Patrick Holzapfel

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Würde der Sturheit

Das Werk des iranischen Filmemachers Jafar Panahi wird seit 15 Jahren von den Repressalien bestimmt, die das Regime in seiner Heimat über ihn verhängt hat: Zumindest unterschwellig sind sie immer präsent in seinen Filmen, die er trotzig weiterhin dreht und im Ausland dafür gefeiert wird. Zuletzt gewann „Ein einfacher Unfall“ die „Goldene Palme“. Der offene Blick aus seinem Frühwerk ist zusehends wiederkehrenden Mustern gewichen, die zwar Ambiguität zulassen, die Position des Regisseurs aber auch ziemlich festlegen. Gedanken zu den Filmen von Panahi.

Was Tashmetum berichtet

Bei der Tagung „Sehen. Schreiben. Solidarisieren“ beschäftigte sich Patrick Holzapfel in einem Impulsvortrag mit dem Schreiben als zentralem Akt der Kritik. Darin reflektiert er über das Dilemma, als Kritiker die Verantwortung für den Film, über den geschrieben werden soll, mit dem Versuch zusammenzubringen, den Bildern Bedeutung zu entlocken. Und findet einen Weg aus dem Chaos der Bilder, indem er einen Bogen zum grundlegenden Wesen des Schreibens schlägt.

Peter Sellers: Mein Leben als Anderer

Der britische Filmkomiker Peter Sellers (1925-1980) war niemand und alle zugleich. Selbst in seinen privaten Aufnahmen stößt man beständig auf Masken und Rollen, in denen er nach dem sucht, der er selber war oder sein wollte. Als Meister der Improvisation verband er das Virtuose mit dem Tollpatschigen und schlüpfte in immer neue Gestalten, mit denen er zum Spiegel für andere – und vielleicht auch für sich wurde.

Vom Wunder, am Leben zu sein - Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor

Ab 17. Juli widmet das silent green Kulturquartier in Berlin dem Filmemacher-Duo Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor die Ausstellung „Breathing Matter(s)“, in der die künstlerische Entwicklung der beiden nachgezeichnet und ihre wichtigsten Arbeiten präsentiert werden. Der Essay geht ihrer Kunst der Erweiterung des filmischen Erfahrungsraumes nach und lotet ihrer Versuche aus, die Grenzen des menschlichen Bicks zu weiten.

Marxist in Marseille - Robert Guédiguian

Der französische Filmemacher Robert Guédiguian verknüpft in seinen Werken immer wieder liebevolle Blicke auf seine Heimatstadt Marseille mit leidenschaftlichen Schulterschlüssen mit der Klasse der Arbeiter und Migranten. Seine Filme handeln von der Reibung zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, sind aber stets vom festen Glauben an ein friedliches Zusammenleben der Menschen geprägt. Ein Porträt zum Kinostart von „Das Fest geht weiter“.

Cannes 2025 - Robert De Niro

Er verließ schon als Teenager die Schule, um Schauspieler zu werden; in den 1970er-Jahren stieg er durch seine Zusammenarbeit mit Martin Scorsese zu einem der wichtigsten US-Stars seiner Generation auf. Robert De Niro, geboren am 17. August 1943, ist eine Legende. Daran haben auch seine Auftritte in peinlichen Komödien während der letzten Jahre nichts ändern können. Beim Filmfestival in Cannes 2025 wird er mit der Goldenen Ehrenpalme ausgezeichnet. Eine Hommage in 80 Beobachtungen.

