Felicitas Kleiner

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Das Wunder von Stoneford

  • Großbritannien 2025
  • R: Chris Foggin

Ein Hollywood-Actionstar auf dem absteigenden Ast lässt sich über Weihnachten auf ein Theaterengagement in England ein. Als er erfährt, dass es keineswegs um eine Charakterrolle auf einer renommierten Londoner Bühne geht, sondern um einen Part im Weihnachtsstück eines englischen Provinztheaters, will er erst das Handtuch werfen, sieht sich dann aber gezwungen zu bleiben und entdeckt im Zusammenspiel mit dem liebenswerten Theaterensemble langsam einen Sensus für die Magie der Bühnenshow. Außerdem ist der Aufenthalt in England eine Chance, seiner ihm entfremdeten Teenager-Tochter, die mit ihrer Mutter dort lebt, wieder näherzukommen. Eine liebenswerte Weihnachtskomödie um die Läuterung eines Egozentrikers zum Teamplayer, die vor allem als Hommage auf die britische „Christmas Panto“-Tradition und ihre gemeinschaftsstiftende Kraft gelungene weihnachtliche Wohlfühl-Unterhaltung bietet.

In Your Dreams - Im Traum ist alles möglich

  • USA 2025
  • R: Alexander Woo

Ein junges Mädchen leidet darunter, dass sein glückliches Familienleben durch finanzielle Sorgen und Reibungen zwischen den Eltern Risse bekommt. Als die Mutter für ein Bewerbungsgespräch in eine weiter entfernte Stadt reist, fürchtet die Teenagerin eine Trennung. Doch dann gerät sie zusammen mit ihrem quirlig-chaotischen jüngeren Bruder an ein mysteriöses Buch über den Sandmann. Gemeinsam wagen sich die Geschwister auf eine turbulente Reise ins Traumland und meinen, nur an der Herrin der Albträume vorbeizumüssen, um es zum Sandmann und ans Ziel ihrer Wünsche zu schaffen. Doch die wahre Herausforderung ist es, sich der Realität und ihren beängstigenden Veränderungen zu stellen. Der Animationsfilm nimmt das Traumreise-Thema als Steilvorlage für schräg-surreale Action-Einfälle und erdet diese in einer Story, die einfühlsam auf die Angst eines Kindes vor dem Zerbrechen seiner Familie eingeht und nebenbei ein Hohelied auf die Kraft von Geschwisterliebe singt. Dabei entfaltet der Film visuell nicht ganz die Originalität von Vorbildern wie „Die bunte Seite des Mondes“, hat dank seines liebevollen Charakter-Designs und pfiffiger Dialoge aber doch viel Charme.

Filmliteratur: „Music in the Air! Die deutsche Musikfilm-Komödie im Exil 1933-1950

Die Zeit des NS-Regimes war für die deutsche Filmkultur ein verheerender Kahlschlag; betroffen war nicht zuletzt auch das in der Weimarer Zeit enorm erfolgreiche Genre der Tonfilmoperette. Viele Filmschaffende, die das Genre prägten, sahen sich zur Emigration gezwungen. Eine Studie des Filmhistoriker Helmut G. Asper folgt den Spuren der exilierten Darsteller und ihrem weiteren Wirken in Hollywood und im europäischen Ausland.

Down Cemetery Road

  • USA 2025
  • R: Samuel Donovan

Als in ihrer Oxforder Nachbarschaft ein Haus bei einer angeblichen Gasexplosion zerstört wird und sie sich bei Klinik und Polizei nach dem Schicksal eines überlebenden kleinen Mädchens erkundigt, aber auch eine Mauer des Schweigens prallt, beginnt eine Restauratorin einer brisanten Affäre nachzuspüren, in die der Militärgeheimdienst und zwei von ihm angeheuerte Killer verwickelt sind. Flankiert von einer gewieften Privatermittlerin, beginnt sie den Spuren des verschwundenen Mädchens zu folgen und allmählich die Hintergründe der Explosion aufzudecken, was sie ihre gesicherte Existenz zu kosten droht und beide Frauen in höchste Gefahr bringt, als sie ins Visier der Agenten und Killern geraten. Die Thriller-Serie nach einem Roman von Mick Herron punktet mit einer Fusion von Suspense und schrägem Humor und einem trefflich gezeichneten und gespielten Figurenensemble.

