Lukas Foerster

137 Beiträge gefunden.

La cache

  • Schweiz 2025
  • R: Lionel Baier

Im Mai 1968 lädt ein verheiratetes Pariser Studentenpaar seinen neunjährigen Sohn im Haus der Großeltern ab, die mit weiteren Familienmitgliedern ein Leben zwischen Zurückgezogenheit und Ungezwungenheit führen. Während die Proteste vor den Toren des gutbürgerlichen Hauses immer heftiger werden, lernt der Junge seine Verwandten kennen. Dabei wird er auch mit der jüdischen Identität seiner Familie konfrontiert. Eine filmisch anspielungsreiche, hyperreflexive Komödie nach einem autobiografischen Roman, die von schweren Themen mit der Leichtigkeit vergangener Avantgarden erzählt. Überschwang wie Schwermut sind dabei gleichermaßen Teil eines Films, der dafür wirbt, historische Erfahrungen durch künstlerische Annäherungen lebendig zu halten.

Silent Friend

  • Deutschland 2025
  • R: Ildikó Enyedi

Als 2020 die Corona-Pandemie ausbricht, sitzt ein asiatischer Neurowissenschaftler auf dem Campus der Uni Marburg fest. In der Isolation wendet er sich, inspiriert von einem alten Gingkobaum im Botanischen Garten, der Wahrnehmung und Kommunikation von Pflanzen zu. Seine Geschichte wird mit zwei anderen Schicksalen verquickt, deren Zeuge der prächtige Baum wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts kämpft eine Botanik-Studentin mit patriarchalen Vorurteilen, und in den 1970er-Jahren lernt ein Student eine Kommilitonin kennen, die sich für die Kommunikation von Pflanzen begeistert. Der mit 35mm- und 16mm-Material sowie digital gedrehte Film verschränkt diese Zeitebenen zu einem zarten Hohelied auf die Fähigkeit, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung zu erkennen und neugierig nach einer Horizonterweiterung zu streben. Dabei glänzt er mit einer durchdachten Bildsprache und mit einem feinen Sinn für Humor.

Zwei Staatsanwälte

  • Frankreich 2025
  • R: Sergei Loznitsa

In einem sowjetischen Gefängnis in Brjansk werden 1937 tausende Gesuche von Häftlingen verbrannt, die unschuldig ins Gefängnis geworfen wurden und Gerechtigkeit verlangen. Entgegen aller Erwartung landet ein Schreiben bei einem jungen, neu berufenen Staatsanwalt. Der nimmt den Brief ernst und setzt alles daran, den Gefangenen zu treffen, da er korrupte Agenten der Geheimpolizei NKWD hinter der Inhaftierung vermutet. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn nach Moskau, zum Generalstaatsanwalt Andrei Wyschinski. Eine kafkaeske Parabel über das Zeitalter der stalinistischen Säuberungen, mit großer visueller Kraft und außergewöhnlichen Schauspielern inszeniert.

Jetzt. Wohin. - Meine Reise mit Robert Habeck

  • Deutschland 2025
  • R: Lars Jessen

Der Filmemacher Lars Jessen unterstützte den Grünen-Politiker Robert Habeck aktiv im Bundeswahlkampf 2025 und versammelt nach dem Ende der Ampelkoalition Mitstreiter und Sympathisanten Habecks zur Problemanalyse. Dabei geht es weniger um Selbstkritik und eigene Fehler als vielmehr um gegnerische Kampagnen, unter anderem in der Springer-Presse. Die auch formal eher einfache Dokumentation ist ein unfreiwilliges Zeugnis der politischen Hilflosigkeit im progressiven Lager und grenzt bisweilen an Selbstparodie. Zudem trägt der Film seine parteiisch-parteipolitische Agenda offen vor sich her.

Eddington

  • USA 2025
  • R: Ari Aster

Im Sommer 2020 lösen die Corona-Schutzmaßnahmen in einer Kleinstadt in New Mexico einen Konflikt zwischen dem liberalen Bürgermeister und dem Sheriff auf, der sich zum Kämpfer gegen „abgehobene Eliten“ stilisiert. Während die Präsenz von Demonstranten und einem Sektenführer die Lage weiter anheizt, führt die wachsende Gewaltbereitschaft des Sheriffs wie auch großer Teile der Stadt zu einer Eskalation von unfassbaren Ausmaßen. Eine satirische schwarze Komödie mit Westernanleihen, die in einem bleihaltigen Höllentrip mündet. In der ausfransenden Handlung sind manche Stränge schwächer als andere, die kompromisslose Inszenierung einer sich verselbständigenden Paranoia bewirkt gleichwohl einen frappierenden Wiedererkennungseffekt.