Die Fetischisierung der Zeit: „The Clock“ von Christian Marclay

Im Stuttgarter Kunstmuseum ist derzeit die Installation „The Clock“ zu sehen, die aus 24 Stunden mit Szenen besteht, in denen Uhren eine Rolle spielen. Oder die Zeit in anderer Form thematisiert wird. Das Spektakel von Christian Marclay wird seit der Premiere im Jahr 2010 gepriesen, doch kaum jemand dürfte sich ihm in Gänze ausgesetzt haben. Das Schauen setzt dabei eigene Assoziationen zum Verhältnis von Kino und Zeit, der Vielfalt der filmischen Zeit-Darstellung und ihren Grenzen frei. Die Analyse eines Selbstversuchs.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Zum Tod von Gene Hackman

Der US-amerikanische Schauspieler Gene Hackman ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Auch wenn Hackman seit 2004 nicht mehr vor der Kamera stand, haben sich seine zahlreichen Filmauftritte dauerhaft Raum im Kinogedächtnis gesichert: Als Bühne für einen höchst vielseitigen Darsteller, der sich keinesfalls auf einen bestimmten Typ festlegen ließ. Stattdessen verstand er mit seinen gebrochenen Figuren von Szene zu Szene immer wieder zu überraschen.

Anora

  • USA 2024
  • R: Sean Baker

Ein mit Dollars um sich werfender junger Russe engagiert in New York eine Stripperin für eine ganze Woche, fliegt mit ihr nach Las Vegas und heiratet sie aus einer Laune heraus. Das ruft nicht nur die Handlanger seiner Eltern, sondern auch diese selbst auf den Plan. Der Versuch, die Ehe schnellstmöglich wieder zu annullieren, mündet in eine wilde Verfolgungsjagd voller absurder Komik und romantischer Intermezzi. Die energiegeladene Tragikomödie mit märchenhaftem Überschwang entfaltet in langen, präzise auserzählten Sequenzen eine fieberhafte Dynamik, bei der es weniger um Sexarbeit als um die Abhängigkeit vom (russischen) Geld geht. Die Konzentration auf den Augenblick und die bloße Gegenwart erzeugt eine große Nähe zu den Figuren, die mit viel Sympathie und einem großen Humanismus gezeichnet werden.

Letterboxd: Cinephilie-Segen oder Albtraum?

Die Online-Plattform Letterboxd, auf der Filme bewertet, kommentiert und in Listen verarbeitet werden, hat einen rasanten Aufstieg erfahren. Längst werden Letterboxd-Einträge für die Filmwerbung genutzt, Kritiker und Filmmagazine nutzen die Plattform und in den Nischen gedeiht der Austausch. Doch während sich die Website als Streiterin für die Filmkultur inszeniert, ist ihr Hang zu populären, emotionalen Meinungsäußerungen nicht weniger problematisch als bei anderen Online-Foren.

Buñuel - Filmemacher des Surrealismus

  • Spanien 2021
  • R: Javier Espada

Ein Dokumentarfilm zeichnet das Leben und Werk des spanischen Filmemachers Luis Buñuel (1900-1983) nach, indem er Ausschnitte aus dessen berühmten Filmen, alte Fotografien, Archivaufnahmen und autobiografische Texte zu einer generellen Einführung verbindet. Der Film will die provokativen Bildfindungen Buñuels und sein Oeuvre lesbar machen und die Herkunft der Bilder und Motive aus dem spanischen Katholizismus und den surrealen Kunstwelten seiner Zeitgenossen aufdecken. Die akribisch-biedere Ausleuchtung steht allerdings im seltsamen Gegensatz zum subversiv-surrealistischen Gestus von Buñuels Kunst und verpasst es überdies, sie über filmhistorische Analysen hinaus für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Megalopolis

  • USA 2024
  • R: Francis Ford Coppola

In einer fiktiven, New Rome genannten Großstadt träumt ein visionärer Architekt davon, mit Hilfe eines von ihm entdeckten neuen Baustoffs eine neue Welt zu errichten, die von Schönheit und Ästhetik dominiert wird. Doch mächtige Gegenspieler und die Trauer um seine verstorbene Gattin rauben all seine Energien. Bis er sich in die Tochter eines seiner heftigsten Gegenspieler verliebt. Das monströse Science-Fiction-Historien-Spektakel ist eine wirre und unausgegorene Abrechnung mit Macht und Korruption, die sich angestrengt um ein utopisches Denken bemüht. Im ausgestellten Größenwahn des Films verbirgt sich aber durchaus ein widerständiges Moment gegen den filmischen Einheitsbrei aus Hollywood und für den wahren Wert der Filmkunst.