Welcome to Derry

  • USA 2025
  • R: Andy Muschietti

1962 zieht eine afroamerikanische Familie in die Stadt Derry im Bundesstaat Maine, weil der Vater, ein Offizier, auf den Luftwaffenstützpunkt nahe der Stadt versetzt wurde. Dort bekommen es die neuen Einwohner nicht nur mit latentem Rassismus zu tun, sondern auch mit den Gräueln eines bösartigen Wesens, das seit Jahrhunderten Derry heimsucht. Während der Vater in ein dubioses Militärprojekt verwickelt wird, findet sein Sohn Anschluss an eine kleine Gruppe anderer Kinder, die dem Bösen Widerstand zu leisten versuchen, wobei ihnen das reaktionäre Gros der Erwachsenenwelt eher schadet als nützt und allenfalls das Wissen von Derrys American-Natives-Community helfen könnte. Eine Horrorserie um die Vorgeschichte zu Andy Muschiettis "ES"-Kinofilmen frei nach Motiven aus Stephen Kings gleichnamigem Roman. Dabei gründet der Schrecken nicht nur auf suggestive „Scares“, die noch etwas drastischer ausfallen als in den Kinofilmen, sondern vor allem auf ein effektives, clever den Zeithintergrund der 1960er einflechtendes Psychohorrorszenario rund den Passionsweg der kindlichen Protagonisten, denen nicht nur ein übernatürliches Wesen zusetzt, sondern auch ein gesellschaftliches Umfeld, in dem Paranoia, Vorurteile, Ressentiments und Ignoranz regieren.

Harlan Coben's Lazarus

  • USA 2025
  • R: Daniel O'Hara

Ein forensischer Psychiater wird von der Nachricht, dass sein Vater verstorben ist, aus der Bahn geworfen: Angeblich soll der renommierte Psychoanalytiker sich in seiner Praxis selbst erschossen haben, doch der Sohn zweifelt, dass der Tod ein Selbstmord war. Beunruhigende paranormale Begegnungen führen ihn auf die Spur eines verschlungenen Falls, bei dem es nicht nur um den potenziellen Mord an dem Vater geht, sondern auch um die gewaltsamen Tode von Menschen, die einst bei diesem in Behandlung waren, sowie um den lang zurückliegenden, die Familie traumatisierenden Mord an der Zwillingsschwester des Psychiaters. Die Serie mischt Murder Mystery-, Psychothriller- und Geisterfilm-Elemente zu einer arg konstruiert wirkenden Geschichte rund um unkurierbare seelische Abgründe und entfaltet dabei inszenatorisch trotz guter Darsteller und eines passablen Produktionsdesigns nur wenig Sinn fürs Unheimliche ihres Sujets.

Der Horror des Alterns: Ein Bilderbuch

Der Hamburger Autor Heinz Strunk und der Wiener Illustrator und Comickünstler André Breinbauer haben ein Bilderbuch geschaffen, das mit den Figuren der klassischen Universal-Horrorfilme spielt, um humorvoll von den Schrecken des Altwerdens zu erzählen. „Graf Fauchi und das verschwundene Gebiss“ ist diesen Herbst im Lappan Verlag erschienen.