Invisible People

  • Frankreich 2024
  • R: Alisa Berger

Der experimentelle Dokumentarfilm erzählt die Geschichte des japanischen Butoh-Tanzes, der in den 1960er- und 1970er-Jahren vor allem innerhalb alternativer Gegenkulturen viel Aufmerksamkeit fand. Neben einer Reihe eindrucksvoller Tanzperformances, die mit großer stilistischer Variation an unterschiedlichen Orten gefilmt sind, stehen Erzählungen über die Geschichte der Tanzströmung und ihrer Gründer, in die sich auch autobiografische Elemente der Filmemacherin mischen. Mögliche Bedeutungsebenen oder technische Aspekte dieser Tanzkunst erschließen sich nur bedingt; es bleibt bei wirbelnden Körpern und Ausdrucksformen, mit denen das Unsichtbare sichtbar gemacht werden soll.

Stolz & Eigensinn

  • Deutschland 2025
  • R: Gerd Kroske

In den Schwerindustriebetrieben der DDR arbeiteten auch zahlreiche Frauen; viele von ihnen verloren ihre Arbeit allerdings, als die Betriebe nach der Wende saniert oder abgewickelt wurden. Der Dokumentarfilm erinnert daran, indem er Interviews aufgreift, die ein Fernsehsender 1994 mit betroffenen Arbeiterinnen führte, und die Frauen dreißig Jahre später erneut befragt. Das führt zu manch nostalgischem Rückblick und einigen bitteren Lebensfazits, vor allem vermittelt sich jedoch der ungebrochene Stolz der Befragten auf ihre Arbeit. Die ansteckende Lebendigkeit der Frauen schlägt sich auch auf den Film nieder, während die negativen Auswirkungen der DDR-Industrie auf Gesundheit und Natur zwar gestreift, aber an den Rand gedrängt werden.

Trains

  • Polen 2024
  • R: Maciej J. Drygas

Auf Grundlage von Bildmaterial aus mehreren Dutzend Archiven aus der ganzen Welt montiert der Dokumentarfilm Bewegtbilder von Zügen aus den ersten Jahrzehnten des Kinos aneinander. Die mit einem bestechenden Soundteppich unterlegte filmische Collage vereint ein ganzes Kompendium von Eisenbahnbildern, wobei neben alltäglichen Zugfahrten die militärische Nutzung der Eisenbahn, insbesondere während der beiden Weltkriege, einen gewichtigen Teil des Films einnimmt. Es entsteht ein kollektives Porträt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, indem in beeindruckender Manier die Entmündigung des Menschen durch Technik ins Bild gesetzt wird. Dabei lässt sich der Film nicht auf griffige Thesen reduzieren, sondern bleibt als historisches Argument reizvoll vielschichtig.

While the Green Grass Grows

  • Schweiz 2023
  • R: Peter Mettler

Der Filmemacher Peter Mettler nimmt den Abschied von seinen alten Eltern zum Ausgangspunkt eines Filmessays über Sein und Zeit. Als eine Art filmisches Tagebuch in freier, mitunter ausladender Assoziation verknüpft er Gedanken zu Familie, Herkunft und Tod, analogen und digitalen Bildwelten, um von kleinsten Details immer wieder aufs große Ganze zu sprechen zu kommen. Im Zugang geprägt von Offenheit und Demut gegenüber dem Leben und der Natur, schöpft der Film aus persönlichen Gesprächen, philosophischen und spirituellen Texten sowie Mettlers eigenem Bild- und Tonarchiv. Trotz des mitunter wild-chaotischen Ansatzes vermittelt sich nicht zuletzt die Reflexion über den unendlichen Möglichkeitsraum der Welt.

Das tiefste Blau

  • Brasilien 2025
  • R: Gabriel Mascaro

In einer künftigen Welt wird eine alte Frau auf Anordnung der Regierung entmündigt und soll in eine Seniorenkolonie ziehen. Doch sie verweigert sich und bricht zu einer Reise durch das Amazonasgebiet auf, angetrieben von dem Wunsch, sich noch einen letzten Traum zu erfüllen, bevor ihre Freiheit endgültig eingeschränkt wird. Ein Road Movie als Abfolge überraschender und inspirierender Begegnungen, inszeniert in ruhigem Rhythmus und von atmosphärischen, weltabgewandten Schauplätzen und bedächtigen Bildern geprägt. Die dystopischen und gesellschaftskritischen Elemente sind dabei eher Beiwerk, die sich der Studie der charismatischen Hauptfigur unterordnen.

Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes

  • Deutschland 2025
  • R: Edgar Reitz

Anfang des 18. Jahrhunderts gibt die preußische Königin Sophie Charlotte ein Porträt des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in Auftrag, der einst ihr Lehrer war. Mit der niederländischen Malerin Aaltje van de Meer findet sich eine Künstlerin, die sich dem Denker nicht mit vorgefassten Meinungen nähert. Während der Sitzungen entspinnen sich philosophische Gespräche, die neben der Kunst auch die Aufklärung und Leibniz’ Erfindungen umfassen. Ein reizvolles kunsthistorisches Diskursdrama in statischen Einstellungen, bei dem der intellektuelle Spieltrieb die spröde filmische Form überwindet. Ohne die üblichen erzählerischen Nebenschauplätze des Historienfilms entsteht ein mit Geistesgeschichte getränktes Zeitbild, das die Welt der Aufklärung als Möglichkeitsraum imaginiert.

Leonora im Morgenlicht

  • Deutschland 2025
  • R: Thor Klein

Die aus Großbritannien stammende Malerin Leonora Carrington (1917-2011) zählt zu den berühmtesten Künstlerinnen Mexikos. Der biografische Film zeichnet ihre erste Lebenshälfte nach, als die britische Kunststudentin Mitte der 1930er-Jahre in Paris Anschluss an die Surrealisten findet und mit Max Ernst eine Affäre beginnt. Während des Weltkriegs flieht sie nach Mexiko, wo sie mit ihrer Identität ringt und in einer psychiatrischen Anstalt gegen innere Dämonen kämpfen muss. Während sich der gediegene, aber stark episodenhafte Film in der ersten Hälfte noch mit allzu klaren Ausdeutungen zurückhält, verliert er sich in Mexiko zunehmend in Allgemeinplätzen über das Verhältnis von Leben und Kunst.

Der Helsinki Effekt

  • Finnland 2025
  • R: Arthur Franck

Von 1973 bis 1975 fand in Helsinki die „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) statt, bei der sich Ost und West auf den Status quo verständigten. Aus den dabei entstandenen Fernsehbildern destilliert der Dokumentarfilm Vorgeschichte und Verlauf des diplomatischen Ringens, wobei Leonid Breschnew als KPdSU-Generalsekretär und Henry Kissinger als US-Außenminister zu den zentralen Hauptfiguren werden, auch wenn Kissinger primär über Zitate präsent ist, die von einer KI-generierten Stimme vorgetragen werden. Der Film verteidigt die Kunst der Diplomatie, auch wenn es weniger seine Thesen als vielmehr seine aufmerksamen Beobachtungen über die menschliche Grundierung von Weltpolitik sind, die ihn am stärksten auszeichnen.

Der Unternehmer das Dorf und die Künstler

  • Deutschland 2024
  • R: Marcelo Busse

2012 führten zwei Schweizer Künstler mit einem Insektizid-Hersteller in der Nähe von Bielefeld die Kunstaktion „Fliegen retten in Deppendorf“ durch. Unerwartet stießen sie vor Ort auf überwiegend freundliche bis enthusiastische Reaktionen. Zehn Jahre später schaut der Dokumentarfilm auf die Folgen der Aktion und den weiteren Weg der Beteiligten. Eine freundliche groteske Dokumentation, die chronologisch die damalige Aktion aufarbeitet. Dabei arbeitet sie bewusst mit Paradoxien und unterscheidet zwischen Realität und inszenierter Wirklichkeit nicht trennscharf.

Harvest

  • Großbritannien 2024
  • R: Athina Rachel Tsangari

Im 18. Jahrhundert ernährt sich ein englisches Dorf unter der milden Herrschaft eines lokalen Lords von Viehzucht und Feldarbeit. Auf Fremdes reagieren die ansonsten friedlichen Bewohner abwehrend bis feindlich. Doch als ein anderer Lord Anspruch auf das Land erhebt und mehr Profit aus dem Boden schlagen will, steht die Lebensart der Dörfler bald in Frage. Ein Mann gerät als Kindheitsfreund des Lords und als Zugezogener zwischen alle Stühle. Ein mit leiser Ironie inszeniertes Historiendrama über die Veränderung von Besitzverhältnissen, in denen das Land nicht mehr als Heimat und Lebensgrundlage, sondern als Kapital betrachtet wird. Ohne die archaische Dorfgemeinschaft idyllisch zu verklären, entfaltet sich der Film als wunderlich-elegischer Neo-Western.

