Marius Nobach

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Filmliteratur: „Spione“ von Thea von Harbou

Auch 1928 wussten geschäftstüchtige Filmemacher schon, wie sich ein Stoff auf mehreren Ebenen verwerten lässt. So erschien parallel zur Premiere des Agenten-Stummfilms „Spione“ von Fritz Lang der gleichnamige Roman seiner Drehbuchautorin Thea von Harbou im Buchhandel. Im Frühjahr 2026 ist das Werk neu aufgelegt worden und entpuppt sich als früher Spionagethriller, der dem Genre viele Impulse verschaffte – die rasant vorwärtsgetriebene Handlung lässt die Leser nie zur Ruhe kommen.

Marius Nobach | 08.06.2026

Sonne satt

Die „Lola“-Verleihung 2026 verlief technisch nicht reibungslos, konnte aber oft begeistern. Neben dem mit zehn Auszeichnungen eindeutigen Siegerfilm „In die Sonne schauen“ sorgten auch andere Preisträger für denkwürdige emotionale Momente. Aber auch die gute Stimmung des Abends konnte grundlegende Probleme des deutschen Kinos nicht ganz überdecken.

Marius Nobach | 30.05.2026

Deutscher Filmpreis 2026: Die Nominierungen

Der internationale Erfolg von „In die Sonne schauen“ hat sich auch bei den Nominierungen für den 76. Deutschen Filmpreis niedergeschlagen. Mit elf Nennungen darf das komplexe Vier-Zeitebenen-Drama von Mascha Schilinski als Favorit für die „Lolas“ am 29. Mai gelten. Daneben hat die Deutsche Filmakademie mit der Bekanntgabe der „Lola“-Auswahl unter anderem auch die Filme „Gelbe Briefe“, „Amrum“ und „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gestärkt.

Marius Nobach | 29.05.2026

Sechswochenamt

  • Deutschland 2025
  • R: Jacqueline Jansen

Eine 25-Jährige hat ihr Studium unterbrochen, um ihrer krebskranken Mutter in den letzten Tagen beistehen zu können. Nach deren Tod muss die junge Frau die Beisetzung allein organisieren, da der Rest der Familie zwar nicht mit Ratschlägen spart, sich bei der Frage nach Mithilfe aber wegduckt. Die Einschränkungen während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 kommen als zusätzliche Erschwernis hinzu, den Abschied im Sinne der Verstorbenen zu gestalten. Ein autobiographisch grundiertes und entsprechend detailgenaues, konzentriertes Drama um eine auf sich allein gestellte Protagonistin, die gegen Widerstände und die eigene Überforderung mit der Trauer zu kämpfen hat. Über eine phänomenale Hauptdarstellerin und die geschickte Rückbindung des persönlichen Ausnahmezustandes an die Corona-Zeit nähert sich der Film vielschichtig dem menschlichen Umgang mit dem Tod an.

Marius Nobach | 21.05.2026

Guru

  • Frankreich 2025
  • R: Yann Gozlan

Ein charismatischer Motivationstrainer hat mit seinen Shows großen finanziellen Erfolg und viele Anhänger erworben. Als ein Gesetzesentwurf dem Boom selbsternannter Lebenshilfe-Ratgeber einen Riegel vorzuschieben droht, erfindet der Coach eine von Gewalterfahrungen geprägte Kindheit, um seine Sympathiewerte in der Öffentlichkeit zu steigern. Doch das erweist sich ebenso als potenzieller Fallstrick wie ein psychisch labiler Fan. Ein Thriller um einen begnadeten Selbstdarsteller, der ebenso geschäftstüchtig wie von der Wirkung seiner Motivationssprüche aufrichtig überzeugt ist. Sein Absturz in die Paranoia verläuft durchaus effektvoll, wird aber vom Drehbuch nur bedingt glaubhaft motiviert, während Zeitgeistkritik von der Faszination für die schillernde Hauptfigur weitgehend verschluckt wird.