Spermageddon

  • Norwegen 2024
  • R: Rasmus A. Sivertsen

Ein schüchterner Teenager bringt während eines Wochenendausflugs den Mut auf, dem Mädchen, in das er schon länger verliebt ist, seine Gefühle zu gestehen, und beide erleben gemeinsam den ersten Sex ihres Lebens. Für seine Spermien, die in der Animationskomödie als eigenständige Charaktere auftreten, bedeutet das das Abenteuer ihres Lebens. Ein ängstliches Spermium, das eigentlich lieber im sicheren Hodensack geblieben wäre, findet sich zusammen mit seiner besten Freundin auf der gefahrvollen Reise zur Eizelle wieder, wobei nicht nur ein unerwarteter Umweg durch den Verdauungstrakt, sondern auch ein größenwahnsinniger Konkurrent und diverse Verhütungsmittel ungeahnte Herausforderungen darstellen. Auf fröhlich-frivole, einfallsreiche Weise erzählt der mit Musical-Elementen arbeitende, knallbunte Film in Form einer Reise durchs Körperinnere unverblümt von dem, was sich unter der Gürtellinie abspielt, und kombiniert das mit einer humorvollen Coming-of-Age-Story rund um die Unsicherheiten beim ersten Mal. Eine schön schräge „Adult“-Antwort auf didaktisch angelegte Animationsstoffe à la „Es war einmal…das Leben“.

House of Guinness

  • Irland 2025
  • R: Tom Shankland

Irland in den späten 1860er-Jahren: Nach dem Tod des Familienpatriarchen wird die Geschichte der Dubliner Bierbrauer-Dynastie Guinness von vier Guinness-Geschwistern fortgeschrieben. Die Familie, die zu den reichsten des Landes gehört, blickt unruhigen Zeiten entgegen, da die irische Unabhängigkeitsbewegung zunehmend an Einfluss gewinnt und der protestantisch-unionistische Brauereiclan sich genötigt sieht, sich mit der neuen Kraft zu arrangieren. Wie schon in dem historischen Gangsterdrama „Peaky Blinders“ gelingt Showrunner Steven Knight eine elegante Verbindung von Familiensaga und politischer Zeitgeschichte einer Umbruchsära, getragen von einem Ensemble lebenspraller, komplexer Charaktere.

Call My Agent Berlin

  • Deutschland 2025
  • R: Boris Kunz

Eine deutsche Adaption der französischen Serie „Call My Agent“ um den turbulenten Arbeitsalltag einer durch den Tod des Senior-Chefs in Bedrängnis geratenen Schauspieler-Agentur, zu deren Klientel namhafte Filmstars zählen. Nah am Original bleibend, vereint die Serie „Ein Fall pro Folge“-Handlungen rund um prominente Filmgrößen, die sich selbst spielen, mit episodenübergreifenden Verwicklungen rund um die Agenten-Figuren, wodurch sich insgesamt ein erhellend-unterhaltsamer Blick auf die Filmbranche und die Tücken und Wunder des Schauspieler-Berufs ergibt. Dass das Ganze im Vergleich zum französischen Original nicht epigonal wirkt, liegt vor allem daran, dass die Serienmacher ein großes Geschick dabei entfalten, die deutschen Darsteller und ihre schauspielerischen Stärken zum Strahlen zu bringen bzw. sich mal spannend, mal humorvoll an ihnen und ihren Images abzuarbeiten.

Miss Austen

  • Großbritannien 2025
  • R: Aisling Walsh

Jahre nach dem Tod der Schriftstellerin Jane Austen stellt sich für ihre Schwester Cassandra die Frage, wie sie mit Janes brieflichem Nachlass umgehen soll. Im Haus eines verstorbenen Bekannten, dessen Frau in regem Briefwechsel mit den Austen-Schwestern stand, kümmert sie sich nicht nur darum, für die ledige Tochter der Familie eine neue Bleibe zu finden, sondern versenkt sich auch in die Briefe, die Erinnerungen an die Vergangenheit wecken. Der mit zahlreichen Rückblenden arbeitende, inszenatorisch und schauspielerisch überzeugende Vierteiler kreist anhand der Geschichte von Austens Briefen um weibliche Entfaltungsmöglichkeiten in einer Gesellschaft, die wenig Spielraum dafür lässt, und wird zur Ode an weibliche Solidarität.