Caught by the Tides

  • China 2024
  • R: Jia Zhang-Ke

Anfang der 2000er-Jahre ist eine junge Nachtclub-Sängerin aus der chinesischen Provinz mit ihrem Boss liiert. Der verlässt sie eines Tages unvermittelt, stellt aber ein späteres Wiedersehen in Aussicht. Eine erste Wiederbegegnung nach der Errichtung des Drei-Seen-Staudamms endet mit der Trennung. Lange danach treffen sie während der Covid-Pandemie erneut aufeinander. Eine über rund zwei Jahrzehnte entwickelte Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels in China, elliptisch präsentiert als dramaturgisches Spiel mit Figuren, die sich mal umkreisen, mal ihre eigenen Wege gehen. Regisseur Jia Zhang-ke schöpft dabei aus seiner eigenen Filmografie, indem er Szenen aus früheren Werken und unverwendetes Material mit einigen neu gedrehten Sequenzen zusammenführt und einer spannenden Neuinterpretation unterwirft.

Oslo Stories: Träume

  • Norwegen 2024
  • R: Dag Johan Haugerud

Eine literarisch versierte 17-jährige Schülerin verliebt sich zum ersten Mal, ausgerechnet in ihre Kunst- und Literaturlehrerin, und setzt alles daran, mit der Pädagogin intim zu werden. Ihre Gefühle und Gedanken hält sie in einem Manuskript fest, dessen Lektüre bei ihrer Mutter und Großmutter auf kontroverse Aufnahme stößt, weil es die älteren Frauen mit ihren eigenen unerfüllten Träumen und Sehnsüchten konfrontiert. Die sorgfältig geflochtene Handlung ist in ein hochgradig reflexives Erzählkonstrukt eingebunden, in dem aus drei unterschiedlichen weiblichen Perspektiven über Liebe, Sex und literarisches Schreiben nachgedacht wird. Nachhaltiger als die kunstvolle Konstruktion imponiert jedoch der solidarische Blick auf die Figuren und ihre Gefühlsregungen.

Simón de la Montaña

  • Argentinien 2024
  • R: Federico Luis

Ein junger Mann, der etwas sonderbar ist, fühlt sich zuhause nicht mehr wohl und sucht Anschluss an eine Heimgruppe Heranwachsender, die körperlich oder geistig behindert sind. In lose verbundenen Vignetten kreist der herausfordernde Film um einen schwer greifbaren Außenseiter, der sich allen Erwartungen entzieht, aber auch selbst noch nicht weiß, wohin mit sich. Auf der einen Seite locken das Interesse an Sexualität oder die Lust an Grenzüberschreitungen, auf der anderen fühlt er sich zugleich für sich und andere verantwortlich. Wie das alles miteinander zusammenhängt, hält der Film auf faszinierende Weise offen.

Der Prank

  • Deutschland 2024
  • R: Benjamin Heisenberg

Ein 12-jähriger Junge ist wenig begeistert von der Aussicht, sich um einen chinesischen Austauschschüler kümmern zu müssen, zumal ihn ein anstehendes Klaviervorspiel mit einer Mitschülerin zusätzlich nervös macht. Als der Austauschschüler als Aprilscherz den Karton eines Pizzaboten vertauscht, dessen Inhalt sich als größere Geldsumme entpuppt, geraten die Jungen in ein turbulentes Abenteuer, bei dem sie es mit Gangsterrappern, Mafiosi und tumben Polizisten zu tun bekommen. Ein ereignisreicher Kinderfilm mit einem guten Gespür für Tempo- und Stimmungsveränderungen und die Lebenswelt seiner jungen Hauptfiguren. Dabei gönnt er sich einen sanft antiautoritären Gestus und belässt die Beziehungen zwischen den Figuren angenehm im Ambivalenten.

Wunderschöner

  • Deutschland 2025
  • R: Karoline Herfurth

Fünf lose miteinander verbundene Frauen wollen ihr Leben und ihr Selbstverständnis nicht länger an den gesellschaftlichen Vorstellungen der Geschlechterverhältnisse ausrichten. Obwohl jede sich emotional, beruflich und biografisch an einem anderen Punkt befindet, verläuft ihr Umdenken in ähnlichen Bahnen. In einer Mischung aus dramatischen und humoristischen Szenen entfaltet die Ensemble-Komödie ein episodisches Mosaik über die Herausforderungen des Beziehungsdschungels, in denen die Sehnsucht nach einem besseren Leben dominiert, obwohl es auch Momente chaotischer Albernheit gibt.