Marius Nobach | 18.05.2026

Ein Sommer in Paris (2025)

  • Frankreich 2025
  • R: Valentine Cadic

Zu den Olympischen Sommerspielen 2024 reist eine etwas unbeholfene junge Französin aus der Normandie nach Paris. Durch widrige Umstände kann sie allerdings nicht wie geplant die Schwimmwettbewerbe sehen; zudem überfordert sie die Großstadt. Und auch die Wiederbegegnung mit ihrer Halbschwester verläuft nur bedingt harmonisch. Dennoch lässt sich die Besucherin gern durch Paris treiben. Eine sommerlich leichte Komödie vor dem Hintergrund des Sportereignisses, die um die gleichmütige Hauptfigur Episoden ohne besondere dramatische Zuspitzungen spinnt. Die amüsante Detailgenauigkeit und eine Hauptdarstellerin, die auch komplexe Gefühlslagen ideal erfasst, gewinnen der schwebenden Stimmung des Films einen großen Reiz ab.

Marius Nobach | 04.05.2026

Die Unersetzliche - Zum Tod von Nathalie Baye

Die Schauspielerin Nathalie Baye hatte ihren Durchbruch bereits mit 25 Jahren als allgegenwärtige Regieassistentin in François Truffauts „Die amerikanische Nacht“ und stieg dann rasch in die erste Reihe der französischen Darstellerinnen auf. Bescheidenheit und Zurückhaltung verbanden sich in ihrem Spiel mit der Ausstrahlung selbstbestimmt ihren Weg gehender Frauen. In Filmen wie „Schöne Venus“, „Eine fatale Entscheidung“ und vielen anderen lotete sie facettenreich die widersprüchlichen Gefühlswelten ihrer Charaktere aus.

Marius Nobach | 20.04.2026

Kiss of the Spider Woman

  • USA 2025
  • R: Bill Condon

Während der argentinischen Militärdiktatur werden 1983 in einem Gefängnis ein politischer Widerstandskämpfer und eine wegen „öffentlicher Unzucht“ arretierte Transfrau zusammen in eine Zelle gesperrt. Die Fantasie, mit der diese ihrem Leidensgenossen ihren Lieblingsfilm ausmalt, hilft ihnen, der Verachtung und den Misshandlungen der Wärter zu entkommen. Während ihre anfängliche Distanziertheit schwindet, ahnt der politische Gefangene nicht, dass er ausspioniert werden soll. Eine Neuverfilmung des Romans von Manuel Puig, die auf eine Bühnenmusical-Bearbeitung zurückgreift und die Film-im-Film-Sequenzen zu beschwingten Technicolor-Tanznummern macht. Der Kontrast zwischen harten Gefängnisszenen und schwelgerischem Eskapismus lässt den Film eher halbgar zwischen authentischem Historiendrama und Musicalpracht verharren, eindringlich ist er jedoch, wo er die wachsende Vertrautheit der Hauptfiguren abbildet.

Marius Nobach | 13.04.2026

Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean

  • Frankreich 2025
  • R: Éric Besnard

Im Winter 1815 sucht ein Mann, der nach fast zwanzig Jahren als Kettensträfling gerade entlassen wurde, in einer südfranzösischen Bischofsstadt nach einer Herberge. Überall jagt man ihn fort, doch der gutherzige Bischof gewährt ihm bereitwillig Essen und ein Nachtlager in seinem Haus. Eine freundliche Aufnahme, die Spuren bei dem Entlassenen hinterlässt, der im Gefängnis zum Menschenfeind geworden ist. Die Verfilmung des Anfangs von Victor Hugos umfangreichem Roman „Die Elenden“ konzentriert sich auf die Begegnung der Hauptfigur Jean Valjean mit ihrem Wohltäter. Das routiniert inszenierte Historiendrama deutet die Charaktere als Archetypen, deren Lebenswege in ihren guten und schlechten Anlagen vergleichbar erscheinen. Eine reizvolle, vor allem darstellerisch vielschichtige Variation des Stoffs.

Marius Nobach | 18.03.2026

Zwischen Glanz & Zukunftssorgen - Die Oscar-Verleihung 2026

Die 98. „Oscar“-Verleihung am 15. März 2026 bot eine spannende Konkurrenz zwischen den genresprengenden Werken „One Battle After Another“ und „Blood & Sinners“, die am Ende zehn Preise unter sich aufteilten. Aber auch jenseits davon überzeugte die von Conan O’Brien moderierte Gala weitestgehend, vor allem durch Reminiszenzen an frühere Shows und einige optimale erstmalige Gewinner.