Das Gift der Seele

  • USA 2025
  • R: Andrea Harkin

Eine Galeristin aus der Londoner High Society ist irritiert von der neuen Freundin, die ihr Sohn, ein angehender Arzt, ihr und ihrem Mann vorstellt; schnell entwickelt sie ein Misstrauen gegen die junge Maklerin, die sie für eine manipulative Goldgräberin hält. Die Serie, die auf dem gleichnamigen Roman von Michelle Frances beruht, kontrastiert die Mutter-Perspektive auf die schwierige Beziehung der beiden Frauen mit der der Schwiegertochter in spe, die sich als Arbeiterklasse-Tochter von dem Oberschichtsmilieu ihres Freundes verunsichert fühlt und ihre Herkunft vertuschen will. Dabei entsteht ein von Drama Richtung Psychothriller changierendes Szenario, bei dem es nicht nur um Eifersucht zwischen den beiden Frauen geht, sondern vor allem auch um die Spannungen, die aus den unterschiedlichen Herkunftsmilieus entstehen.

Filmfestival Venedig 2025: Sein oder Nichtsein

Haben die Menschen die Gegenwart in ein Haus aus Dynamit verwandelt, das ihnen früher oder später um die Ohren fliegt? Die Filme der 82. Filmfestspiele in Venedig drückten in diesem Jahr immer wieder das Lebensgefühl aus, dass die Menschheit an einem Scheideweg steht und sich dringend neu orientieren muss, um nicht den eigenen Untergang zu besiegeln. In einigen Filmen gab es durchaus Grund zur Annahme, dass eine Wende zum Positiven möglich ist.

Filmfestival Venedig 2025: Stop this War!

Das 82. Filmfestival in Venedig verschließt nicht die Augen vor den quälenden Krisen der Gegenwart. Vor allem der Krieg in Gaza war ein wichtiges Thema. Das Drama „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania setzt einem 2024 ums Leben gekommenen palästinensischen Kind ein Denkmal.

Filmfestival Venedig 2025: Smash!

Beim Filmfestival in Venedig glänzt Dwayne Johnson als Mixed-Martial-Arts-Kämpfer in „The Smashing Machine“ von Ben Safdie. Echte Chancen auf die „Löwen“ dürften hingegen zwei französische Filmemacher haben: Olivier Assayas mit „The Wizard of the Kremlin“ und François Ozon mit einer Neuverfilmung von Albert Camus’ Roman „Der Fremde“. Die 82. „Mostra“ endet am Samstag mit der Verleihung des „Goldenen Löwen“.

Filmfestival Venedig 2025: „The Testament of Ann Lee“

In ihrem Film „The Testament of Ann Lee“ entwirft die Regisseurin Mona Fastvold das inbrünstige Porträt jener Frau, die im 18. Jahrhundert die Shaker-Bewegung in den USA begründete. Auch mit Hilfe von Musical-Elementen erzählt der Film eindringlich vom Versuch, eine Lebensform zu finden, die der Botschaft der Evangelien irdische Gestalt gibt.

Filmfestival Venedig 2025: Ehrenlöwe für Werner Herzog

Beim 82. Filmfestival in Venedig ist Werner Herzog mit einem „Ehrenlöwen“ für sein Lebenswerk geehrt worden. Zudem feierte sein neuer Dokumentarfilm „Ghost Elephants“ Premiere und wurde vom Publikum mit minutenlangen Standing Ovations quittiert.

Filmfestival Venedig 2025: Menschen, Götter & Monster

In den ersten Tagen der 82. „Mostra“ hat der Wettbewerb durchaus gehalten, was die renommierten Namen der Filmemacher vorab versprachen. Dabei glänzten nicht zuletzt Filme, die sich inszenatorisch und thematisch mit ganz großen Fragen beschäftigten, beispielsweise Park Chan-Wooks „No Other Choice“ und Guillermo del Toros „Frankenstein“.

