Liebe das Leben

Drama | Frankreich 1998 | 113 Minuten

Regie: Erick Zonca

Freundschaft und Auseinanderleben zweier junger Frauen Anfang 20, die sich im nordfranzösischen Lille eine zeitlang eine Wohnung teilen. Eine genau beobachtete Momentaufnahme zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen individualistischer Freiheitssuche und dem Wunsch nach Geborgenheit, zwischen dem Glück des "In-den-Tag-Lebens" und dem Unglück, sich dabei selbst zu verpassen. Ein außergewöhnlicher Erstlingsfilm, der durch die hervorragend besetzten Hauptrollen und eine konzentrierte Kameraarbeit überzeugt, was einige Klischees in der Zeichnung der Nebenrollen vergessen läßt. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
LA VIE REVEE DES ANGES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1998
Produktionsfirma
Bagheera/Diaphana/France 3 Cinéma
Regie
Erick Zonca
Buch
Erick Zonca · Roger Bohbot
Kamera
Agnès Godard
Schnitt
Yannick Kergoat
Darsteller
Élodie Bouchez (Isa) · Natacha Régnier (Marie) · Grégoire Colin (Chris) · Jo Prestia (Fredo) · Patrick Mercado (Charlie)
Länge
113 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
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Diskussion
Eine junge Frau kommt ins winterliche Lille. Ihr überdimensionierter Rucksack deutet schon an, was sich kurz darauf bestätigt: Isa kommt nicht, um Freunde zu besuchen, bei denen sie Quartier finden würde. Sie „wohnt“ dort, wo immer sich ein Platz für ihren Schlafsack findet, und verdient sich ein paar Francs mit dem Verkauf selbstgebastelter Postkarten. Da es allerdings bitterkalt ist in Lille, kommt das Angebot eines Jobs in einer Textilfabrik gerade recht. Doch Isas neugierig-verträumte Art kollidiert schnell mit den Anforderungen einer Fließbandproduktion. Isa wird gefeuert, gerade nachdem sie die gleichaltrige Kollegin Marie kennengelernt hat. Die grüblerische und verschlossene Marie lebt „auf Abruf“ in einer Wohnung, deren Besitzerin nach einem schweren Unfall im Krankenhaus liegt. Dort gewährt sie Isa Unterschlupf, und zwischen dem ungleichen Paar entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft. Gemeinsam verbringt man Abende mit Gesprächen in der Küche oder mit übermütigen Kneipentouren. Gemeinsam lernt man auch die Rocker Fredo und Charlie kennen, die ihren Lebensunterhalt als Rausschmeißer und Ordner bei Konzerten bestreiten. Marie, die eigentlich mit Männern nichts zu tun haben will, beginnt eine Affäre mit Fredo, hinter dessen imposanter Körperfülle sich eine sensible Seele verbirgt. Je besser sich die beiden Frauen kennenlernen, desto häufiger kommt es auch zu Spannungen; Isa ist entsetzt über Maries hartherziges Desinteresse am Schicksal der Wohnungsbesitzerin, die – so ergeben Isas Nachforschungen – inzwischen gestorben ist, während ihre ebenfalls verunglückte Tochter im Koma liegt. Isa besucht die Schwerverletzte, liest ihr Tagebuch und führt es selbst weiter. Umgekehrt deutet sich an, daß auch Isas menschenfreundliche Extrovertiertheit bisweilen dazu dient, die eigene innere Ruhelosigkeit zu überspielen. Der Konflikt spitzt sich zu, als sich Marie mit Chriss einläßt, einem wohlhabenden Frauenhelden, der keinen Zweifel daran läßt, daß er Marie nur als kurzfristiges und austauschbares Vergnügen betrachtet. Während sie sich mit selbstzerstörerischer Leidenschaft an Chriss klammert, bleibt Isa die Aufgabe, den enttäuschten Fredo zu trösten. Und irgendwann fällt die Entscheidung, daß es an der Zeit ist, erneut den Rucksack zu packen.

In seinem ersten langen Spielfilm widmet sich Erick Zonca einem langen Augenblick des „Dazwischen“: zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen individualistischer Freiheitssuche und dem Wunsch nach Geborgenheit, zwischen dem Glück des „In-den-Tag-Lebens“ und dem Unglück, sich dabei selbst zu verpassen. Eine vergleichsweise nebensächliche Szene bringt die Widersprüchlichkeiten der beiden Protagonistinnen am griffigsten auf den Punkt. Nach einem kurzen Besuch ihrer Mutter äußert sich Marie mit leiser Verachtung über die ewige Opferrolle, die ihre Mutter in ihrer Ehe stets eingenommen habe. Um so tragischer, daß Marie bei ihren Versuchen, diesem Schicksal auszuweichen, bei Chriss ebenfalls in eine Opferrolle gerät, wie sie demütigender nicht sein könnte. Und ebenso typisch auch Isas Reaktion, die Maries Mutter einfach „nett“ findet – jene unvoreingenommen-freundliche, aber auch unterschiedslos-unentschiedene Haltung, mit der Isa ihrer Umwelt (vielleicht mit Ausnahme Chriss’) begegnet. Daß der Regisseur seine Hauptfiguren liebt, ohne ihnen diese Zweideutigkeiten zu nehmen, und daß er zwei wunderbare Hauptdarstellerinnen gefunden hat, die sich hier gegenseitig ihren Raum lassen, trägt viel zum Gelingen des Films bei. Da verzeiht man gern Klischees wie den selbstverliebt-bösen Reichen oder Karikaturen wie den gutmütigen Rocker, der anfangs für einen ironischen Lacher gut ist, aber nie zur eigenständigen Person wird. Bemerkenswert ist schließlich die Kamera von Agnès Godard, nicht nur im trostlosen Grau der winterlichen Stadt, sondern vor allem in den spärlichen Interieurs der gemeinsamen Wohnung, die weder pittoresk-romantisierend noch schäbig-erdrückend daherkommen. Vielmehr erscheint sie als nüchtern beobachteter Lebensraum, der immer dann anheimelnd wirkt, wenn sich die Bewohnerinnen in sich selbst wohl fühlen.
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