Marius Nobach | 16.03.2026

Im „Oscar“-Rennen

Zwei Filme, die höchst originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das 98. „Oscar“-Rennen an. Bei der Gala am 15. März geht das Gangster-, Musik- und Vampirdrama „Blood & Sinners“ mit der neuen Rekordzahl von 16 Nominierungen ins Rennen, gefolgt von 13 Nennungen für die Politthriller-Satire „One Battle After Another“. Aber auch mit „Frankenstein“, „Sentimental Value“ und „Hamnet“ ist zu rechnen.

Marius Nobach | 13.03.2026

Blue Moon

  • USA 2025
  • R: Richard Linklater

Am 31. März 1943 feiert das Musical „Oklahoma!“, bei dem der Komponist Richard Rodgers zum ersten Mal auf seinen langjährigen Texter Lorenz Hart verzichtete, Premiere am Broadway. Der gekränkte Hart breitet bei der Premierenfeier seine Klagen vor unfreiwilligen Zuhörern aus, sucht zugleich aber wieder Anschluss an Rodgers und wirbt um eine Schauspielaspirantin. Die Tragikomödie entfaltet sich als wortreiche Auseinandersetzung mit einem Künstler, der vor Ideen überquillt, durch Alkoholabhängigkeit und irritierendes Verhalten aber seinen Erfolg selbst verhindert. Dieser emotionale Kern des Films vermittelt sich eindringlich, während das Vergnügen an den anspielungsreichen Dialogen ein gewisses Vorwissen in Musik-, Film- und Zeitgeschichte voraussetzt.

Marius Nobach | 05.03.2026

Nouvelle Vague (2025)

  • Frankreich 2025
  • R: Richard Linklater

Ende der 1950er-Jahre herrscht im französischen Kino Aufbruchstimmung. Als Teil der „Nouvelle Vague“ drehen zahlreiche junge Regisseure ihre ersten Arbeiten. Auch der Filmkritiker Jean-Luc Godard kann einen Produzenten sowie das Hollywood-Starlet Jean Seberg für sein Projekt um einen flüchtenden Dieb gewinnen. Die Dreharbeiten verlaufen jedoch höchst unorthodox. Eine mit großer Sorgfalt umgesetzte Komödie über die Entstehung von Godards bahnbrechendem Debüt „Außer Atem“, in der durch ein verblüffendes Casting, Schwarz-weiß-Ästhetik und handwerkliche Perfektion die damalige Zeit wiedererweckt wird. Der Film lotet die berühmten Figuren nicht sehr tief aus, reißt in seiner Bewunderung für die „Nouvelle Vague“ aber mit und feiert künstlerische Freiheit als Voraussetzung für innovatives Kino.

Marius Nobach | 26.02.2026

Knorriges Charisma - Zum Tod von Robert Duvall

Unter seinen Hollywood-Kollegen hatte der US-Schauspieler Robert Duvall kaum seinesgleichen. Als Spezialist für Außenseiterfiguren machten ihn Filme wie „Der Pate“ und „Apocalypse Now“ zu einem der gefragtesten Nebendarsteller seiner Generation. Dank seiner Vielseitigkeit und Präzision überzeugte er auch in vielen denkwürdigen Hauptrollen. In seiner mehr als 60 Jahre währenden Kinokarriere präsentierte er sich mal kompromisslos, mal verletzlich, mal kauzig – aber stets unvergesslich. Ein Nachruf auf den am 15. Februar 2026 verstorbenen Schauspieler.

Marius Nobach | 18.02.2026

Schnee von Gestern (2024)

  • Österreich 2024
  • R: David Wagner

In einem Talsee in Tirol wird ein Toter entdeckt, der als Umweltlandesrat identifiziert wird. Bald ist klar, dass er nicht in dem See ertrunken ist, womit der Bergort ins Zentrum der Ermittlungen rückt, der das nächste Einsatzgebiet des Ermordeten gewesen wäre. Als der junge Chefermittler sich dort einquartiert, trifft er auf sich seltsam gebärdende und teils offen feindselige Einwohner. Ein stilsicher inszenierter Landkrimi, der die surreal-weltentrückte Atmosphäre des abgeschiedenen Ortes und den Stimmungsumschlag in blanke Bedrohlichkeit eindrücklich erfasst. Den Figuren bürdet das Drehbuch mitunter etwas viel seelischen Ballast auf, doch fügen sich ihre Eigenarten weitgehend reizvoll in das Szenario ein.