Filmfestival Venedig 2025: Sie sind unter uns!

Mit seinem neuen Film „Bugonia“ könnte Yorgos Lanthimos, der beim Filmfestival von Venedig 2023 mit „Poor Things“ den „Goldenen Löwen“ abräumte, 2025 erneut zu den Festival-Favoriten gehören. Die Groteske um einen Verschwörungstheoretiker, seinen simpel gestrickten Cousin und die Chefin eines Chemie- und Pharmakonzerns, die die beiden Männer für ein bösartiges Alien halten, sorgte für Glamour auf dem roten Teppich und einen ersten starken Akzent im Wettbewerb.

The Thursday Murder Club

  • USA 2025
  • R: Chris Columbus

Eine verwitwete Krankenschwester im Ruhestand schließt sich in dem noblen Altersheim, in das sie kürzlich umgezogen ist, einem Seniorentrio an, das als „Donnerstagsmordclub“ alte, ungelöste Fälle wieder aufrollt. Doch dann bekommen es die Hobbydetektive mit einem frischen Mord zu tun, als einer der Eigentümer ihres Altersheims erschlagen wird. Mit Hilfe einer jungen Polizistin beginnen sie zu ermitteln, auch, um ihr Heim zu retten. Die Verfilmung des ersten Bandes von Richard Osmans „Donnerstagsmordclub“-Romanreihe kommt in Sachen „Murder Mystery“ noch etwas blass daher, punktet aber mit ihrem liebenswerten, hervorragend verkörperten Figurenensemble. Lustvoll-dick aufgetragene „Cozy Crime“-Wohlfühlunterhaltung.

Filmfestival Venedig 2025: Das Programm

Heute beginnt die 82. „Mostra“ am Lido von Venedig mit dem Eröffnungsfilm "La Grazia" von Paolo Sorrentino. Im Wettbewerb überbieten sich die prominenten Namen hochkarätiger Filmemacher. Unter anderem laufen neue Werke von Kathryn Bigelow, Jim Jarmusch, Yorgos Lanthimos, Guillermo del Toro und Ildikó Enyedi. Außer Konkurrenz warten Arbeiten von Werner Herzog, Luca Guadagnino und eine Serie von Hagai Levi. 

Skandalöse Sommersprossen: Ein Kinderbuch von Julianne Moore

Manchmal ist ein Verbot die beste Werbung. Nachdem im Frühjahr bekannt wurde, dass ein bereits 2007 erschienenes, autobiografisch gefärbtes Kinderbuch der Schauspielerin Julianne Moore von der Trump-Administration aus einigen Schulen verbannt werden soll, ist das Werk nun erstmals hierzulande erschienen.

The Life of Chuck

  • USA 2024
  • R: Mike Flanagan

Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King, die als ein Triptychon über die Schönheit und Tragik des menschlichen Daseins entfaltet wird. Der Film erzählt in drei Kapiteln und umgekehrter Reihenfolge vom Sterben und Leben des titelgebenden Buchhalters, wobei es zunächst in apokalyptisch überhöhter Form um den Tod geht. Von da aus wird in der Biografie des Protagonisten zurückgeblättert, der leidenschaftlich gerne tanzt und ein erfülltes Leben führt, obwohl schon in der Kindheit Schmerz, Trauer und Unsicherheit eine Rolle spielen. Der Gebrauch von Voice-over wirkt etwas unbeholfen und auch inszenatorisch bleibt manches blass. Dennoch überzeugt der Film durch die Darsteller und die Qualität des Stoffs als Reflexion übers Leben mit dem Wissen um die Vergänglichkeit.

