Silvia Bahl

134 Beiträge gefunden.

When Lightning Flashes Over The Sea

  • Deutschland 2025
  • R: Eva Neymann

Seit der russischen Invasion in der Ukraine 2022 gehört die Hafenstadt Odessa zu den meistumkämpften Orten. Ein Dokumentarfilm porträtiert Einwohner von Odessa, die ihren Alltag leben, auch wenn er immer wieder durch Bombenangriffe, Stromausfälle und andere Auswirkungen des Krieges unterbrochen wird. Intime Erzählungen und beklemmende Sequenzen werden mit Szenen voller Leichtigkeit und sanfter Komik in Kontrast gesetzt, wobei die einfühlsame Inszenierung Bild- und Tonebene mal zusammenführt, mal dissoziativ behandelt. Die Kriegserfahrungen treten dabei besonders eindrücklich in den Beobachtungen von Kindern und sehr alten Menschen zutage, über deren Zukunftsträume oder trostsuchende Erinnerungen auch das Prinzip Hoffnung in den Film einfließt.

Die Lücke in den Erinnerungen - Patricia Hector & Lothar Herzog über „Das Ungesagte“

In ihrem Dokumentarfilm „Das Ungesagte“ (jetzt im Kino) befragen Patricia Hector und Lothar Herzog Frauen und Männer aus der NS-Generation nach den blinden Flecken in ihren Biografien. Ein Film über Schuld, Schweigen und die Frage, wie Geschichte durch Familien weiterwirkt. Im Interview sprechen sie über ihre Herangehensweise, die Rolle psychologischer Mechanismen und warum ein offener Dialog über die Vergangenheit noch immer notwendig ist. 

Memory Wars - Elizabeth Loftus und die Macht der Erinnerung

  • Deutschland 2024
  • R: Hendrik Löbbert

Dokumentarisches Porträt der US-amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus, die als Pionierin der Erinnerungsforschung den Status von Augenzeugen hinterfragte. In ihren Forschungen legte Loftus dar, wie starker Stress und subjektive Einflüsse das Gedächtnis beeinflussen. Da sie oft für Strafverteidiger arbeitete, wurde sie immer wieder massiv angefeindet. Der Film gibt ihr und ihren Motiven großen Raum; die mitunter spektakulären Gerichtprozesse und ihre gesellschaftlichen Dimensionen wie etwa im Fall von Harvey Weinstein werden nur gestreift. Nicht immer feinfühlig ist der Umgang mit Loftus’ eigenem Trauma des Selbstmordes ihrer Mutter.

Eine Million Sandkörnchen

  • Italien 2024
  • R: Andrea Deaglio

Die Psychotherapeutin Eva Pattis Zoja unterstützt Kinder und Jugendliche durch die Methode der „Expressiven Sandarbeit“ dabei, schwere Traumatisierungen, etwa durch den Krieg in der Ukraine, aufzuarbeiten. Das dokumentarische Porträt gibt Einblick in diese Form der Behandlung, deren Anfänge auf die 1920er-Jahre zurückgehen, schafft es aber nicht immer, Durchführung und Zielsetzung verständlich zu machen. Zudem neigt der Film dazu, die Familienbiografie Pattis Zojas und deren Leerstellen in Bezug zu ihrer Praxis-Arbeit zu setzen und dabei die Unterschiede zwischen akuter Traumatisierung und transgenerationeller Weitergabe von Traumata zu verwischen.

Blinder Fleck

  • Deutschland 2025
  • R: Liz Wieskerstrauch

Bei schweren Verbrechen, insbesondere in Fällen sexualisierter Gewalt an Minderjährigen oder Kindesmissbrauch im Säuglingsalter, ist es einfacher, sich die Täter als Einzelpersonen vorzustellen. Das Bild eines psychisch gestörten oder bösartigen Individuums entlastet, weil es das Verbrechen zur Ausnahme macht. Ritualisierte Formen von Gewalt werden hingegen gerne übersehen. Der mutige Aufklärungsfilm macht mit einer Fülle an Beiträgen deutlich, wie man sich mit solchen Taten auseinandersetzen kann. Dabei kommen neben Experten auch Betroffene ausführlich zu Wort, die häufig nur selten wirklich Gehör finden.