Machine Gun Lover - Gena Rowlands

Am 14. August ist US-Schauspielerin Gena Rowlands verstorben. Als Hauptdarstellerin und Frau des Regisseurs John Cassavetes bildete sie mit ihm ein Paar, das wie kein anderes im US-Kino für die Auflehnung gegen Konventionen stand. Gena Rowlands prägte dabei das Bild der wehrhaften Frau, die sich gegen eine bedrängende Gesellschaft auflehnt. Eine Hommage an die Darstellerin, die dem Kino einige seiner ehrlichsten Momente schenkte.

Madame Tschaikowski

  • Russland 2022
  • R: Kirill Serebrennikow

Im Urteil von Zeitgenossen wie Nachwelt erscheint Antonina Iwanowna Miljukowa, von 1877 bis 1893 die Ehefrau des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski, meist im negativen Licht. Das biografische Drama zeichnet hingegen das positiv gemeinte Bild einer gegen jede Vernunft liebenden Frau und blendet Tschaikowski daneben fast aus, was sich vor allem als Angriff gegen das im Putin-Russland propagierte Männlichkeitsbild verstehen lässt. Indem der Film in Miljukowas Innenleben eintaucht, macht er einen großen Schmerz greifbar, verharrt aber gleichzeitig in reaktionären Bildern von Weiblichkeit, sodass sich eine spannende, mitunter aber auch arg befremdliche Mischung ergibt.

Der Boden unter den Füßen der Wahrheit - Nuri Bilge Ceylan

In den Filmen des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan bleibt vieles unausgesprochen, auch wenn die Figuren oft endlos miteinander diskutieren. Der Filmemacher geht auf die Suche nach einem Sinn der Welt, deckt die Lächerlichkeit des Seins auf und blickt doch immer auch zärtlich auf die Menschen. Sein jüngster Film „Auf trockenen Gräsern“ zeugt von seiner mittlerweile erreichten Meisterschaft.

Anleitung zum Verschwinden - Marlon Brando

Mehr als das Image jedes anderen Hollywoodstars ist das von Marlon Brando von einer großen Fallhöhe gezeichnet: Von den Höhen der kultisch verehrten New-Hollywood-Ikone zu den tragischen Tiefen des Maßlos-Monströsen. Anlässlich des 100. Geburtstags des am 3. April 1924 geborenen US-Schauspielers taucht Patrick Holzapfel in dessen schillernde Rollengeschichte ein und liest sie als faszinierenden Gegenentwurf zu Star-Kult und Verweigerung an die Erwartung, zum Helden einer Generation zu werden.


Filmklassiker: "Der Dieb von Bagdad"

In seinem 1924 erschienenen Stummfilm-Abenteuer nach "1001 Nacht" lief Douglas Fairbanks als Darsteller einer akrobarisch-vitalen Heldenfigur zu Bestform auf und scheute als Produzent und Regisseur keinen Aufwand, um die orientalische Märchenwelt zum Leben zu erwecken. Am 18. März feiert der Klassiker sein 100. Leinwandjubiläum. Erinnerungen an ein Werk, das als abenteuerliches Fantasy-Spektakel einst Maßstäbe für die Zauberkräfte des Kinos setzte.


Das Verschwinden von Auschwitz

Der Film „The Zone of Interest“ reiht sich in die Versuche ein, den Holocaust mit den Mitteln des Kinos zu vergegenwärtigen. Bei aller ästhetischen Eigensinnigkeit solcher Fiktionalisierungen erliegt allerdings auch „The Zone of Interest“ dem Dilemma einer solchen Beschäftigung mit den NS-Gräueln: an sie zu erinnern, ohne ihrer sinnlich habhaft werden zu können oder gar zu wollen. Sie befördern eine Illusionskultur, die das Verstehen behindert und sich allzu oft nur noch Abstraktes vorstellen kann.

