Drama | Frankreich 1998 | 89 Minuten

Regie: Gaspar Noé

Ein arbeitsloser Pferdemetzger in Lille will seiner lieblosen Beziehung durch einen hemmungslosen Gewaltausbruch entfliehen. Sein Versuch, seine Tochter aus einem Heim in Paris abzuholen, mündet in eine Tragödie. Eine gnadenlos brachiale Geschichte, die sich weniger für die narrative Ebene interessiert als für das momentane soziale Wie und zu einem Angriff auf die Sinne und die Ethik des Zuschauers wird. Ein befremdlicher Film, dessen unerbittliche Gesamtkomposition gleichwohl ein nachhaltiges Erlebnis darstellt.

Filmdaten

Originaltitel
SEUL CONTRE TOUS
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1998
Regie
Gaspar Noé
Buch
Gaspar Noé
Kamera
Dominique Colin
Schnitt
Lucile Hadzihalilovic · Gaspar Noé
Darsteller
Philippe Nahon (der Metzger) · Blandine Lenoir (Cynthia, seine Tochter) · Frankye Pain (Geliebte des Metzgers) · Martine Audrain (Schwiegermutter) · Guillaume Nicloux (Supermarkmanager)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 18
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Legend (16:9, 2.50:1, DD2.0 frz., DD5.1 dt.)
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Diskussion
Gaspar Noés Film „Irreversibel“ (fd 36 120) hatte die Gemüter gespalten. Vom Kinopublikum wurde er weitgehend übersehen, womöglich wird sich das Video- DVD-Publikum interessierter zeigen. Deshalb lag es nahe, den Film im Doppelpack mit seinem Vorläufer herauszubringen: „Seul contre tous“ trägt nun den passenden, wenn auch deutlichen Titel „Menschenfeind“. Die Figur des Pferdeschlachters, mit enormer Präsenz gespielt von Philippe Nahon, zieht sich als kontinuierliches Motiv durch alle Filme Noés. Im ersten Kurzspielfilm „Carne“ wird sein inzestuöses Verhältnis zur halbwüchsigen autistischen Tochter geschildert. Als er glaubt, ein Arbeiter habe sich an ihr sexuell vergangen, attackiert er den nächstbesten Mann, wofür er zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird. In „Menschenfeind“ nun lebt er nach der Haft mit einer schwangeren Kneipenwirtin und deren Mutter in Lille zusammen. Die Schwierigkeit, eine neue Arbeit zu finden, und die Spannung innerhalb der lieblosen Beziehung münden in einen hemmungslosen Gewaltausbruch. Nur mit einer Pistole und etwas Geld flieht er nach Paris, wo er seine Tochter aus dem Heim abholen möchte. Das Wiedersehen mündet in die vorhersehbare Tragödie.

„Menschenfeind“ könnte im Kontext der pessimistischen Soziodramen Bruno Dumonts („L’Humanité“, fd 34 181) begriffen werden. Noés Kino geht jedoch weit brachialer zu Werke: Auf dem Rücken seines Protagonisten agiert er ein grausames Spektakel aus, sein Körper und sein Leben werden zum Material einer filmästhetischen Performance. Es zählt dabei weniger, was erzählt wird, denn die Erzählung auf der narrativen Ebene ist labil, als das momentane Wie. Eine filmische Illusion, die einfache Darstellung des sozialen Alltags, wird dabei ebenso aufgegeben wie die psychologische Dimension der Figuren. Noés Filme wenden sich von einem literarisch-narrativen Kino ab und kultivieren ein cinéma pur, den Versuch einer Reinform filmischer Darstellungsmöglichkeiten, die gelegentlich an die Experimente der Nouvelle Vague erinnern, deren Grenzen jedoch durchbrechen. Wesentliches Mittel ist die dramaturgische Unzuverlässigkeit: handelnde Figuren verschwinden unvermittelt, die Grenzen zwischen Vision und Realität verschwimmen ständig. Selbst die der Off-Erzähler löst sich vom Protagonisten ab. Noé bedient sich dabei eines extremen Breitwandformats. Dieser radikal eingeschränkte Bildkader erzeugt eine befremdliche, isolationistisch fragmentierte Bildwelt. „Menschenfeind“ ist ein unangenehmer, gnadenloser Film, ein Angriff auf die Sinne und die Ethik des Zuschauers – heute ein seltenes Erlebnis.

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