Quiet Life

  • Schweden 2024
  • R: Alexandros Avranas

Eine osteuropäische Familie sucht in Schweden Schutz. Als ihr Asylantrag abgelehnt wird, fallen die beiden Töchter in ein mysteriöses Koma. Um ihre Behandlung zu unterstützen, sollen die Eltern sich einem rigiden Verhaltenskodex unterwerfen und nur noch positive Gefühle zeigen. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Mit klinischer Kühle analysiert der kafkaeske Film die seelischen Zumutungen für Asylsuchende und entlarvt die bürokratischen Prozeduren als Mechanismen der Ablehnung. Die Kollision scheinbar fürsorglichen Verhaltens und subtiler Entmenschlichung erzeugt einen schwer erträglichen Widerspruch, der durch seine grotesk-absurden Zuspitzungen mitten ins Zentrum bürgerlicher Normalität zielt.

W. - was von der Lüge bleibt

  • Schweiz 2020
  • R: Rolando Colla

Der Fall Binjamin Wilkomirski sorgte 1998 für einen internationalen Skandal, als sich herausstellte, dass die begeistert aufgenommene Autobiographie des vermeintlichen Shoah-Überlebenden eine Fiktion war. Mit analytischer Schärfe und künstlerischer Präzision nähert sich der außergewöhnliche Dokumentarfilm über fünf Erzählungen der wahren Lebensgeschichte des Autors, der in seiner frühen Kindheit bei einer Pflegefamilie schwere Misshandlungen erlitten hatte und sich auf unterbewusster Ebene mit dem Leid der Holocaust-Opfer identifizierte. Ohne jede Relativierung gelingt es dem Film, das Verhältnis von psychischer Realität und historischer Wirklichkeit auszuloten.

All We Imagine as Light

  • Indien 2024
  • R: Payal Kapadia

In einem Krankenhaus in Mumbai arbeiten drei unterschiedliche Frauen, die miteinander befreundet sind. Zwei Pflegerinnen wohnen zusammen, die ältere ist seit langem von ihrem Mann getrennt, kann sich aber dennoch nicht zu einer neuen Beziehung entschließen, die jüngere geht ein Verhältnis mit einem Muslim ein und kommt ins Gerede. Die dritte, eine Köchin, droht ihre Wohnung zu verlieren. Als sie beschließt, aufzugeben und aufs Land zurückzukehren, begleiten sie die beiden anderen und geraten in eine Sphäre, wo Raum und Zeit sich aufzulösen scheinen. Der fast dokumentarische Film beobachtet mit großer Geduld nicht nur das Dasein der Figuren, sondern lotet auch ihre Wünsche, Sehnsüchte und Illusionen aus, die durch die Metropole vielfach befeuert werden. Im zweiten Teil wechselt das atmosphärische, sensible Drama in den Dschungel und ans Meer, wo auf teils magische Art andere Formen des Miteinanders möglich sind.

All eure Gesichter

  • Frankreich 2023
  • R: Jeanne Herry

Drei Frauen und ein Mann, die Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind, treffen im Rahmen eines therapeutischen Angebots im geschützten Raum auf verurteilte Gewalttäter. Hinzu kommt für eine der Frauen eine Konfrontation mit dem Bruder, der sie sexuell missbraucht hat. Opfer wie Täter reagieren zunächst skeptisch auf die Mediation, in den von Sozialarbeitern begleiteten Gesprächen kristallisieren sich aber bald auch Fortschritte heraus. Das konzentrierte und sensible Ensembledrama zeigt anhand individueller Geschichten die Erfolge des tatsächlich existierenden „Restorative Justice“-Programms auf. Dabei rücken intensiv Fragen nach Vergebung und Einfühlung in die schmerzhaften Erfahrungen des Anderen in den Vordergrund.

Elaha

  • Deutschland 2022
  • R: Milena Aboyan

Eine 22-jährige Kurdin aus einer traditionsbewussten Familie steckt in einer Notlage. Um vor ihrer Hochzeit den Nachweis sexueller Unschuld zu erbringen, muss sie sich entweder einer Operation durch einen Plastischen Chirurgen unterziehen oder einen anderen Ausweg finden. Doch jeder Versuch zwingt sie in bedrückende Formen von Selbstausbeutung, da der Wunsch nach einer selbstbestimmten Sexualität zum ständigen Konflikt mit den patriarchalen Strukturen führt. Das sensible Drama versteht es, aktuelle Themen und Hintergründe bei der generationsübergreifenden (Selbst-)Integration fremder Kulturkreise anschaulich und unterhaltsam zu verbinden, arbeitet aber nicht alle Figuren gleich gut heraus.