Martin Scorsese - Der Größte

Bei der Berlinale 2024 wurde Martin Scorsese mit einem "Ehrenbär" für sein Lebenswerk geehrt. Wie wenige andere Regisseure hat er sich mit seiner Persönlichkeit, seinen virtuosen Arbeiten und seiner schieren Leidenschaft fürs Kino in die Filmgeschichte eingeschrieben. Vor allem den Gangsterfilm hat er geprägt und von existenzieller Verlorenheit erzählt, doch in seinem Oeuvre war stets Raum für mehr: für Familienauftritte, italo-amerikanische Kultur, Musik, Mode, Geld, Autos, Essen und immer wieder das Kino selbst. Eine Hommage in 80 Beobachtungen.

Reality (2023)

  • USA 2023
  • R: Tina Satter

Im Juni 2017 wurde die US-Analystin Reality Leigh Winner vom FBI verhaftet, weil sie geheime NSA-Informationen über russische Eingriffe in die US-Präsidentschaftswahl an die Internetplattform „The Intercept“ weitergegeben haben soll. Das vielschichtige Drama über Verhaftung, Verhör und Hausdurchsuchung bei der jungen Frau fußt auf den Originaltondokumenten des Vorgangs. Auf ebenso faszinierende wie irritierende Weise folgt der Film diesen Vorgängen Schritt für Schritt, um einen absurden Apparat bloßzustellen und die titelgebende Wirklichkeit in Frage zu stellen.

Trotz allem mit Liebe filmen - Erinnerungen an Otar Iosseliani

Die Welt ist eigentlich zu hässlich, als dass sie die Zärtlichkeit und Zuneigung verdient hätte, mit der Otar Iosseliani auf sie geblickt hat. Obwohl er nicht an die Veränderbarkeit der Wirklichkeit glaubte, rückte er das Unscheinbare und Beiläufige ins Zentrum seiner Filme. Und auch wenn Aufbruch und Scheitern darin eng verwandt sind wie Komik und Tragik, dominierte stets der Wunsch, gut gelebt zu haben, bevor man stirbt. Nachruf auf einen heiteren Melancholiker.


Plädoyer für Ambivalenz

In den aufgeheizten Debatten der Gesellschaft werden derzeit oft Haltung, Klarheit oder eindeutige Positionen eingefordert. Auch von Filmschaffenden und Filmvermittlern. Dabei kann gerade die Kunst und insbesondere Filme lehren, nuancierter auf Dinge zu blicken und die Komplexität der Welt wahrzunehmen. Gedanken zu einem Durcheinander verschiedener Perspektiven, nicht nur im Film.

„Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless“

Der aus dem Iran stammende Regisseur Sohrab Shahid Saless war eine singuläre Gestalt im deutschen Filmschaffen, weil er nicht nur die Migrationserfahrung miteinbrachte, sondern sich in seinem Kunstschaffen stark an dem Schriftsteller Anton Tschechow orientierte. In einem voluminösen dreibändigen Werk setzt ihm der Germanist Behrang Samsami jetzt ein Denkmal, das viele Texte, Gespräche, Statements und Briefe des rastlosen Künstlers versammelt.

 

Hölderlins Echo

  • Deutschland 2019
  • R: Susanne Marschall

Der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern, der sich durch die Feinheit der Sprache ebenso wie durch seinen tragischen Lebenslauf in die Geschichte einschrieb. Der Dokumentarfilm wählt einen ungewöhnlichen Ansatz, indem er über musikalische Vertonungen der Gedichte Hölderlins dessen Leben in Tübingen näherkommen will. Dabei setzt er auf eine Mischung aus Animationen und Realfilm, schafft es aber nicht, einen echten Zugang zur Dicht- oder Musikkunst zu finden. Stattdessen beleuchtet er allzu oberflächlich die Institutionen und Menschen, die das Erbe Hölderlins in eine mögliche Zukunft tragen.

Menschen & Filme zusammenbringen

Ende September veröffentlichte das „Netzwerk Filmkultur NRW“ ein Positionspapier, das viele wichtige Forderungen an die Filmkultur heute – nicht nur in Nordrhein-Westfalen – formuliert. Darin spiegelt sich, dass auch im Jahr 2023 noch um die Anerkennung von Film als Kultur gekämpft wird, was beschämend, aber gerade deshalb hochrelevant ist. Ein Gespräch mit den Mitgliedern Vera Schöpfer und Alexander Scholz über ihre Arbeit, die Schwierigkeiten und die Schrauben, an denen dringend gedreht werden muss.

