La vie de Jésus

Drama | Frankreich 1997 | 95 Minuten

Regie: Bruno Dumont

In einem nordfranzözischen Dorf lebt eine Clique arbeitsloser Jugendlicher in den Tag hinein, vertreibt sich mit Mopedfahren und Mutproben die Zeit, bis sich ihre Frustration in der sexuellen Nötigung eines Mädchens und dem Totschlag eines jungen Arabers entlädt. Ein ausgesprochen stilsicher inszeniertes, von äußerst sensibel geführten Laiendarstellern beeindruckend gespieltes Kleinstadtporträt um eine alleingelassene Jugend und den alltäglichen Rassismus in einer ihrer Wertvorstellungen beraubten Welt. (O.m.d.U.) - Sehenswert.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
LA VIE DE JESUS
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1997
Produktionsfirma
3 B Productions/CRRAV/NORFILMS
Regie
Bruno Dumont
Buch
Bruno Dumont
Kamera
Philippe van Leeuw
Musik
Richard Cuvillier
Schnitt
Guy Lecorne · Yves Deschamps
Darsteller
David Douche (Freddy) · Marjorie Cottreel (Marie) · Genevieve Cottreel (Yvette) · Kader Chaatouf (Kader) · Sébastien Delbaere (Gégé)
Länge
95 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert.
Genre
Drama
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Diskussion
Das französische Kino entdeckt wieder die „kleinen Leute“: Die Thematik führt weg vom in gediegenem Ambiente dargebotenen „diskreten Charme der Bourgeoisie“ mitten hinein ins wirkliche Leben. Mit „Marius und Jeannette“ (fd 32 959) tauchte der Zuschauer ins Marseiller Arbeiter-Milieu ein, begleitete er Chloé durch ein altes Pariser Wohnviertel in „...und jeder sucht sein Kätzchen“ (fd 32 231) und wird nun von Bruno Dumont und seinem mit dem „Prix Jean Vigo“ ausgezeichneten Spielfilmdebüt in den unwirtlichen Norden Frankreichs entführt. Die Handlung spielt in Bailleul, einem kleinen Ort nahe der belgischen Grenze. Das Leben in dem verschlafenen Städtchen ist reichlich trist, besonders für die meist arbeitslosen Jugendlichen. So vertreiben sich Freddy und seine Freunde Gégé, Quinquin, Michou und Robert die Zeit mit dem „Herumgeknattere“ auf ihren frisierten Mopeds oder mit übermütigen Mutproben. Der Traum von Arbeit in der nahegelegenen Großstadt Lille scheitert schon in Ansätzen an ihrer mangelnden Schulbildung, und ihre Wochenend-Badeausflüge nach Dünkirchen trösten sie auch nicht über ihre Perspektivlosigkeit hinweg. Der Epileptiker Freddy, dessen Mutter ein kleines Café betreibt, hat wenigstens noch seinen Singvogel, mit dem er an Wettbewerben teilnimmt, und seine Geliebte Marie, die als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitet und mit der er sich regelmäßig zu wortlosen Liebesspielen trifft. Als der junge Araber Kader versucht, mit Marie anzubändeln, beschließt die Freundesclique ihn zu „klatschen“. Der Totschlag an Kader entwickelt sich dann ebenso zwangsläufig aus einem dumpfen Rassismus heraus, wie sie schon vorher die sexuelle Belästigung eines Mädchens aus purer Langeweile anzettelten. Zumindest für Freddy bricht nun alles zusammen: Er wird als Haupttäter verhaftet.

„Magst du keine Araber? Bist du ein Rassist?“ So fragt ein Polizist Freddy beim Verhör, aber Freddy schweigt. Was soll er auch darauf antworten? Er rennt aus dem Revier, legt sich auf eine Wiese und weint. Genau wie er vorher gefühlt hat, daß mit Kader etwas zwischen ihn und Marie getreten war – ohne daß sich die beiden dessen bewußt waren – , spürt er nun, daß sein noch nicht einmal so richtig begonnenes Leben plötzlich vorbei ist. Und irgendwie empfindet man Mitleid mit diesem von der Gesellschaft „alleingelassenen“ Jugendlichen – und dies trotz seiner tödlichen Tritte gegen Kaders Kopf, trotz seiner in ihrer Kälte schon „gewalttätig“ wirkenden Liebesakte mit Marie. Auch wenn er dem Zuschauer mit seinen extrem langsamen Bewegungen, seiner verkrampften Körperhaltung und dem ausdruckslosen Blick nicht gerade symphatisch geworden ist, so ahnt man doch etwas von der Zärtlichkeit in seinem Innersten, die nur geweckt werden will. Marie gelingt das in wenigen Augenblicken, etwa wenn sie sich wie frisch verliebte Schüler auf der Straße küssen oder wenn der Sieg im Vogelstimmen-Wettbewerb sein Selbstbewußtsein beflügelt, so daß er sich bei Marie für sein unbegründet eifersüchtiges Verhalten zu entschuldigen vermag. Sofort aber fällt er wieder in jenen kultur- und wertelosen „Krater“ zurück, den die Gesellschaft für seinesgleichen gegraben hat und an dessen Rand sich vorzuarbeiten zur Sisyphusarbeit geworden ist.

Dumont erzählt die Geschichte ganz unspektakulär, aber mit einer formalen Stilsicherheit, wie man sie schon lange nicht mehr bei einem Spielfilmdebüt beobachten konnte. Seine beeindruckenden Scope-Bilder färben weder die Landschaft noch die Personen schön, konzentrieren sich auf die Tristesse „leergefegter“ Dörfer und die „Häßlichkeit“ der Protagonisten. Dumont hat sich seine Schauspieler nicht aus den Hochglanz-Prospekten der Agenturen für Fernsehserien ausgesucht, sondern ist in den Arbeitslosenlisten im Rathaus von Bailleul fündig geworden. So wirkt die Natürlichkeit seiner Laiendarsteller zugleich authentisch und erschreckend, glaubt man doch, dem alltäglichen Rassismus geradezu ins Auge zu blicken. So ist auch jene Szene, in der Kaders Familie beim sonntäglichen Frühschoppen mit fremdenfeindlichen Sprüchen beleidigt und mit dem Anstimmen der „Marseilleise“ aus Yvettes Café getrieben wird, im Grunde viel erschreckender als die tödliche Hatz, spielt doch hier ein ganzer Ort vor, was einige dann nur noch ausführen.

Hoffnung keimt in dieser der moralischen Dekadenz verfallenen Welt nicht auf. Die Liebe ist reduziert auf den Geschlechtsakt, das Zusammenleben auf „Totschlagen“ von Langeweile, und die Welt läßt man sich aus dem Fernsehen erklären. Dumont fügt dem Nichts hinzu, keine Erklärungsversuche, keine verwischenden Sentimentalitäten. Was sich aber tief eingräbt, ist jenes nach einem Ausweg geradezu suchende Gesicht von David Douche, der eine schauspielerische Leistung vollbringt, von der man ahnt, daß sie etwas Unwiederholbares ist, weil sie nur unter diesen besonderen Umständen und nur mit Hilfe eines ungeheuer begabten Regisseurs zustande kommen konnte. Die nicht minder beeindruckende Marjorie Cottreel dagegen könnte mit ihrer Natürlichkeit und ihrem rauhen Charme eine Entdeckung für das Kino sein.
Kommentar verfassen

Kommentieren