Notes on a Summer

  • Spanien 2023
  • R: Diego Llorente

Eine baskische Studentin kehrt in den Semesterferien in ihre Heimat nach Asturien zurück, wo sie einem früheren Geliebten über den Weg läuft. Plötzlich erscheint ihr Alltag in Madrid langweilig und eingefahren. Die frisch erwachten Gefühle lassen eine neue Leichtigkeit in ihr Leben einziehen, stellen sie aber auch vor eine schwere Entscheidung. Das skizzenhafte Beziehungsdrama setzt die atmosphärische Sommerlichkeit der Bilder in Spannung zur sozialen Wirklichkeit und folgt seiner Protagonistin, die in ein Patt zwischen Sicherheit und Selbstverwirklichung gerät.

Theatre of Violence

  • Dänemark 2023
  • R: Lukasz Konopa

Im Mai 2021 wurde der ehemalige ugandische Kindersoldat Dominic Ongwen vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu 25 Jahren Haft verurteilt. Der präzise beobachtende Dokumentarfilm nutzt das Verfahren, um nach den Hintergründen der Gewalt in Uganda zu fragen, wobei auch die Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte ins Spiel kommt. Gerechtigkeit besteht demnach vielleicht nicht nur in der Übernahme individueller Verantwortung, sondern auch in Wegen, wie gesellschaftliche Wunden geheilt werden können.

Sick of Myself

  • Norwegen 2022
  • R: Kristoffer Borgli

Eine junge Frau, die nach Abbruch eines Studiums als Barista arbeitet, reagiert zunehmend neidisch auf den Erfolg ihres narzisstischen Freundes in der Osloer Kunstszene. Als ihr nach einem Unglück aufgrund von Missverständnissen große Anteilnahme entgegengebracht wird, entdeckt sie ihre Lust an der Opferrolle, aus der sich untergründig Gewinn ziehen lässt. Mit Hilfe eines illegalen Pharmazeutikums macht sie sich krank, um durch ihr Leiden Aufmerksamkeit zu generieren und ihren Freund in den Schatten zu stellen. Eine pointiert überzeichnete, tiefschwarze Komödie über die negativen Effekte der Sozialen Medien und fragwürdige Formen medialer Selbstoffenbarung. Mit bissiger Doppelbödigkeit schießt der Film gegen Phänomene des Zeitgeistes wie die Identitätspolitik und die Indienstnahme von Leitbildern der Diversität.

Nichts ungeheuerer als der Mensch: Der Caligari-Preisträgerfilm „De Facto“

Der Caligari-Filmpreis für einen herausfordernden Beitrag aus dem Forums-Programm der Berlinale hat 2023 einen würdigen Preisträger gefunden: „De Facto“ von Selma Doborac. Darin geht es mit großer dokumentarischer Strenge um ein tieferes Verständnis individueller wie kollektiver Gewaltverbrechen. Annäherungen an einen konzeptionell kühnen Film, der neue Möglichkeiten im Umgang mit historischem Material eröffnet.

The Lost Souls of Syria

  • Frankreich 2022
  • R: Garance LeCaisne

Über fünf Jahre verfolgt der Film die juristischen Konsequenzen der „Caesar-Akten“, die 27.000 digitale Fotografien von zu Tode gefolterten syrischen Oppositionellen umfassen. Ein Überläufer des syrischen Sicherheitsapparates hatte sie 2013 öffentlich gemacht. Im UN-Sicherheitsrat unterbanden Russland und China eine Ahndung der Verbrechen durch den Internationalen Strafgerichtshof. Zwei Angehörige gaben aber nicht auf und kämpften vor europäischen Gerichten um eine Anklage gegen den syrischen Staatsapparat. Die Dokumentation nimmt mit ruhiger Unmittelbarkeit Anteil an ihrem schmerzhaften Kampf um Gerechtigkeit.