El'sardines

  • Frankreich 2025
  • R: Zoulikha Tahar

Eine Meeresbiologin in der algerischen Hafenstadt Oran will mit ihrer Kollegin und besten Freundin an einer einjährigen internationalen Forschungsexpedition teilnehmen und wartet auf das nötige Visum; ihrer Familie hat sie von den Plänen noch nichts erzählt. Vor allem der Mutter liegt wenig an der Karriere der jungen Frau, aber umso mehr daran, dass die 30-Jährige endlich heiratet, wie ihre jüngere Schwester, deren Hochzeit in sechs Tagen ansteht. Während sowohl das Fest als auch der Beginn der Expedition näher rücken, stürzt die junge Frau mehr und mehr in innere und äußere Konflikte. In sechs kompakten, wunderbar schwebend zwischen Heiterkeit und Ernst erzählten Mikro-Folgen, die zusammen knapp über eine Stunde lang sind, entwickelt die algerische Dichterin, Feministin und Poetry-Slammerin Zoulikha Tahar die Geschichte einer jungen Frau, die für rund eine Woche in einem Limbus der Zweifel schmort. Dabei geht es schwebend zwischen Heiterkeit und Ernst und mit kleinen Animations-Sequenzen ergänzt um einen kritischen, aber auch liebevollen Blick aufs System „Familie“, zu dem fast alle Figuren der Serie ein höchst ambivalentes Verhältnis zu haben scheinen.

Dept. Q

  • Großbritannien 2025
  • R: Scott Frank

Ein Ermittler der Mordkommission in Edinburgh, der noch gezeichnet ist von einem traumatischen Erlebnis, wird zum Leiter einer neu gegründeten Abteilung ernannt, die „Cold Cases“ neu aufrollen soll. Was zunächst wie ein Abstellgleis wirkt, um ihn nicht wieder in den normalen Dienst zurückzuholen, entfaltet eine unerwartete Dynamik, als er durch seinen syrischen Assistenten an einen brisanten Fall gerät, bei dem es ums unaufgeklärte Verschwinden einer Staatsanwältin vor vier Jahren geht. Die Serienverfilmung eines Jussi-Adler-Olsen-Romans aus dem Jahr 2008 baut er vertrauensvoll auf die erzählerischen Stärken der Vorlage, passt sie dezent ans schottische Setting an und liefert mit nuancierten Figurenzeichnungen, einem exzellenten Gespür für Spannungsdramaturgie sowie einem suggestiven Production-Design mustergültige „Police Procedural“-Spannung.

Sirens (2025)

  • USA 2025
  • R: Nicole Kassell

Eine Kellnerin aus Buffalo reist auf eine Insel vor der US-Ostküste, um ihre jüngere Schwester nach Hause zu holen, die dort als persönliche Assistentin einer Billionärsgattin arbeitet und dieser und ihrem Luxusleben völlig verfallen zu sein scheint. Das Wochenende auf dem noblen Anwesen wird zum nervenaufreibenden Kräftemessen zwischen den Figuren, bei dem sich die Beziehungsdynamiken immer wieder verschieben. Die Serienverfilmung eines Theaterstücks changiert zwischen Familien- und Schwesterndrama, einer Satire auf die Superreichen und krasse Klassenunterschiede sowie untergründigen Crime-Anklängen. Dabei unterläuft die Serie einfache Gut-Böse-Zuschreibungen und nötigt die Zuschauer, ihre Haltung zu den Figuren immer wieder zu revidieren. Eine spannend-vielschichtige Reflexion um weibliche Rollenbilder im Bann finanzieller und psychischer Abhängigkeitsverhältnisse.

Thunderbolts*

  • USA 2025
  • R: Jake Schreier

Die CIA-Chefin will eine frühere Killerin und andere ihrer Handlanger loswerden, als sie von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss überprüft werden soll. In der Not schließt sich das Häuflein unliebsamer Antihelden unerwartet zusammen. Zudem bekommt es Hilfe vom „Winter Soldier“ und dem ehemaligen „Red Guardian“ und beginnt, die Machenschaften der Geheimdienstchefin zu durchkreuzen. Das Superhelden-Actionspektakel, mit dem „Phase 5“ des „Marvel Cinematic Universe“ abgeschlossen wird, bleibt als Politthriller thematisch eher belanglos, punktet aber mit einer gelungenen Team-Dynamik und einer Geschichte, bei der es in fantastisch überhöhter Form um Depression und psychische Gesundheitsprobleme geht.