Marius Nobach | 04.02.2026

Souleymans Geschichte

  • Frankreich 2024
  • R: Boris Lojkine

Ein aus Guinea nach Frankreich migrierter Mann hat als Fahrradlieferant in Paris ansatzweise Fuß gefasst. In den beiden Tagen vor einem Gespräch, von dem die Annahme seines Asylantrags abhängt, steht er unter permanenter Anspannung. Einerseits muss er die Lebensgeschichte eines politisch Verfolgten auswendig lernen, mit der er die Behörden überzeugen will, andererseits noch genug verdienen, um einen Helfer zu bezahlen. Der rund 48 Stunden abdeckende Film heftet sich mit dokumentarischer Genauigkeit an die Hauptfigur und macht den andauernden Druck eindringlich spürbar. Dabei gelingt die Studie eines Getriebenen im ständigen Zwiespalt, da er selbst auf Hilfe angewiesen ist, andere Hilfesuchende aber von sich abhält.

Marius Nobach | 03.02.2026

„Golden Globes“ 2026

Bei der Verleihung der 83. „Golden Globes“ in Los Angeles am 11. Januar 2026 hat Paul Thomas Andersons satirischer Politthriller „One Battle After Another“ seinen Favoritenstatus in der „Awards Season“ untermauert und war mit vier Preisen der große Gewinner unter den Kinofilmen. Aber auch das Liebesdrama „Hamnet“ und der brasilianische Historienthriller „The Secret Agent“ konnten Boden im Rennen um die „Oscars“ gutmachen.

Marius Nobach | 12.01.2026

In Memoriam… 2025

Bei aller Vorfreude aufs neue (Kino-)Jahr verdient auch die Trauer um die vielen Filmschaffenden ihr Recht, die 2025 verstorben sind. Die Erinnerung an sie ist stets auch eine Passage durch die Filmgeschichte, an der sie eingeschrieben haben, vor oder hinter der Kamera. Neben großen Stars wie David Lynch, Robert Redford, Brigitte Bardot oder Claudia Cardinale werden dabei auch Künstler:innen gewürdigt, die weniger prominent sind, die Entwicklung des Mediums aber ebenso mitgeprägt haben.

Marius Nobach | 29.12.2025

Der Fremde (2025)

  • Frankreich 2025
  • R: François Ozon

Im Algerien der 1930er-Jahre wird ein junger Franzose wegen des Mordes an einem Einheimischen verhaftet. Die Verfilmung von Albert Camus’ gleichnamigem Romanklassiker aus dem Jahr 1942 rollt die Erlebnisse des Mannes vor der im Affekt begangenen Tat auf, vom Tod der Mutter über eine Affäre mit einer jungen Frau bis zur Freundschaft mit einem rohen Nachbarn, und mündet in den Prozess. Die Adaption bleibt in ihrem Porträt eines Menschen, der die Erscheinungen der Welt und seines eigenen Lebens gleichgültig an sich vorbeiziehen lässt, nahe an der Vorlage. Der Blick der Kamera erschafft in exquisiten Schwarz-weiß-Bildern aber einen latenten Widerspruch zur Kälte des Protagonisten, was dem Film eine große innere Spannung verleiht.

Marius Nobach | 16.12.2025

Wicked: Teil 2

  • USA 2025
  • R: Jon M. Chu

Zweiter Teil einer Musicalverfilmung über eine ungewohnte Perspektive auf das zauberhafte Land Oz. Nachdem eine magisch begabte junge Frau mit dem Zauberer-Herrscher gebrochen hat und diesen als Betrüger zu entlarven versucht, gilt sie offiziell als „Böse Hexe des Westens“. Ihre Versuche, Verbündete zu finden, darunter ihre gutherzige Freundin aus Studienzeiten, haben zunächst keinen Erfolg, während ihre Gegner einen Wirbelsturm heraufbeschwören, der bis in den US-Staat Kansas Auswirkungen hat. Wie der erste Teil besticht der Film durch Sorgfalt und Detailreichtum in Inszenierung und Ausstattung sowie durch hervorragende Darstellung. Die Handlung erscheint zwar weniger geradlinig, gewinnt durch das sich wandelnde Verhältnis zwischen den weiblichen Hauptfiguren aber ein überzeugendes emotionales Kraftzentrum.

