K-19 - Showdown in der Tiefe

- | USA/Großbritannien/Deutschland 2002 | 137 Minuten

Regie: Kathryn Bigelow

Als dem Prototyp eines sowjetischen Atom-U-Boots vor der amerikanischen Küste die Kernschmelze droht, müssen sich Offiziere und Mannschaft bewähren. Sie können zwar gerettet werden, sind in Folge der radioaktiven Strahlung jedoch zu Tod und Siechtum verdammt. Konventioneller U-Boot-Thriller aus den Zeiten des Kalten Krieges, der mit geradezu grotesken Klischees aufwartet und den Stoff nach altbekannten Konventionen durchdekliniert. Ärgerlich daran ist die undifferenzierte Apologie soldatischer Tugenden und seine Reverenz an die militärische Logik. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
K-19 - WIDOWMAKER
Produktionsland
USA/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr
2002
Regie
Kathryn Bigelow
Buch
Christopher Kyle · Louis Nowra
Kamera
Jeff Cronenweth
Musik
Klaus Badelt · Geoff Zanelli
Schnitt
Walter Murch
Darsteller
Harrison Ford (Captain Alexei Vostrikov) · Liam Neeson (Captain Mikhail Polenin) · Peter Sarsgaard (Vadim Radtchenko) · Christian Camargo (Pavel Loktev) · Joss Ackland (Marshal Zelentsov)
Länge
137 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.

Heimkino

Verleih DVD
Universum
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Diskussion
Was für eine Enttäuschung! Ein U-Boot-Film über eine Episode aus der Zeit des Kalten Krieges, ein Epitaph auf das Heldentum sowjetischer UBoot- Fahrer, ein Männerfilm, gedreht von einer Frau, Kathryn Bigelow, der allerhand zuzutrauen war. Selbst wenn „The Weight Of Water“ es bislang nicht in die deutschen Kinos geschafft hat und die Regisseurin bei ihrem Jeanne d’Arc-Projekt „The Company Of Angels“ ausgebootet wurde, verfügte Bigelow bislang über eine makellose, hoch interessante Filmografie. Darin finden sich originelle Genrekontrafakturen wie der stilisierte Bikerfilm „The Loveless“, das Vampir- Road Movie „Near Dark“ (fd 26 867), der philosophierende Surferfilm „Gefährliche Brandung“ (fd 29 143) oder der feministische Polizeithriller „Blue Steel“ (fd 28 259). Allein diese Aufzählung klingt schon wie ein „Im Zweifel für die Angeklagte“, aber so viel Nachsicht hat dieses schlichte militaristische Hohelied auf Pflichterfüllung, Befehlsnotstand, soldatischen Gehorsam und Heldentod nicht verdient. Die Geschichte von „K-19 – The Widowmaker“ ist rasch erzählt: 1961, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, baut die Sowjetunion mit kollektiver Anstrengung ein Prestige- U-Boot, die atomgetriebene und mit Nuklearwaffen ausgerüstete „K-19“. Der Zeitplan ist – wie immer – zu eng, die Konstruktion steckt voller Mängel; insofern ist das Boot ein Beleg für den notorischen technischen Rückstand der Sowjetunion. Nach einigen üblen Pannen – Menschenleben waren billig in der UdSSR – löst Alexei Vostrikov, ein harter Hund, den bislang kommandierenden Mikhail Polenin ab, einen freundlichidealistisch gesonnenen Mann, der zum Ersten Offizier degradiert wird. Wider besseren Wissens, dafür aber im Auftrag der Partei versucht Vostrikov, die Mannschaft zum Team, besser: zum Kollektiv zusammen zu schweißen. Er treibt konsequent und zunächst mit viel Erfolg Matrosen und Material bis an die Grenze der Belastbarkeit. Das Durchstoßen der nordpolaren Eiskappe mit dem Boot ist der positive Höhepunkt einer fanatischen Technikgläubigkeit; ein Erinnerungsbild der Mannschaft wird hier gemacht. Danach folgt die Katastrophe: In unmittelbarer Nähe zu einem NATO-Stützpunkt vor der amerikanischen Küste gibt es ein Leck im Reaktorraum, eine Kernschmelze droht an Bord und damit – aufgrund der strategischen Lage – vielleicht der dritte Weltkrieg. Jetzt müssen junge Matrosen – nur mit Regenjacken geschützt – im Reaktorraum schweißen – mit schmerzlich-letalem Ausgang. Das Schiff soll den Amerikanern nicht in die Hände fallen. Eine Meuterei der verzweifelten Matrosen droht, doch das eiserne Pflichtbewusstsein von Vostrikov und wider Erwarten auch von Polenin („Ich habe meine Würde nicht verloren!“) bewältigt auch diese Krise mit cooler Professionalität um die Mundwinkel. Schließlich wird das verstrahlte Boot abgeschleppt; Teile der Mannschaft werden in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren an den Folgen des atomaren Unglücks sterben. Jetzt soll Vostrikov, dessen Vater im GULAG starb („eine alte Familientradition“) seitens der Admiralität auch noch der Prozess gemacht werden, doch Polenin hält ein flammendes Plädoyer über dessen Verantwortungsbewusstsein und bewahrt den Rivalen vor Schlimmerem. Der Vorfall wird vertuscht. Jahre später begegnet man den Resten der Crew auf einem Moskauer Friedhof bei stillen Gedenken an die gestorbenen Kameraden: knorrige alte Fahrensleute, die nicht viele Worte machen. Als Vostrikov erscheint, wird stumm salutiert. Der Untergang der Sowjetunion, so wird erzählt, eröffnete ihnen die Gelegenheit, ihre Geschichte doch noch zu erzählen.