Asura

  • Japan 2025
  • R: Hirokazu Kore-eda

Japan in den 1970ern: Vier Schwestern müssen sich der Tatsache stellen, dass ihr Vater ihre Mutter schon länger mit einer anderen Frau betrügt und mit dieser einen Sohn hat. Nun stellt sich für die vier Frauen, die in unterschiedlichen Lebens- und Liebessituationen stecken, die Frage, ob sie den Vater konfrontieren, die Mutter einweihen oder alles unter den Teppich kehren sollen. Das Remake einer gleichnamigen Dramaserie von 1979 fügt sich thematisch perfekt ins Werk von Hirokazu Kore-eda, das seit Jahrzehnten um die japanische Familie und deren zunehmende soziale Desintegration kreist. Die siebenteilige Serie ist eine intime, figurenzentrierte, Skandalisierung und große dramatische Bögen vermeidende Erkundung eines komplexen Familiengefüges in Zeiten eines gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf Männer-, Frauen- und Familienbilder. Vor allem die Beziehung der Schwesterm untereinander, gemeinsame Rituale und Erinnerungen fungieren dabei als Wärmezentrum.

Putin

  • Malta 2024
  • R: Patryk Vega

Eine Art biografischer Film über Wladimir Putin, der mit den Mitteln des Actionkinos dessen Karriere als Psychogramm eines infantilen Narzissten ausmalt. Von den Entbehrungen einer armen Kindheit in den 1950er-Jahren über den Aufstieg im Machtapparat bis zum Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2000 springt der Film wild zwischen Zeiten und Orten hin und her. Die zeitgenössische Räuberpistole nutzt mit großer Lust an polemischer Übertreibung das ästhetische Instrumentarium des Genrekinos für einen Do-It-Yourself-Blockbuster, der Putin mit Hilfe einer KI-Technologie täuschend echt zu Leben erweckt, sein Pulver aber auch rasch verschossen hat.

Die Saat des Heiligen Feigenbaums

  • Iran 2024
  • R: Mohammad Rasoulof

Ein iranischer Jurist wird zum Untersuchungsrichter am Revolutionsgericht in Teheran berufen, was auch das Unterschreiben von Todesurteilen beinhaltet. Während der blutigen Proteste gegen den Tod der Jugendlichen Jina Mahsa Amini im September 2022 kommt es jedoch auch innerhalb der Familie zu Spannungen. Als die Waffe des Richters verschwindet, glaubt er, dass eine seine Töchter dahintersteckt, und beginnt seine Angehörigen zu terrorisieren. Ein zuerst im gemächlichen Tempo sorgsam erzähltes Familiendrama, das sich zusehends zum Paranoia-Thriller wandelt, der in ein intensives Finale mündet. Indem der Film sich von den Kompromissen des iranischen Autorenkinos entfernt und immer wieder Handyaufnahmen von den Protesten aufgreift, klagt er nicht nur das Regime an, sondern distanziert sich zugleich von der bislang vorherrschenden Filmästhetik.

Der Spitzname

  • Deutschland 2024
  • R: Sönke Wortmann

Weitere Komödie um zwei Familien, die für eine Hochzeitsfeier in die Tiroler Alpen reisen und sich dabei verbal erneut so ambitioniert wie enervierend über Grammatikfehler, Genderzeichen oder inklusive Sprache beharken. Ihre Sprachspiele haben sich längst so sehr verselbständigt, dass es daraus kaum noch ein Entkommen gibt. Die dank der gut aufgelegten Darsteller leidlich unterhaltsame Komödie besitzt durchaus ein Gespür für die hinter der Sprachkritik verborgenen gesellschaftlichen Problemlagen, verlässt sich aber allzu sehr auf gut geölte Erzählformen, um über ihren engen Rahmen hinauszublicken.