Marius Nobach | 19.11.2025

How To Make a Killing

  • Frankreich 2024
  • R: Franck Dubosc

Ein verschuldeter Baumverkäufer aus dem Juragebirge weicht auf der Straße einem Bären aus und führt dadurch unbeabsichtigt den Tod zweier Menschen herbei. Statt der Polizei vertraut er sich nur seiner Frau an, mit der zusammen er im Wagen der Toten eine große Geldsumme entdeckt. Beim Versuch, ihre Verwicklung in die Todesfälle zu vertuschen, bringen sie jedoch sowohl die örtlichen Polizisten als auch die Hintermänner der Toten auf ihre Spur. Ein winterlicher Thriller, der schwarzen Humor und Gewaltszenen im Stil der Coen-Brüder einsetzt, aber mit viel Sympathie auf seine vom Leben gebeutelten Figuren blickt. Ihnen kommt die souveräne Inszenierung immer näher, bis sich hinter ihrer Schroffheit und dem Flirt mit der Amoral Einsamkeit und das Bedürfnis nach menschlicher Nähe offenbaren.

Marius Nobach | 06.11.2025

Chaplins Professor - Max Linder

Als gewitzter Lebenskünstler mit Frack und Zylinder begeisterte der Franzose Max Linder Anfang des 20. Jahrhunderts das Kinopublikum weltweit. Der erste Komiker-Star der Filmgeschichte war Vorbild für Charlie Chaplin und entwickelte als Regisseur, Autor und Hauptdarsteller äußerst einfallsreich das noch junge Medium weiter. Viele seiner Filme wirken auch heute noch ausgesprochen modern und überraschen mit originellen Gags und formalen Ideen. Eine Würdigung von Max Linder, der am 1. November 1925 mit nur 41 Jahren durch Suizid starb – dessen Filme aber unsterblich bleiben.

Marius Nobach | 31.10.2025

Nur für einen Tag

  • Frankreich 2025
  • R: Amélie Bonnin

Eine Köchin erfährt wenige Tage vor der Eröffnung ihres eigenen Restaurants in Paris vom Herzinfarkt ihres Vaters und reist in die französische Provinz, wo ihre Eltern eine Autobahn-Gaststätte betreiben. Obwohl der Vater ihre Hilfe trotz seines geschwächten Zustands zurückweist, kehrt die Köchin nicht um, sondern stellt im Kontakt mit dem Heimatort und alten Freunden die vermeintlichen Gewissheiten ihres Lebens infrage. Ein um Generations- und Klassenkonflikte kreisendes Drama, in dem die Figuren ihre Gedanken immer wieder in Liedern aus dem Repertoire der Populärkultur vortragen, was die Provinztristesse übertüncht. Zwar lösen sich manche der Konflikte etwas einfach auf, doch in seiner Bescheidenheit, die auch die bewusste Nichtperfektion der Musical-Elemente umfasst, erscheint der Film sehr einfühlsam und herzlich.

Marius Nobach | 02.10.2025

Was uns verbindet

  • Frankreich 2024
  • R: Carine Tardieu

Als das Ehepaar aus der Nachbarwohnung zur Entbindung ins Krankenhaus muss, erklärt sich eine alleinstehende Buchhändlerin Mitte 50 bereit, auf deren kleinen Sohn aufzupassen. Doch als die Mutter bei der Geburt stirbt, entwickelt die Nachbarin zu dem Jungen, dem verwitweten Vater und dem Neugeborenen eine tiefe Bindung, auch wenn sie dabei austarieren muss, wo ihre Grenzen sind. Ein warmherziges Porträt einer Frau, die sich in einem Leben als Single eingerichtet hat und sich darin wohlfühlt, aber durch die Umstände unversehens in eine Familie hineinwächst, ohne die klassische Mutterrolle übernehmen zu wollen. Ein unaufgeregtes Drama, das von überzeugenden Darstellern und liebevoll gezeichneten Figuren getragen wird.

Marius Nobach | 07.08.2025

Ohne Berührungsängste: Zum Abschluss des Filmfests München 2025

Das 42. Filmfest München präsentierte sich in gewohnter Vielfalt, ohne sich dem Zwang zu unterwerfen, beständig neue Pfade zu erkunden. Das deutsche Kino überraschte durch seine formale Stärke, die internationalen Premieren bewegten sich auf verlässlichem Niveau. Am meisten punktete das Filmfest München aber durch seine große Beständigkeit.