Diese Aufgabe der Trauerarbeit hat jetzt freundlicherweise die US-Filmindustrie übernommen. Doch die Geschichte – unwillkürlich schwingen Erinnerungen an Tschernobyl oder den Untergang der „Kursk“ beim Zuschauer mit – folgt hier den guteingeführten Konventionen der Hollywood-Dramaturgie: Bekannte Stars als Identifikationsangebote für zunächst divergierenden, im günstigen Augenblick dann konvergierenden Positionen, einige stille Helden im Hintergrund, ein paar, die sich opfern, im Vordergrund, sowie fernab jeder Realität agierende Parteiapparatschiks in Moskau, die die Fäden ziehen. Alles anständig und – im krassen Gegensatz zur „K-19“ – auf der technischen Höhe der Zeit in Szene gesetzt und mit viel wortlosem Pathos inszeniert, ist „K-19 – Showdown in der Tiefe“ eine undifferenzierte und ärgerliche Apologie soldatischer Tugenden. Zu keinem Zeitpunkt transzendiert der Film die hermetische militärische Logik: Letztlich geht es nur um die Verhinderung einer dieser Logik immanenten militärischen Eskalation, die alle anderen Konflikte an Bord des U-Bootes sekundär scheinen lassen. Den Zuschauer soll beschäftigen, warum ein junger Matrose sich heroisch auf den letzten Gang in den Reaktorraum macht, weil er glaubt, dies sich, seinen Kameraden, der Partei oder der Welt schuldig zu sein, nicht aber die Frage, warum ein defektes Boot nicht aufgegeben und die angebotene Hilfe der US-Army ausgeschlagen wird. Das mag blauäugig klingen. Doch selbst, wenn man unterstellt, Bigelows Film dokumentiere präzise und konsequent die Befangenheit und den mangelnden Handlungsspielraum beschränkter Militärs in einer brenzligen Situation, stört doch die Bemerkung der Regisseurin im Presseheft, sie habe versucht, „dieses selbstlose Opfer in seiner ganzen Würde auf Film zu bannen.“ Es handelt sich dabei, mit Brecht zu sprechen, um die Würde von Kälbern. Hierzu passt die zynische Aufwertung religiöser Rituale und Zeichen (das Gebet, das Kreuz) als Indizes authentischer, von der Geschichte beglaubigter Erfahrungen und ungleichzeitiger kultureller Entwicklungsstände. Auch die durch und durch klischeehafte Darstellung der russischen „Seele“ (albernes Broken-Englisch im Original, Wodka, Gesang & Tanz) ist fast schon grotesk. Sollte die Leistung dieses Film darin bestehen, den Kalten Krieg einmal aus der Perspektive der Russen zu zeigen – wie im Presseheft angedeutet –, dann offenbart sich hierin nur eine Mischung aus Arroganz und einem völlig herunter gewirtschafteten politischen Bewusstsein der amerikanischen Kino-Öffentlichkeit.
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