Vergiss Meyn Nicht

  • Deutschland 2023
  • R: Fabiana Fragale

Im Zuge der klimapolitischen Proteste gegen die geplante Rodung des Hambacher Forstes dokumentierte der Filmstudent Steffen Meyn 2018 den Kampf der Aktivisten mit seiner 360-Grad-Helmkamera und kam dabei durch einen Sturz ums Leben. Der von Freunden und Kollegen des Verunglückten teils mit dessen Bildmaterial gefertigte Dokumentarfilm bettet Meyns Aufnahmen in eine Erzählung über die Grenzen und Notwendigkeiten des Protests ein. Dabei findet er jedoch keine rechte Form für sein komplexes Thema und bleibt trotz des interessanten Materials von Meyn ethisch problematisch, weil er es kaum versteht, dieses angemessen einzubetten.

Pastiche und Proletariat - Die Welt von Aki Kaurismäki

Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki erschafft in seinen Filmen seit vierzig Jahren eine ganz eigene Welt. Unmittelbar erkennbar ist sie an seinen gedemütigten, einsamen Figuren aus der Arbeiterklasse, der Lakonie und der Musik, aber auch an der Sehnsucht nach Romantik und einem besseren Leben. Und an einem unbedingten Optimismus, der bei Kaurismäki weder aufgesetzt noch pathetisch wirkt, sondern vielmehr logischer Ausdruck des Widerstands gegen menschliche Erniedrigung ist.

Be Water - Voices from Hong Kong

  • Deutschland 2023
  • R: Lia Erbal

Ein Dokumentarfilm beleuchtet die Hongkong-Politik Chinas aus Sicht einiger Aktivistinnen, die seit 2014 für die Demokratie in Hongkong eintreten und das brutale Vorgehen gegen ihre Bewegung erlebten, sowie aus der Perspektive der EU-Politik, die sich mit der politischen Aggressivität und der wirtschaftlichen Abhängigkeit in Verbindung mit China auseinandersetzt. Die beiden verschiedenen Ebenen werfen interessante Fragen auf, wirken aber zu inkonsequent gegenübergestellt. Während die Sicht der EU-Politiker weitgehend unkritisch übernommen scheint, werden die Stimmen der Aktivisten stärker zurückgedrängt, als es ihre frappierenden Aufnahmen der Proteste nahelegen würden.

Keine Liebe im Kino: Über eine Krise filmischer Liebesdarstellungen

Romantische Komödien und Herzschmerz-Dramen starten in Kino und Heimkino zuhauf, trotzdem ist es um die Liebe im Medium Film schlecht bestellt, findet Patrick Holzapfel. Jenseits altbekannter Erzählmuster und Plotpoints scheint bei nur wenigen Filmemacher:innen ein Interesse daran zu bestehen, zu ergründen und sinnlich erfahrbar zu machen, was das wirklich ist: eine gelebte Liebe. Ein Plädoyer für eine Neuentdeckung.

Mein Satz

  • Österreich 2022
  • R: Amina Handke

Die Künstlerin Amina Handke greift das von ihrem Vater Peter Handke verfasste Theaterstück „Kaspar“ aus dem Jahr 1967 auf und erzählt davon, wie ihre Mutter, die Schauspielerin Libgart Schwarz, bei Proben die Fähigkeit für geordnete Sprache verliert. Diese Sprachverwirrung ist Ausgangspunkt für einen verspielten metafiktionalen, gleichzeitig sehr persönlichen Film, der den Widerstand gegen das Diktat der Sprache verkündet und das väterliche Erbe sowohl kreativ anwendet als auch Konflikte damit offensiv verhandelt. Der fragmentarische Charakter des Films und seine Zitate lassen sich dabei als Zerfall der kinematographischen Sprache analog zur Rede- oder Schrift-Sprache verstehen.