Marius Nobach | 08.07.2025

Jurassic World: Die Wiedergeburt

  • USA 2025
  • R: Gareth Edwards

Rund 30 Jahre, nachdem es der Gentechnik gelungen ist, Dinosaurier zu züchten, sind die Urzeitechsen fast alle zugrunde gegangen. Um bei drei der größten Saurier-Arten Gewebeproben zu entnehmen, die zu einem bahnbrechenden Medikament führen könnten, begibt sich ein kleines Team auf eine tropische Insel und liest unterwegs noch einige Schiffbrüchige auf. Doch auf der Insel, die einst geheime Labore beherbergte, lauern mehr als die erwarteten Gefahren. Der siebte Teil der „Jurassic Park“-Filmreihe versucht sich an einem Neuansatz und will an den aufregend-abenteuerlichen Geist der Anfänge anknüpfen. Handlung und Figuren fehlt es aber an originellen Ideen, weshalb der Film sich in seinen Schauwerten erschöpft, die auf Dauer redundant werden.

Marius Nobach | 03.07.2025

Filmfest München: Lust aufs Unkonventionelle

Selbstbewusst erhebt das 42. Filmfest München den Anspruch, „Plattform Nr. 1 für das deutsche Filmschaffen“ zu sein. Es präsentiert eine ungewöhnlich hohe Zahl an experimentell angelegten und skurrilen deutschen Premieren. Ehrgeiz verrät auch die wachsende Zahl internationaler Weltpremieren. Ansonsten setzt das Programm aus 164 Filmen auf Bewährtes und zeigt deutsche und andere Highlights von A-Festivals wie Cannes, Venedig und San Sebastián.

Marius Nobach | 26.06.2025

Black Tea

  • Frankreich 2024
  • R: Abderrahmane Sissako

Am Tag ihrer Hochzeit entscheidet sich eine junge Ivorerin, die Zeremonie nicht zu vollziehen, sondern nach China auszuwandern, wo sie in einem Viertel mit anderen afrikanischen Einwanderern und Einheimischen Anschluss und Arbeit in einem Teeladen findet. Zu dessen Besitzer entsteht eine zarte professionelle wie private Beziehung, der jedoch eine unverarbeitete Episode aus der Vergangenheit im Weg steht. Ein mit großer Behutsamkeit inszeniertes Drama, das laute Töne meidet und sensibel und warmherzig die Gefühle der verschlossenen Figuren greifbar macht. Details afrikanischer und asiatischer Kultur entfalten sich in völliger Selbstverständlichkeit nebeneinander, wobei der Film das Glück eines kooperativen Zusammenlebens farbenfreudig und suggestiv ausmalt.

Marius Nobach | 19.06.2025

Monsieur Aznavour

  • Frankreich 2024
  • R: Grand Corps Malade

In den 1930er-Jahren entdeckt Charles Aznavourian, Sohn nach Frankreich emigrierter Armenier, seine Gesangsbegabung. Mit seinem musikalischen Partner Pierre Roche wird er von der Chanson-Ikone Edith Piaf gefördert, doch bis zum Triumph als Solo-Künstler mit eigenen Liedern hat er mit vielen Rückschlägen zu kämpfen. Die gediegene Filmbiografie von Charles Aznavour (1924-2018) behandelt vor allem dessen frühe Jahre von der Kindheit in Armut bis zum internationalen Durchbruch und zeichnet mit ausgezeichneten Darstellern seine musikalische Genese nach. Daneben werden die Zeitgeschichte und Aznavours politisch-gesellschaftliches Engagement arg in den Hintergrund gedrängt, während der Film insbesondere im letzten Drittel, das sechzig Lebensjahre im Schnelldurchlauf abhandelt, erzählerisch zu viele Details unterzubringen versucht.

Marius Nobach | 22.05.2025

Lola mit großem E: Deutscher Filmpreis 2025

Bei der 75. „Lola“-Verleihung dominierte der Olympia-1972-Thriller „September 5“ seine Mitkonkurrenten nach Belieben und fuhr mit neun Auszeichnungen einen Start-Ziel-Sieg ein. Aber auch „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ und andere Filme setzten Akzente bei der Verleihung. Der Versuch, ernste Gesellschaftslage und fröhliche Feierstimmung zusammenzubringen, glückte angesichts der spürbaren Verunsicherung in der Branche und durch die Nachricht vom Tod Margot Friedländers allerdings nur teilweise.


Marius Nobach | 10.05.2025