Sonnenallee

- | Deutschland 1999 | 94 Minuten

Regie: Leander Haußmann

Komödie zum zehnjährigen Jubiläum des Mauerfalls, angesiedelt in einem unmittelbar am Todesstreifen gelegenen Ostberliner Wohngebiet. Die authentische Ausgangssituation wurde zum gemeingültigen DDR-Mikrokosmos erweitert, in dem sich möglichst viele typische Verhaltensweisen und Situationen ansiedeln lassen. Doch der Film wird seinem Gegenstand weder ästhetisch noch inhaltlich gerecht: Abgegriffene Gags, die oft auf Schadenfreude basieren, sowie vorrangig auf oberflächliche Wiedererkennungseffekte hin angelegte Anekdoten machen ihn zum unzusammenhängenden Nummernprogramm. Hinzu kommt eine fahrlässige politische Unbekümmertheit. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1999
Regie
Leander Haußmann
Buch
Leander Haußmann · Detlev Buck
Kamera
Peter-Joachim Krause
Musik
Stephen Keusch · Paul Lemp · Einstürzende Neubauten
Schnitt
Sandy Saffeels
Darsteller
Alexander Scheer (Micha) · Alexander Beyer (Mario) · Katharina Thalbach (Mutter) · Henry Hübchen (Vater) · Robert Stadlober (Wuschel)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.

Heimkino

Die Erstauflage der Kinofassung (Paramount/Highlight; 2000) enthält u.a. ein ausführliches "Making of" (37 Min.) sowie ein achtseitiges Booklet. Die Neuauflage (2012) enthält nicht die Kinofassung, dafür aber eine um gut zehn Minuten verlängerte Fassung des Films mit insgesamt 14 zusätzlichen Szenen. Die Extras dieser Fassung enthalten zudem u.a. das Feature "12 Jahre Sonnenallee" (32 Min.), ein Interview mit dem Regisseur (17 Min.) sowie den Kurzfilm "Das 7. Jahr - Wohnhaft Sonnenallee" (9 Min.). Die DVD Edition (Langspielfassung) von 2012 ist mit dem Silberling 2012 ausgezeichnet.

Verleih DVD
Highlight (16:9, 1.78:1, DS dt.)
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Diskussion
Es dürfte von Reiz sein, einen Katalog mit Filmen aufzustellen, in denen die Wirklichkeit in der DDR virtuell nachempfunden wurde. Von Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“ (fd 14 324) über die Komödie „Top Secret“ (fd 24 892) der Zucker-Brüder bis zu Ken Loachs Dissidenten-Tragödie „Fatherland“ („Vaterland“, 1986) waren in westlichen Studios immer wieder mehr oder weniger authentische Dekors entworfen worden; die Originalschauplätze standen aus bekannten Gründen ja nicht zur Verfügung. Ganz anders die aktuelle Situation: Fortschreitende Nivellierung der innerdeutschen Unterschiede macht wiederum bühnenbildnerische Rekonstruktionen der Schauplätze notwendig. „Sonnenallee“ dürfte in der Hinsicht eine Schlüsselstellung einnehmen, da eigens für diesen Film in Babelsberg ein kleines Stück DDR wiederauferstanden ist. Komplett mit Kinderspielplatz, Gemüseladen, Zeitungskiosk, Mauer und Wachturm wird das Ensemble künftig als begehbares Exponat der „Babelsberg Tour“ dienen sowie als Kulisse für thematisch ähnlich gelagerte Stoffe. In seiner kunstgewerblichen Akribie, mit der für den Film sowohl an der Architektur als auch am Kostümbild gearbeitet wurde, erinnert das Unterfangen selbst an DEFA-Zeiten. Aber wie schon dort stellt sich schnell heraus, dass es mehr braucht als Dekorationen, um einen ernst zu nehmenden Film auf die Beine zu stellen. Auch eine Komödie sollte ernst genommen werden, wenigstens von ihren Urhebern.

Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden durchlebt Micha die Wechselfälle des Heranwachsens: Identitätssuche zwischen planwirtschaftlichen Vorgaben und spätpubertärem Aufbegehren, Abnabelung vom Elternhaus, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Die Fixierung auf seine Traumfrau Miriam gibt dem Treiben später eine gewisse Richtung, Micha zielt auf möglichst viele Begegnungen mit ihr ab, entwickelt Strategien, um bei ihr Eindruck zu schinden. Als Hilfsmittel dienen ihm hierfür gefälschte Tagebücher, die er Stück für Stück retrospektiv erstellt, um sie der Angeflehten als Beleg seines Vertrauens zu Füßen zu legen. Als ihm das endlich gelingt, fällt mit der Mauer auch der äußere Rahmen der fragmentierten Handlung. Sämtliche Personen formieren sich zum Reigen, der über die einstige Demarkationslinie hinwegtanzt. Vorbei alle Probleme und Streitereien: Deutschland einig Vaterland.

Der Titel bezieht sich auf Thomas Brussigs Romanvorlage „Das kürzere Ende der Sonnenallee“ und meint damit eine Straße zwischen den Berliner Stadtbezirken Neukölln und Treptow, die zwischen 1961 und 1989 von der Mauer getrennt war. Im Osten bestand sie quasi nur als Stummel, unmittelbar am Todesstreifen, war aber bewohnt. Eine aberwitzige Situation für die Mieter, aus der sich jede Menge Verwicklungen ergaben. Leander Haußmann erweitert in seiner Filmversion diese Sachlage zum allgemein gültigen DDR-Mikrokosmos, in dem sich möglichst viele typische Verhaltensweisen fokussieren lassen. Leider gelingt es ihm in keiner Weise, den eigentlich reizvollen Ansatz einer dramaturgisch tragfähigen Lösung zuzuführen. Inmitten der auf bloße Wiedererkennungseffekte angelegten Anekdoten gerät die Hauptperson immer wieder außer Sichtweite. Gelegentliche Off-Kommentare und die Lancierung der Tagebücher erscheinen als Rettungsversuche, werden aber nur halbherzig gehandhabt. Vielleicht wäre es möglich gewesen, den Werdegang Michas glaubwürdig aus diesen Tagebüchern heraus zu entwickeln – dann wäre aber die Nummernrevue weniger facettenreich ausgefallen. Nein, Drehbuchautoren und Regisseur waren offenbar wild entschlossen, eine besonders respektlose, urkomische Geschichtsparodie aufs Parkett zu legen – ohne zu merken, auf welch dünnes Eis sie sich damit begeben. Denn abgesehen von den erwähnten dramaturgischen Schwächen handelt es sich einfach um einen sehr, sehr schlechten Film. Dem Humor geht jede Doppelbödigkeit ab, viele Gags zielen auf billige Schadenfreude. Bei den Wohnzimmer-Szenen müssen den Autoren mitunter Fernsehserien wie „Ein Herz und eine Seele“ oder „Motzki“ vorgeschwebt haben; sie bewegen sich aber weit unter deren Niveau, erinnern eher an die angestaubten bundesdeutschen Komödien der 50er- und 60er-Jahre.

Wenn „Sonnenallee“ vom Habitus auch daherkommt wie eine filmische Entsprechung der unvermindert anhaltenden „Ostalgie“-Welle, ja, als hochsubventionierter Beitrag zur Erinnerungsindustrie der DDR gelesen werden kann, so schludert er doch in einigen wesentlichen Details. Bei dem Begriff „Ossi“ handelt es sich eindeutig um ein Nachwende-Produkt, ebenso wie der „Führungsoffizier“ bis 1989 nur im internen Staatssicherheits-Gebrauch üblich war und nie in der Öffentlichkeit benutzt wurde. In der Kleiderordnung geht es zwischen 50er-Jahre-Existenzialisten-Look, Hippie-Accessoires und VEB-Garderobe kunterbunt durcheinander, ebenso bei der Musik. (Wobei einige untypische, weil überraschend unbekümmerte Stücke der eigentlich nicht mehr existierenden „Einstürzenden Neubauten“ zu den wenigen Glanzpunkten des Films überhaupt gehören.) Schade um den Stoff, schade um die jungen, teilweise sehr begabten Darsteller, schade erst recht um Katharina Thalbach und Henry Hübchen. „Sonnenallee“ stellt Geschichtsrecycling im Zeitalter der Event-Kultur dar – ein Film ist das eigentlich nicht.
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