Blinden Schrittes

  • Frankreich 2021
  • R: Christophe Cognet

Der französische Dokumentarist Christophe Cognet versammelt die wenigen von Gefangenen heimlich aufgenommenen Fotografien aus den NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern. Neben den vier überlieferten Bildern aus Auschwitz, welche die Ermordung in den Gaskammern bezeugen, umfassen sie auch Motive aus dem Lageralltag und gegenseitig aufgenommene Porträts von Häftlingen und Opfern medizinischer Versuche. Cognet überblendet die Zeiten, indem er durch auf Glasplatten kopierte Abzüge die Orte der Entstehung filmt. In der Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit bildet sich ein sensibles Wissen, das die Spuren der Aufnahmen nachvollzieht und den Blick für Widerstand und Würde der Fotografen und Porträtierten öffnet.

Berlin JWD

  • Deutschland 2022
  • R: Bernhard Sallmann

Bei der dokumentarischen Erkundung des Großraums Berlin von seinen Rändern her, die mundartlich als „janz weit draußen“ oder kurz „jwd“ bezeichnet werden, rollt der Film den historischen, aber auch sozialen Wandel der Stadt auf. In langen statischen Einstellungen und präzise kadrierten Bildern offenbart sich die Schönheit weniger bekannter Gegenden. Es kommt aber auch Verdrängtes ins Bild, ein Krematorium oder die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, in der die Nazis geistig behinderte Menschen töteten. Nicht zuletzt werden auch der strukturelle Wandel der Gesellschaft und seine Einschreibungen ins Stadtbild nachgezeichnet.

Ich Ich Ich

  • Deutschland 2021
  • R: Zora Rux

Eine Frau von Anfang dreißig erhält auf einer Hochzeitsfeier vom Bruder des Bräutigams einen Heiratsantrag. Irritiert zieht sie sich in ihre Heimat in der Uckermark zurück, um ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren. Doch die Flucht in die ländliche Idylle beschwört Erinnerungen an die Vergangenheit herauf, die der Frau als leibhaftige Personen auf die Pelle rücken. Mit der Ankunft des Verehrers verkompliziert sich die Standortbestimmung weiter. Das fantasievolle Spielfilmdebüt steht mit seinen hintergründigen Tableaux vivants in der Tradition des schwedischen Surrealisten Roy Andersson. Mit poetischen Bildern lotet der Film die Suche nach dem eigenen Lebensweg durch die Introspektion der Hauptfiguren aus.

Wir sind dann wohl die Angehörigen

  • Deutschland 2022
  • R: Hans-Christian Schmid

Am Abend vor der Entführung des Hamburger Sozialforschers Jan Philipp Reemtsma im März 1996 gerät der mit seinem 13-jährigen Sohn Johann wegen einer Klassenarbeit aneinander. Das Verbrechen löst in dem Jugendlichen widersprüchliche Gefühle aus und lässt ihn die distanzierte Beziehung zu seinem Vater neu bewerten. Nach den autobiografischen Erinnerungen des Sohnes setzt der intensive Film die beklemmende Ohnmacht der Angehörigen eindringlich in Szene. Ihre permanente Anspannung angesichts der Willkür der Täter wird in eine quälende Form der Spannungsdramaturgie übersetzt, die ohne viele Worte eine große emotionale Dichte erschafft.

Geographies of Solitude

  • Kanada 2022
  • R: Jacquelyn Mills

Seit Jahrzehnten erforscht die Ökologin Zoe Lucas die Flora und Fauna auf Sable Island, einer entlegenen Insel vor der Ostküste Kanadas, und dokumentiert ein von menschlichen Einflüssen weitgehend unbeeinflusstes Ökosystem. Die Experimentalfilmerin Jacquelyn Mills begleitet sie dabei, hält ihre akribische Arbeit auf 16-mm-Film fest und taucht durch Montage und Verfremdung des Materials in die Tiefenstrukturen und die Schönheit des Lebens ein. Die Natur erscheint als überwältigender Ort der Stille und des fortwährenden Werdens und Vergehens, wobei große Mengen an Plastikmüll die Bedrohung dieser Welt verdeutlichen.

