I Only Rest in the Storm

  • Portugal 2025
  • R: Pedro Pinho
Ein portugiesischer Umweltingenieur reist ins westafrikanische Guinea-Bissau, um dort ein Straßenbauprojekt zu evaluieren. Während er versucht, sich ein möglichst umfassendes Bild der Lage zu machen, verliert er im Geflecht aus Folgen kolonialer Schuld und Machtbeziehungen immer mehr den Überblick. Auch die queere Community, in der er Halt sucht, erweist sich als fragil. In Form einer ausufernden, mäandernden Erzählung verbindet das Drama verschiedene Landschaften, Begegnungen, Körper und queere Begehrensströme zu einem zugleich sezierend scharfen wie uneindeutigen Bild der postkolonialen Gegenwart. Dabei wird das Bemühen der Hauptfigur nicht im Dienst einer politischen Agenda demontiert, vielmehr zeugt der Film von der Notwendigkeit, Widersprüchen ins Auge zu blicken.
Esther Buss | 12.05.2026

The Cowboy

  • Deutschland 2025
  • R: André Hörmann
Auf einer Ranch in Colorado träumt ein elfjähriger Junge von einem Leben als Cowboy und Rodeo-Reiter. Die notfalls mit Gewalt gelehrten Prinzipien von Gehorsam, Disziplin und maskuliner Härte hat er fest verinnerlicht. Als seine Familie durch einen Schicksalsschlag im Laufe der nächsten Jahre auseinanderfällt, bekommen seine Ideale jedoch zunehmend Risse. Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren begleitet der Dokumentarfilm den Weg des Protagonisten zum erwachsenen Mann und dekonstruiert dabei den Mythos vom Cowboy als Symbol unbeugsamer Männlichkeit. Die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse in den USA interessieren dabei aber nur am Rande, der Blick bleibt auf den Protagonisten gerichtet, ohne ihm wirklich nahezukommen.
Esther Buss | 11.05.2026

Agon

  • Italien 2025
  • R: Giulio Bertelli
Bei einem fiktiven, modellhaften Hochleistungssportevent – Ludoj 2024 – werden drei Athletinnen in den Disziplinen Gewehrschießen, Fechten und Judo bei Vorbereitungen und Wettkämpfen begleitet. Sport, (Kriegs-)Technologie und Körperoptimierung werden dabei als eng verflochtene Systeme sichtbar. Eine abstrakte, dystopisch gefärbte Studie, die sich in ihrer kühlen, technoiden Ästhetik zwischen Produktfilm und Filmexperiment bewegt.
Esther Buss | 29.04.2026

Was an Empfindsamkeit bleibt

  • Deutschland 2026
  • R: Daniela Magnani Hüller
In zirkulären Bewegungen rekonstruiert eine Filmemacherin den versuchten Femizid, den sie 14 Jahre zuvor als Schülerin überlebte. Abseits einer polizeilichen Protokollierung stellt sie ihre eigenen Erinnerungen und Wahrnehmungen in den filmischen Raum und ergänzt diesen durch eine Außenperspektive. In Gesprächen mit einer Lehrerin, einer Schulfreundin, einer Kriminalbeamtin, dem Arzt und dem Staatsanwalt fragt sie nach der Mitverantwortung von Institutionen wie von Einzelnen. Ein sehr persönlicher Film über strukturelle patriarchale Gewalt.
Esther Buss | 20.04.2026

Do You Love Me

  • Frankreich 2025
  • R: Lana Daher
Die Geschichte des Libanon ist nur fragmentiert dokumentiert. Historische Materialien wurden nicht zuletzt durch die zahlreichen Kriege seit 1975 zerstreut und zerstört. Die in Beirut lebende Filmemacherin und Multimediakünstlerin Lana Daher hat für eine Filmcollage jedoch Bild- und Tonaufnahmen aus zahlreichen Archiven durchforstet. Der reine Archivfilm porträtiert den Libanon und die Stadt Beirut, assoziativ kompiliiert aus libanesischen Kinofilmen, Fernsehaufnahmen, Home Movies, Fotografien, Musik, Podcasts und O-Tönen aus insgesamt sieben Jahrzehnten. Über das reiche Filmerbe wird dabei das kollektive Gedächtnis des Landes sichtbar und erinnert schmerzhaft an die Lücke, dass keine einheitliche Geschichtsschreibung des Libanon existiert.
Esther Buss | 20.04.2026

Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden

  • Deutschland 2026
  • R: Sandra Prechtel
Der Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller, Maler und Fotograf Einar Schleef (1944-2001) galt als radikaler Nonkonformist. Sowohl in der DDR als auch in der BRD und im wiedervereinten Deutschland schlug ihm Widerstand entgegen; er wurde aber auch als Bühneninnovator gefeiert. Ein ausschließlich aus Archivmaterial montiertes Porträt skizziert Schleef als verletzlichen Einzelgänger, der von einem Gefühl fundamentaler Unbehaustheit bestimmt wird. Der Film greift neben Fotografien, Texten, Bild- und Tonmaterial aus unterschiedlichen Quellen insbesondere auch auf Schleefs posthum veröffentlichte Tagebücher zurück. Die Annäherung ist von Bewunderung für einen Ausnahmekünstler getragen und folgt Schleef auch in Widersprüche, Fragen und Zweifel seines Wirkens.
Esther Buss | 20.04.2026

Love Me Tender

  • Frankreich 2025
  • R: Anna Cazenave Cambet
Eine ehemalige Anwältin und Mutter eines siebenjährigen Sohnes hat mit ihrem heterosexuellen Familienleben gebrochen und schreibt an einem ersten Roman. Als sie ihrem Ex-Mann von ihren lesbischen Beziehungen erzählt, fordert dieser mit abstrusen Anschuldigungen das alleinige Sorgerecht. Ein ebenso demütigender wie zermürbender Kampf um ihre Rechte als Mutter beginnt. Die Adaption eines autofiktionalen Romans erzählt von einer Frau, die wegen ihres Freiheitsdrangs unter Anklage gestellt wird und keinerlei Kompromisse eingehen will. Die klassisch gehaltene Inszenierung und eine zugänglich angelegte Hauptfigur mildern allerdings die Radikalität der literarischen Vorlage zugunsten einer melancholisch-wehmütigen Klage.
Esther Buss | 20.04.2026

Zwischen uns das Meer

  • Belgien 2024
  • R: Saïd Hamich Benlarbi
Anfang der 1990er-Jahre kommt ein 27-Jähriger als illegaler Flüchtling von Marokko nach Marseille. Seine Freunde, das Meer und die Raï-Musik sind seine einzigen Anker in einer Situation fundamentaler Entwurzelung, die zu einem Leben am Rande der Gesellschaft führt. Das ändert sich erst, als er einem schwulen Polizisten und dessen aufgeschlossener Frau begegnet, die zu seiner Ersatzfamilie werden. Ein Migrationsdrama mit melodramatischen Zuspitzungen, kräftigen Farben und kontrastreichen Figurenkonstellationen, das vom Zustand ewigen Exils erzählt. Dabei streift der Film Sozialrealismus in der Darstellung von Milieus, Herkunft und Klassenunterschieden ab und erlaubt sich Flirts mit dem Film noir wie auch mit dem queeren Kino.
Esther Buss | 13.04.2026

Luisa

  • Deutschland 2025
  • R: Julia Roesler
Eine junge Frau lebt in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen und entdeckt zunehmend ihre Selbstständigkeit. Als sie plötzlich in Schweigen und Starre verfällt, reagiert ihr Umfeld ratlos. Erst durch eine Schwangerschaft kommen mehrere sexuelle Übergriffe ans Tageslicht, die in der Einrichtung und bei den Eltern der jungen Frau die Fragen nach der Mitverantwortung und dem notwendigen Vorgehen wachrufen. Das Realitätsnähe anstrebende Drama wurde in Zusammenarbeit mit einem inklusiven Ensemble aus Hamburg entwickelt, Schauspieler mit und ohne Behinderung spielen nebeneinander. Das Bemühen um einen sensiblen Umgang mit dem Thema wird allerdings durch die Dramaturgie eines Krimi-Plots geschwächt, zudem wird zu viel angeschnitten, um der Hauptdarstellerin tatsächlich Raum zu geben.
Esther Buss | 07.04.2026