Terror in der Oper

Horror | USA 1988 | 87 (gek.) Originalversion BD: 107 (= DVD: 103) Exportfassung: 96 (nur BD) Minuten

Regie: Dario Argento

Ein Horrorfilm-Regisseur inszeniert an der Mailänder Scala Verdis Oper „Macbeth“. Ein Unfall der Primadonna verhilft einer jungen Sopranistin zum gefeierten Debüt, das mit einem bestialischen Mord einhergeht, dem bald weitere Verbrechen folgen. Der maskierte Mörder macht die Sängerin zur Augenzeugin seiner Taten, wobei die Kamera auch den Zuschauer zum Komplizen der „Angstlust“ macht. Ein blutrünstiger Horrorfilm, der die Darstellung psychopathischer Mordlust theatralisch und ausdrucksstark überhöht. In seiner Fülle an selbstreflexiven Referenzen verdichtet er sich zum stilisierten Gesamtkunstwerk des italienischen Giallo-Genres. (Fernsehtitel: "Im Zeichen des Raben"; Titel auch: "Opera")

Filmdaten

Originaltitel
TERROR AT THE OPERA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1988
Regie
Dario Argento
Buch
Dario Argento · Franco Ferrini
Kamera
Ronnie Taylor
Musik
Claudio Simonetti
Schnitt
Franco Fraticelli
Darsteller
Christina Marsillach (Betty) · Ian Charleson (Marco) · Urbano Barberini (Alan) · William McNamara (Urbano) · Antonella Vitale (Marion)
Länge
87 (gek.) Originalversion BD: 107 (= DVD: 103) Exportfassung: 96 (nur BD) Minuten
Kinostart
05.01.2017
Fsk
ab 16 (fr.: ab 18)
Genre
Horror | Thriller

Heimkino

Das mustergültige, wertig aufgemachte Mediabook (2 DVD + BD) enthält die Original- und die Export-Fassung des Films. Das reichhaltige Bonusmaterial umfasst u.a. einen erhellenden dt. Audiokommentar der Genre-Experten Marcus Stiglegger und Kai Naumann, ein 16-seitiges Booklet zum Film sowie die Featurettes "Blutroter Vorgang" mit Regisseur Dario Argento (22 Min.), "Wer hat das getan und wer bin ich?" mit Autor Franco Ferrini (36 Min.), "Noten und Albträume" mit Komponist Claudio Simonetti (30 Min.), "Die Rache der Krähen" mit Animatronikkünstler Sergio Stivaletti (15 Min.), "Der Fluch von Macbeth" mit Publizist Enrico Lucherini (14 Min.), "Mit offenen Augen" mit Filmhistoriker Fabrizio Spurio (36 Min.) und "Terror im Kino", die Q&A-Runde zum Film mit Regisseur Dario Argento und Autor Franco Ferrini und Regisseur Lamberto Bava (26 Min.). Das Mediabook ist mit dem Silberling 2015 ausgezeichnet.

Verleih DVD
Koch (16:9, 2.35:1, DD2.0 ital./engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Koch (16:9, 2.35:1, dts-HDMA2.0 ital./engl./dt.)
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Horrorfilm-Klassiker von Dario Argento