L'état et moi

  • Deutschland 2022
  • R: Max Linz

150 Jahre nach der Pariser Commune von 1871 taucht ein Kommunarde und Komponist im modernen Berlin auf und landet nach der Verbrennung einer Deutschlandflagge wegen Hochverrat vor Gericht. Die Justiz tut sich mit dem Verfahren jedoch schwer, zumal Angeklagter und Richterin eine verwirrende Ähnlichkeit aufweisen. Intellektuelle Slapstick-Komödie, die eine essayistische, historisch bewusste Studie der deutschen Rechtsprechung beinhaltet, diese aber weniger analytisch denn als Beobachtung der Körperchoreografien anlegt. Anarchischer Geist reibt sich produktiv am artifiziellen, strengen Setting der preußischen Hallen eines Berliner Gerichts.

Die Zeit, die wir teilen

  • Frankreich 2021
  • R: Laurent Larivière

Eine erfolgreiche Pariser Verlegerin um die 60 begegnet nach langer Zeit ihrer ersten großen Liebe wieder. In melancholischen Erinnerungen versunken, kreisen ihre Gedanken fortan um die zahlreichen Enttäuschungen ihres Lebens. Dabei taucht immer wieder die Ahnung eines traumatischen Verlusts auf, der aber zu schmerzhaft ist, um ihn sich einzugestehen. Es obliegt primär der Präsenz der überzeugenden Hauptdarstellerin, ein pittoresk ausgestattetes Spiegelkabinett voller verdrängter Erinnerungen zusammenzuhalten, dessen nicht immer zuverlässige Fragmente wechselhafte Schlaglichter auf ihr Leben werfen.

Evolution (2021)

  • Deutschland 2021
  • R: Kornél Mundruczó

Eine im KZ Auschwitz geborene Frau ringt auf ihre alten Tage in Budapest mit dem Verlust ihrer Erinnerungen infolge fortschreitender Demenz. Während sie sich mit ihrer Tochter um Geburtsurkunden und ihr kulturelles Selbstverständnis streitet, muss sich ihr Enkel in Berlin gegen Angriffe muslimischer Mitschüler erwehren. Mit vielen surrealen Stilisierungen entwirft der auf einem Bühnenstück fußende Film ein theatrales Familientriptychon, das von der Weitergabe der Holocaust-Traumata erzählt und von der Gegenwart des Antisemitismus in Deutschland. Anlass zur Hoffnung besteht in der Andeutung, kulturelle Identitätsmuster auch hinter sich lassen zu können.

Republic of Silence

  • Syrien 2021
  • R: Diana El Jeiroudi

Die seit 2014 in Berlin im Exil lebende syrische Filmemacherin Diana El Jeiroudi verknüpft persönliche Videoaufnahmen aus zwei Jahrzehnten mit historischen Archivbildern des Bürgerkrieges in ihrer Heimat. Im Zentrum stehen dabei ihre subjektiven Empfindungen, die in einem ausufernden Gedankenstrom zu einem Erinnerungsgeflecht aus Schwermut, Stillstand und Sprachlosigkeit verknüpft werden. Dichten, packenden Passagen mit sensiblen Naheinstellungen stehen dabei Vignetten gegenüber, die den Film lediglich ausfransen lassen. So entstehen neben beabsichtigten Längen, die auf eindrückliche Weise das Gefühl von Schwermut, Stillstand und Sprachlosigkeit, auch solche, die von Überforderung mit dem zu schneidenden Material künden.

Wer wir gewesen sein werden

  • Deutschland 2021
  • R: Erec Brehmer

Als der Filmemacher Erec Brehmer bei einem gemeinsamen Autounfall seine Lebensgefährtin verliert, bleibt er verletzt und fassungslos zurück. Aus Chatverläufen, Fotos und Videos versucht er nicht nur das Ereignis und seine Trauer, sondern auch die Beziehung zu der jungen Frau zu rekonstruieren. Die digitalen Medien ermöglichen dabei eine jederzeit abrufbare Intimität in Echtzeit, die durch die filmische Montage in Spannung zum unwiederbringlichen Verlust tritt. Daraus formt sich ein eindringliches Porträt einer Trauerarbeit, das zugleich die Problematik von Nähe und Distanz in einer vernetzten Gesellschaft aufwirft.