Mufasa: Der König der Löwen

  • USA 2024
  • R: Barry Jenkins

In einer Art Prequel zu „König der Löwen“ (1994) wird die Geschichte des Löwenjungen Mufasa erzählt, der früh seine Mutter verliert und um sein Überleben kämpfen muss, dabei aber die Freundschaft eines Gleichaltrigen gewinnt, mit dem er sich auf die Suche nach dem Geweihten Land macht. Dabei müssen sie sich nicht nur konkurrierender Rudel erwehren, sondern auch ihr Verhältnis untereinander immer wieder austarieren. Eingebettet ist ihre Heldenreise in eine Rahmenhandlung, in der ihre Widerfahrnisse retrospektiv erinnert und kommentiert werden. Der visuell atemberaubende Bilderbogen ist noch flüssiger und abwechslungsreicher animiert als das CGI-Remake von 2019 und glänzt mit halsbrecherischen Verfolgungsjagden und visuellen Spielereien. Bis auf ein paar patriarchatskritische Dialogzeilen bleibt das aber doch reine Männersache.

Die Tagung „Eskalation“

Auch das Medium Film ist zusehends vom Hang zur Polarisierung betroffen, der die Gesellschaft immer mehr prägt. Ein Symposium in Köln rang unter dem Oberbegriff „Eskalation“ mit Beispielen für die oft hochemotionalen Auseinandersetzungen um Sprachgebrauch, Repräsentation und den Kampf um Aufmerksamkeit. Dabei wurde zumeist sehr ernsthaft um realistische Antworten auf realistische Fragen gerungen.

Black Dog - Weggefährten

  • China 2024
  • R: Guan Hu

Nach einem langen Gefängnisaufenthalt kehrt ein Chinese in seine verwahrloste Heimatstadt im Norden des Landes zurück. Dort schließt er sich einem Trupp von Hundefängern an, der die zahlreichen streunenden Tiere beseitigen soll, findet aber daran keinen Gefallen. Stattdessen sucht er mehr und mehr Kontakt zu einem schwarzen, als tollwütig verschrienen Hund. Das Drama um die Annäherung zweier Außenseiter kommt zuerst geradlinig daher, erweist sich aber zusehends als komplexer. Western-, Krimi- und Liebesfilm-Motive spielen mit in die Handlung hinein, doch läuft der Film im Kern auf eine gelegentlich sentimentale Ballade über eine Welt, die von der Natur zurückerobert wird, hinaus.

Pol Pot Dancing

  • Deutschland 2024
  • R: Enrique Sánchez Lansch

Als Anführer der Roten Khmer verantwortete der kambodschanische Diktator Pol Pot zwischen 1975 und 1979 den Völkermord an zahlreichen Menschen, die gegen seine rigide Vorstellung des Kommunismus verstießen, darunter zahlreiche Künstler. In seiner Jugend jedoch war er selbst künstlerisch interessiert und erhielt über eine bekannte Tänzerin Zugang zum Königshaus. Diese wenig bekannte biographische Phase bietet den Grundstock für das Projekt eines Tanztheaterstücks, in dem die sanften Bewegungen in Kontrast zur Brutalität des Diktators stehen. Neben Tanzperformances und Interviews stehen Bilder aus dem modernen Phnom Penh und Archivmaterial. Insbesondere dieses vermittelt eindrücklich, wie der kambodschanische Tanz gegen die Absichten der Roten Khmer überleben konnte.

Von Menschen, Katzen & Kameras - Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda über „Die Katzen vom Gokogu-Schrein“

Filmemacher Kazuhiro Soda macht seit den frühen 2000er-Jahren mit Dokumentarfilmen auf sich aufmerksam, in denen er seine Vorstellung eines „beobachtenden Filmemachens“ umsetzt. Aktuell startet sein Werk „Die Katzen vom Gokogu-Schrein“ in den Kinos, das eine Katzenkolonie in Ushimado und ihre Interaktion mit den Menschen einfängt. Ein Interview über die Arbeit mit den pelzigen Protagonisten und die Verantwortung von Menschen.


Togoland Projektionen

  • Deutschland 2023
  • R: Jürgen Ellinghaus

Der Filmemacher Jürgen Ellinghaus reist mit kolonialistischen Aufnahmen des deutschen Regisseurs Hans Schomburgk aus den 1910er- und 1920er-Jahren nach Togo, um sie den Menschen dort vorzuführen. Die Stummfilme werden durch Voice-Over, einen zeitgenössischen Reisebericht der Schauspielerin Meg Gehrts und andere historische Quellen kontextualisiert. Die kritisch-revisionistische Intervention vor Ort provoziert jedoch weniger unmittelbare Reaktionen, als dass sie zu einer Vielfalt von unterschiedlichen Kommentaren und Erzählungen Anlass bietet, in denen sich sehr unterschiedliche Perspektiven innerhalb Togos spiegeln.