Diskussion
Erst seit einem Jahr steht Dario Argentos Giallo-Klassiker „Terror in der Oper“ (1987) nicht mehr auf dem Index jugendgefährdender Werke. Nach drei Jahrzehnten ist die Geschichte einer jungen Sopranistin, die mit ihrem Opernensemble von einem brutalen Mörder heimgesucht wird, in seiner ursprünglichen Fassung wieder im Kino zu sehen. Genau dafür wurde das fulminante Werk geschaffen. So wie das Opernensemble im Film den monumentalen Saal als Klang- und Spielraum benötigt, so braucht „Opera“ mit seiner exploitativen Inszenierung des Terrors den dunklen Kinoraum und die große Leinwand, um sich entfalten zu können. Der Horrorfilm-Regisseur Marco inszeniert Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“ auf der Bühne. Ein Musikstück, das als verflucht gilt und nicht nur ihm Unglück bringt. Der Regisseur macht dabei nicht immer die beste Figur; seine Primadonna beschimpft ihn als ahnungslosen Dilettanten, erleidet wenig später aber einen Autounfall und muss auf der Bühne ersetzt werden. Die junge, unerfahrene Betty übernimmt ihren Part und debütiert glanzvoll als Lady Macbeth. Während der Aufführung wird allerdings einer der Platzanweiser auf bestialische Weise ermordet. Es bleibt nicht bei dieser einen Tat. Der maskierte Mörder nimmt jedes Mal Kontakt zur jungen Sängerin auf und zwingt sie, seine brutalen Morde mitanzusehen. In Bettys Kopf verschwimmen diese Bilder mit Wahnvorstellungen und Versatzstücken aus anderen Erinnerungen zu einem undurchsichtigen Gewirr. Als Zuschauer nimmt man Bettys Premierenauftritt eine Zeit lang durch die Linse eines Opernglases aus der Loge wahr. Es sind die Augen des Mörders, mit denen man auf die Darstellerin blickt. Richtung und Fokus werden gekonnt als Genrekommentar auf die Lust am Sehen, die „guilty pleasures“, inszeniert. Es ist das Auge, das Sehen, der Blick, die im Zentrum der Inszenierung stehen. Immer wieder werden die Augen der Raben, die Teil des Bühnenbildes sind und sich später zu wichtigen Protagonisten entwickeln, aber auch Bettys mit Nadeln zum Aufreißen gezwungene Augen ins Zentrum gerückt; in letzter Konsequenz sogar die Kamera von Ronnie Taylor selbst – als Auge des Zuschauers. Die Kamera fungiert als Richtungslenker, gewissermaßen als selbstmächtiger Protagonist; sie nimmt aber auch die Position der Charaktere ein. Mit der sich in Bettys Wohnung bedrohlich durch die Zimmer bewegenden Kamera und den zwischen Mörder und Opfer hin und her changierenden Blicken entfaltet die Inszenierung ihr effektivstes dramaturgisches Mittel: das des unzuverlässigen Erzählens; für einen Horrorfilm ein unabdingbarer Teil der intendierten Seherfahrung. Der „Director of Photography“ scheint hier seine Erfahrungen aus kameratechnisch so extrem unterschiedliche Arbeiten wie „Gandhi“ (fd 23 870) und „A Chorus Line“ (fd 25 437) als ein wahres Perspektivenspektakel zu bündeln. Die Inszenierung von Dario Argento entpuppt sich als Verbeugung vor zahlreichen Regisseuren, Filmen und dem Horrorgenre an sich, mit Referenzen von Brian de Palma bis zu Alfred Hitchcock, als eine Mischung aus „Psycho“ (fd 9570), „Die Vögel“ (fd 11 963) und Gaston Leroux’ Roman „Phantom der Oper“. Und Bettys grausame Tortur, sich unter Zwang die Morde ansehen zu müssen, nimmt nicht zufällig Bezug auf Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ (fd 17 806). Der Komplex um Schockbilder, Brutalität, Sexualität und extreme Gewaltdarstellung bildet ein wiederkehrendes, immer wieder psychologisiertes und soziokulturell diskutiertes Element des Horrorfilms und insbesondere des Slasherfilms. Durch seine Referenzfülle, die Theatralik der ikonografischen Charaktere, eine expressiven Farbgestaltung und den Einsatz der Filmmusik fungiert Dario Argentos vielleicht bester Film als selbstreflexiver Genrekommentar. „Es ist nicht meine Art, Kino und Realität miteinander zu vermengen“, sagt Dario Argentos Alter Ego im Film. „Terror in der Oper“ ist eine Verbeugung ans Genre, ein meisterhaftes Gesamtkunstwerk, dessen unterschiedliche Elemente perfekt aufeinander abgestimmt sind.
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