Der Mieter (1926)

Krimi | Großbritannien 1926 | 99 (Video71) Minuten

Regie: Alfred Hitchcock

Der schüchterne Mieter in einer Londoner Pension wird für einen Frauenmörder gehalten, von einem aufgebrachten Mob gejagt und in die Enge getrieben. Erst im letzten Augenblick kann er seine Unschuld beweisen und glaubhaft machen, dass er selbst dem Mörder auf der Spur ist. Alfred Hitchcocks Thriller war 1999 erstmals in sorgfältig rekonstuierter und adäquat viragierter Fassung zu sehen. Dabei offenbart sich der Film in dieser Version als einer der bedeutendsten englischen Stummfilme überhaupt: In der Ökonomie der Bilderzählung geht Hitchcock weit über die deutschen Vorbilder, die er souverän adaptiert, hinaus und schafft einen äußerst intensiven Erzählfluss, der sich deutlich am amerikanischen Kino orientiert. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
THE LODGER | THE CASE OF JONATHAN DREW | THE LODGER. A STORY OF THE LONDON FOG
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
1926
Regie
Alfred Hitchcock
Buch
Alfred Hitchcock · Eliot Stannard
Kamera
Giovanni Vintimiglia · Hal Young
Schnitt
Ivor Montagu
Darsteller
Ivor Novello (Der Mieter) · June (Daisy) · Marie Ault (die Vermieterin) · Arthur Chesney (ihr Mann) · Malcolm Keen (der Polizeidetektiv)
Länge
99 (Video71) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12 (alte Fassung)
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 12.
Genre
Krimi | Literaturverfilmung

Diskussion
Man kann sie nicht hören, die Schritte des verdächtigen Mieters Ivor Novello, aber zumindest sehen, denn Alfred Hitchcock ließ für die berühmteste Szene seines ersten Thrillers einen Glasfußboden bauen. Erstmals erzählt er hier die Geschichte des Normalbürgers, der sich mit einem schweren Verdacht konfrontiert sieht. Auch Cary Grant wollte man später in „Verdacht“ (fd 10 672) nicht ernstlich mißtrauen, natürlich ist Henry Fonda „Der falsche Mann“ (fd 6058) und nicht der Täter. Könnte ein Beau wie Novello dann am Ende Jack, der Ripper sein? Unter diesem Verdacht steht der Untermieter einer englischen Familie, in dessen Verhalten sich in den Augen der besorgten Familie – und des Zuschauers – die durch Presse und Gerüchte genährten Informationen über einen Frauenmörder zu spiegeln scheinen, der seinem finsteren Handwerk nur dienstags nachgeht. Höchst bemerkenswert ist dabei die Exposition, die im schnellen Schnittrhythmus und mit rein visuellen Mitteln die Ereignisse eines Londoner Winternachmittags zeigt: Nach der expressiven Großaufnahme eines schreienden blonden Mädchens, das man nach einem ironischen Zwischenschnitt auf die Reklame einer Revue („Heute abend goldende Locken“) als Wasserleiche wiedersieht. Dann verfällt Hitchcock in einen betont sachlichen, gleichwohl nicht minder rasanten Ton, wenn er die Verbreitung der Nachricht über Fernschreiber verfolgt. Mundpropaganda, Radio und die Nachrichtenwand am Times Square tragen ihren Teil zur Verbreitung der Mordtat bei, die dabei stets konkreter wird. Bereits 1926 entwirft der Regisseur das Bild einer modernen Informationsgesellschaft, deren klinische Mechanik er an der archaischen und weniger rationalen Gerüchteküche der Gastfamile spiegeln wird.

Erst nach 15 Minuten läßt Hitchcock seinen Star Ivor Novello auftreten; eine Störung in der Gasversorgung sorgt für ein expressives Schattenspiel, das nicht nur die Gastfamilie in eine ängstliche Stimmung versetzt, als er nach dem Fremdenzimmer fragt. Verdächtig macht er sich insbesondere, als er darum bittet, die in seinem Raum aufgehängten Frauenbildnisse entfernen zu lassen. Gleichwohl ist die Tochter der Familie ausgesprochen freundlich zu dem neuen Gast, und dieser nicht weniger charmant zu ihr. Es dauert nicht lange, bis der Verehrer des Mädchens, der als Scotland-Yard-Beamter auch erste Anlaufstelle für Fragen nach dem gejagten Frauenmörder ist, das sich anbahnende Liebesverhältnis zu vereiteln versucht. Die Situation eskaliert, als der Mieter zur Empörung des Vaters der jungen Frau ein Kleid schenkt, für das sie sich interessiert hatte. Die Liebesgeschichte der beiden läßt sich allerdings auch durch Anfeindungen kaum aufhalten. Erst als der eifersüchtige Polizist den nachts durch London streifenden Mieter festnimmt, weil er überzeugt ist, den Frauenmörder vor sich zu haben, gibt dieser seine Identität preis: Er ist der Bruder eines der Opfer; seine Mutter ist darüber gestorben, und auch er werde erst Ruhe finden, wenn er den Mörder aufgespürt habe. An diesem Abend, es ist ein Dienstag, wolle er ihn auf frischer Tat ertappen. Unbeirrt durch die von seinem Nebenbuhler verpaßten Handschellen flieht er zum vermuteten Tatort, wo er in einer bewegenden Massenszene beinahe gelyncht wird, bis man die Verhaftung des wahren Täters bekannt gibt.

Obwohl „Der Mieter“ seinerzeit in England als Musterbeispiel für deutschen Filmstil gehandelt wurde, bekam das deutsche Publikum den Film nie zu sehen. Daheim galt er, nachdem Michael Balcon ihn eigentlich gar nicht hatte herausbringen wollen, als bedeutendster einheimischer Stummfilm. Erstmals 1990 auf Video erschienen (allerdings im falschen Format und mit überhöhter Geschwindigkeit abgetastet), zeigt „arte“ nun das beste existierende Material dieses Films erstmals in adäquater Form: Es ist die Rekonstruktion des National Film Archive, viragiert in den tiefleuchtenden Farben der ursprünglichen Fassung. Blau ist der Londoner Nebel, Sepiabraun der Telegraphenapparat. Wie Jahrzehnte später in „Bei Anruf Mord“ (fd 3733) verfolgt Hitchcock die Übermittlungswege der Informationen in klaren, neu-sachlichen Detailaufnahmen. Viele Motive des späteren Werks, inklusive des die Intimität bloßlegenden Badezimmers und der latent erotisch kodierten Handschellen, erfahren hier ihre erste beispielhafte Formulierung. Und noch eine weitere Spezialität des Meisters nahm hier ihren Anfang: In gleich zwei Minirollen tritt er selbst vor die Kamera. Dennoch wäre es verfehlt, „Der Mieter“, wie es in der Literatur vielfach getan wird, lediglich als Vorahnung der späteren Meisterschaft abzuhandeln. Es ist der möglicherweise bedeutendste englische Stummfilm überhaupt. In der Ökonomie der Bilderzählung geht Hitchcock sogar über viele seiner deutschen Vorbilder hinaus, deren Stilmittel er souverän adapiert und in einen modernen, am amerikanischen Kino orientierten Erzählfluß integriert.
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