Sundown - Geheimnisse in Acapulco

  • Frankreich 2021
  • R: Michel Franco

Ein gemeinsamer Urlaub im mexikanischen Acapulco endet für ein Geschwisterpaar abrupt mit der Nachricht vom Tod der gemeinsamen Mutter. Während die Schwester mit ihren Kindern zurück nach London reist, um die Angelegenheiten des Familienunternehmens zu regeln, verweigert sich der Bruder unter einem Vorwand und lässt sich abseits der bewachten Luxushotels in prekärer Umgebung treiben. Der zurückgenommen inszenierte Thriller schildert einen ebenso spannenden wie rätselhaften Entkopplungsversuch aus dem gesellschaftlichen Leben, der psychologische Dimensionen der Figur gelungen mit einer Kritik an Ausbeutungsverhältnissen und dem Diktat der permanenten Verfügbarkeit verbindet.

Der schlimmste Mensch der Welt

  • Norwegen 2021
  • R: Joachim Trier

Eine junge Norwegerin tut sich schwer damit, ihren Platz im Leben zu finden, hat ihr Studium abgebrochen und arbeitet in einer Buchhandlung. Auch in Beziehungen ist sie sprunghaft, sodass die Bindung an einen älteren Comiczeichner sie überfordert und zu einem Mann ihres Alters treibt, dessen Energie wiederum eigene Probleme hervorbringt. Ein sanft ironisches, leicht erzähltes, dabei aber tiefgründiges und prägnantes Drama um die Selbstfindung einer jungen Frau in einer undurchsichtigen Welt. Mit großer Sensibilität arbeitet der Film den Einfluss technologischer und sozialer Umbrüche auf die Figuren heraus, verfällt dabei aber nicht in Kulturpessimismus, sondern bleibt lebensbejahend und voller untergründigem Humor.

Bettina

  • Deutschland 2022
  • R: Lutz Pehnert

Die DDR-Sängerin Bettina Wegner wurde 1983 zwangsweise aus der DDR ausgebürgert, nachdem sie schon viele Jahre lang an der Ausübung ihrer Kunst gehindert worden war. Der Dokumentarfilm rekapituliert nicht nur die Biografie einer überzeugten Sozialistin und ihre einflussreichen Lieder, sondern forscht intensiv ihrem Lebensgefühl der Entwurzelung nach, das bis heute nicht aus ihrem Leben verschwunden ist. Die besondere Form der ostdeutschen Folksongs, ihr Pathos und das enorme Vertrauen in die Wirkung der Worte, zeugt noch immer vom Glauben an die verbindende Kraft der Sprache.

Final Account

  • Großbritannien 2020
  • R: Luke Holland

Von 2008 bis 2018 führte der Dokumentarist Luke Holland über 300 Interviews mit ehemaligen NS-Tätern, SS-Offizieren, Wehrmachtsoldaten, Beamten und Funktionären, die er nach ihren Erinnerungen und ihrer Rolle im Dritten Reich befragte. Die hochbetagten Männer und Frauen präsentieren ihre Version der Geschichte, manchmal mit Bedauern, meist aber ohne große Hemmungen. Nur bei Fragen nach Schuld und Verantwortung werden die Antworten absurd oder aggressiv. Verbunden mit analytisch montiertem Archivmaterial entsteht ein ernüchterndes Dokument kollektiver Entschuldung, das eindringlich dafür plädiert, sich mit der gewaltvollen Vergangenheit zu konfrontieren, um aus den erkennbaren Mustern für die Zukunft zu lernen.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

  • Deutschland 2022
  • R: Andreas Dresen

Fünf Jahre lang dauerte der Kampf der Bremer Hausfrau Rabiye Kurnaz, bis ihr Sohn Murat, der kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Terrorist verdächtigt und ohne Anklage im Gefangenenlager Guantanamo interniert wurde, wieder freikam. Das beherzte Drama zeichnet mit viel Esprit und Verve das Ringen der couragierten Frau mit dem lockeren Mundwerk nach, wobei der Film in ihrem trockenen Rechtbeistand einen humorvollen Kontrapunkt findet und überdies das Versagen der deutschen Behörden anprangert. In den Hauptrollen überwältigend gespielt.