Nolly

  • Großbritannien 2023
  • R: Peter Hoar

Die britische Schauspielerin Noele Gordon spielt seit den 1960ern erfolgreich in einer beliebten Soap Opera mit, die ein Millionenpublikum erreicht. Als ihr in den frühen 1980ern mitgeteilt wird, dass ihre Figur aus der Serie "herausgeschrieben" und sie entlassen werden soll, ringt sie darum, wie sie damit umgehen soll. Der biografische Dreiteiler setzt dem einst beliebten, dann aber vergessenen Soap-Star ein liebevolles Denkmal. Kongenial von Helena Bonham Carter verkörpert, ist "Nollys" Geschichte das zutiefst berührende Porträt einer Frau, die sich in einem Alter, in dem andere schon den Ruhestand planen, neu erfinden muss, und zugleich ein Zeitbild davon, wie damals Fernsehen gemacht wurde. Dabei ist der Mehrteiler nicht zuletzt eine bissige Abrechnung mit der Misogynie der TV-Branche.

Dying for Sex

  • USA 2025
  • R: Shannon Murphy

Als zwei Jahre nach ihrer Brustkrebserkrankung bei einer Frau der Krebs zurückkehrt und ihre Knochen befallen hat, will sie sich angesichts des nahenden Todes nicht mehr damit zufriedengeben, dass ihr Partner im Zug der langen, zermürbenden Krankheit jedes Begehren für sie verloren hat. Also trennt sie sich, um mit Rückendeckung ihrer besten Freundin auf eine sexuelle Selbstsuche zu starten. Im Zuge diverser erotischer Abenteuer setzt sie sich mit ihrem Körper, ihren Wünschen und Ängsten, einem alten Trauma, ihren Beziehungen und auch ihrem nahenden Tod auseinander. Die Dramedy-Serie nach einem Podcast von Nikki Boyer balanciert geschickt zwischen Komödie und Tragödie, hat durchaus Spaß an derbem Unter-der-Gürtellnie-Humor, erdet ihn aber in einer ebenso lustvollen wie schmerzlichen „Éducation sentimentale“ und punktet mit einer starken Hauptdarstellerin ebenso wie mit einer liebevollen Haltung gegenüber dem menschlichen Körper in all seiner Fragilität, Begehrlichkeit und Komik.

Daredevil: Born Again

  • USA 2025
  • R: Justin Benson

Serienfortschreibung von "Marvel's Daredevil": Der blinde, ansonsten aber mit geschärften Sinnen ausgestattete Anwalt Matt Murdock, der als maskierter "Daredevil" das Verbrechen in seinem New Yorker Heimatviertel Hell's Kitchen und vor allem den Gangster-Geschäftsmann Wilson Fisk alias Kingpin bekämpfte, entsagt nach einem niederschmetternden Verlust seiner "Vigilante Hero"-Identität und will nur noch als Jurist für Gerechtigkeit eintreten. Und auch sein Antipode schlägt neue Wege ein und befriedigt seinen Machthunger nun als Politiker: Fisk lässt sich zum Bürgermeister wählen. Doch beide können nicht aus ihrer Haut; und während Fisk immer skrupelloser agiert, muss Matt sich im Zug schmerzhafter Erlebnisse fragen, ob Daredevil nicht doch noch gebraucht wird, was früher oder später zum erneuten Clash der beiden führt. Wie die Originalserie interpretiert auch die Fortführung der Serie das Superheldengenre als grimmigen Gangster- und Politthriller-Stoff mit kritischem Bezug zur Ära Donald Trump. Dabei bremsen diverse Nebenstränge zunächst etwas die Wucht der Handlung aus, die schließlich aber doch die aus der Originalserie bekannte Sogwirkung entfaltet.