Die Werckmeisterschen Harmonien

- | Ungarn/Deutschland/Frankreich 2000 | 145 Minuten

Regie: Béla Tarr

Ein Wanderzirkus strandet in einem Dorf in der ungarischen Tiefebene, zu dessen Attraktionen ein ausgestopfter Wal und ein geheimnisvoller Prinz gehören. Sie locken Hunderte von Männern aus der Umgebung an, deren jahrelang angestauten Aggressionen sich zu entladen drohen. Die Honoratioren des Orts wollen das Schlimmste verhindern, scheitern aber. Nur ein Postbote und ein von ihm verehrter Musiktheoretiker lehnen sich gegen die Eskalation der Gewalt auf. Eine bildgewaltige Parabel in Form eines apokalyptischen Requiems, das den Abgesang auf eine Welt anstimmt, deren Ordnung aus den Fugen gegangen ist. Der virtuose Einsatz der Kamera und die disharmonische Geräuschkulisse des Film unterstreichen seinen metaphysischen Ansatz - ein düsteres Meisterwerk voller Aberwitz. - Sehenswert.
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Filmdaten

Originaltitel
WERCKMEISTER HARMONIAK
Produktionsland
Ungarn/Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2000
Produktionsfirma
Goëss Film Airtime International Media
Regie
Béla Tarr
Buch
Béla Tarr · László Krasznahorkai
Kamera
Gábor Medvigy · Jörg Widmer · Patrick de Ranter · Rob Tregenza · Emil Novák
Musik
Mihály Vig
Schnitt
Ágnes Hranitzky
Darsteller
Lars Rudolph (János Valuska) · Peter Fitz (György Eszter) · Hanna Schygulla (Tünde Eszter) · János Derzsi (Mann im Wollmantel) · Djoko Rosic (Mann in Cowboystiefel)
Länge
145 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert.
Externe Links
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Diskussion
László Krasznahorkais rätselhafter, 1992 auch auf deutsch erschienener Roman „Die Melancholie des Widerstands“ animierte den ungarischen Regisseur Béla Tarr zu einer apokalyptischen Vision der Gegenwart. Sein Film ist eine Parabel über die metaphysische Angst und die Unmöglichkeit, auf die essentiellen Fragen des Lebens eine befriedigende Antwort zu finden. Eine Endzeitstimmung liegt über den Menschen und ihrem fremdbestimmten Verhalten. In dieser kafkaesk anmutenden Welt ist die Unordnung, das Chaos Teil der Ordnung. Zeugen die Ereignisse deshalb von einer höheren Macht? Ist darin das Wirken des Prinzips von Vorsehung oder Zufall zu sehen? Existiert in den Ruinen, im Verfall, in der Zerstörung auch Schönheit? Eine armselige, von Kälte und Versorgungsengpässen geplagte Provinzstadt in Osteuropa. Der Zeitungsausträger János kümmert sich um Ezster, einen Musikwissenschaftler, der sich mit dem Barock-Komponisten Andreas Werckmeister beschäftigt. Jener stellt die traditionellen Glaubenssysteme, die harmonische Ordnung der musikalischen Meisterwerke, in Frage: Die glücklichen Zeiten der göttlichen Harmonie sind lange vorbei. Weil es keine reinen Töne gebe, sei jeder Ton falsch, doziert Ezster. Er plädiert dafür, das „Recht der natürlichen Stimmung“ wieder herzustellen. Eines Tages taucht ein dubioser Zirkus mit einem toten Wal auf dem Marktplatz auf. Es heißt, der Kadaver beschwöre Unheil herauf. Der „Herzog“, ein gefährlicher Prediger, betört die Herzen der Menschen mit seiner negativen Religion und verleitet verloren im Nebel stehende Männer zum Aufstand. Wie Vandalen stürmen sie eine Anstalt und lassen ihre Wut an Insassen und Mobiliar aus. Tünde, Ezsters Ex-Frau und nun die Geliebte des Polizeichefs, verlangt vom Musiker, als angesehener Bürger dem „Komitee der Sauberkeit“ vorzustehen. Der Ordnungshüter lässt die ungestüme Menge durch den naiven János aushorchen. Als dieser vom Militär gefangen genommen und in die Psychiatrie gebracht wird, kümmert sich der Wissenschaftler um ihn. Das filmästhetische Universum Béla Tarrs dominieren die konsequente Schwarz-Weiß-Fotografie und lange Plansequenzen. Der Ungar bewegt sich jenseits kommerzieller Produktions- und Distributionsstrukturen, arbeitet wegen (finanzbedingter) Unterbrechungen oft Jahre an seinen ungewöhnlichen Filmen. Als Verfechter des Kamerarealismus ist die Zeit für ihn der Maßstab aller Dinge. Dem introvertierten Einzelgänger des internationalen Gegenwartskinos wird eine pessimistische Weltsicht nachgesagt; er jedoch versteht sich als Optimist ex negativo: „Verzweifelt klammere ich mich an die Kamera, die einzige Treuhänderin einer angeblichen Wahrheit. Aber was gibt es zu filmen, wenn alles nur Lüge ist? Ich kann nur die Apologie der Lüge, des Verrats und der Infamie betreiben.“ Ein Vorbild könnte der 1921 geborene Landsmann Miklós Jancsó sein, der die psychologische Disposition von Individuum und Gesellschaft in seiner Heimat durch surreal anmutende Parabeln beschrieb. Ein anderer Orientierungspunkt ist Theo Angelopoulos und dessen Diagnose vom Phänomen der Hoffnungslosigkeit und von der Melancholie am Ende des 20. Jahrhunderts. Den in Cannes 2000 uraufgeführten Film durchzieht auch ein religiöses Moment: die Suche nach der letzten Wahrheit, dem Ursprung allen Seins. Man kann den Film auch als kritische Paraphrase auf die alttestamentliche Geschichte vom Propheten Jonas und dem Fisch interpretieren. Béla Tarr verbindet desillusionierte Spiritualität mit radikal-avantgardistischer Bildbesessenheit. In diesem Kontext funktioniert auch das eingängige, melancholisch aufgeladene musikalische Leitmotiv. Die Dichotomie von Harmonie und Dissonanz bestimmt das Strukturprinzip des Tarrschen Kosmos. Ordnung und Chaos zählen für ihn zu den grundlegenden Komponenten der Welt. „Politik taucht in meinen Filmen nicht auf. Am Anfang habe ich mich für soziale Probleme nicht interessiert. Später, älter geworden, habe ich mich ontologischen und astrologischen Themen zugewandt“, erklärt der Regisseur. „Die Werckmeisterschen Harmonien“ beschließen nach „Verdammnis“ (1987) und „Satanstango“ (fd 30 808) eine Trilogie zur Krise der Gegenwart und deren Transzendenz. Soziale und gesellschaftliche Beziehungen werden in diesen Filmen nur angedeutet, mit Leerstellen versehen. „Die Welt von Béla Tarr baut auf diesem immer tiefer werdenden Blick nach innen auf. Das ist die Hoffnung von Béla Tarr, dass er am Ende, ganz tief unten in uns, etwas finden kann“, sagt László Krasznahorkai; dessen jüngster Roman, „Krieg im Krieg“, eine neue Vision vom Scheitern aller großen Hoffnungen entwirft, eine Zeitreise durch die Weltgeschichte. Anfang des Jahres hat Béla Tarr auf Korsika den Kriminalroman „Der Mann aus London“ von Georges Simenon mit Volker Spengler und Tilda Swinton verfilmt.
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