Die vier Federn

Drama | USA 2002 | 131 Minuten

Regie: Shekhar Kapur

Nachdem er seinen Dienst bei der britischen Kolonialarmee quittiert hat und sich ins schmachvolle Pariser Exil zurückziehen musste, besinnt sich ein junger Offiziersanwärter doch noch auf seine patriotische Pflicht und eilt seinem Regiment zur Hilfe, das im Sudan des Jahres 1883 gegen die Freischärler des Mahdis kämpft. Hervorragend inszenierte opulente Verfilmung eines bekannten Historienromans, die differenziert den Gewissensentscheid des Protagonisten in den Mittelpunkt stellt und dabei den Standesdünkel der britischen Kolonialmacht kritisiert, die im Sudan ihr Waterloo erlebte. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
THE FOUR FEATHERS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2002
Produktionsfirma
Belhaven/Jaffilms
Regie
Shekhar Kapur
Buch
Michael Schiffer · Hossein Amini
Kamera
Robert Richardson
Musik
James Horner
Schnitt
Steven Rosenblum
Darsteller
Heath Ledger (Harry Feversham) · Wes Bentley (Lt. Jack Durrance) · Kate Hudson (Ethne Eustace) · Djimon Hounsou (Abou Fatma) · Michael Sheen (Trench)
Länge
131 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Literaturverfilmung
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
EuroVideo
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Diskussion
Es ist der Stoff, aus dem Monumentalfilme gemacht werden: 1883 erhoben sich unter Führung des Mahdi in Ägyptisch-Sudan die strenggläubigen Mohammedaner gegen die englische Herrschaft. In der legendären Schlacht bei El Obeid vernichteten die Widerständler ein britisch-ägyptisches Heer von 11.000 Mann. Die Mahdisten eroberten 1885 bei ihrem heiligen Kriegszug auch das von General Gordon tapfer verteidigte Khartoum, wobei dieser fiel. Eine Racheexpedition der Engländer verlief ergebnislos. Erst 1898 gelang der Kolonialmacht die Unterwerfung der Rebellen. Vor diesem historischen Hintergrund spielt Shekhar Kapur aufwendige Leinwandadaption von Masons Romanklassiker, der zuvor bereits fünf Mal (1921, 1928, 1939, 1955 und 1978) verfilmt wurde. Während Basil Deardens „Khartoum“ (fd 14 306) die unterschiedlichen Persönlichkeiten von General Charles Gordon (Charlton Heston) und Mahdi Muhammad Ahmed (Laurence Olivier) auslotet, zeigt Kapurs Remake des Remakes den Kolonialkrieg aus der Sicht junger britischer Soldaten. Im Zentrum des Geschehens steht Harry Feversham, der auf der Sonnenseite des Empires geboren scheint. Mit seinem engstem Freund Jack Durrance zählt er zu den beliebtesten Rekruten des Regiments, einer glänzenden Karriere im Dienste Ihrer Majestät steht nichts im Wege. In privater Hinsicht winkt ihm in Gestalt der jungen Adligen Ethne Eustace ebenfalls das Glück. Doch so kometenhaft sein Aufstieg auch war, umso schneller vollzieht sich der Absturz aus der Wohlbefindlichkeit. Als die Mahdisten in Khartoum ein Fort erobert haben, sollen die blutjungen Offiziersanwärter auf den schwarzen Kontinent versetzt werden, um für „Law & Order“ zu sorgen. Für die Meisten von Harrys Kameraden ist dies eine Frage der Ehre, denn die „Verteidigung“ des Vaterlandes im Ausland zeugt von gesellschaftlichem Prestige. Doch der stets autonom denkende Harry, der zwischen patriotischen Gefühlen, Skepsis gegenüber dem Eroberungskrieg und nackter Angst ums eigene Leben hin- und her gerissen ist, trifft eine einsame Entscheidung: Er quittiert seinen Dienst aus der Armee. Die Folgen sind für ihn mehr als unangenehm. Sein Vater verstößt ihn, Ethe lässt die Hochzeit platzen und seine Freunde senden ihm als Zeichen ihrer Missachtung und als Symbol seiner vermeintlichen Feigheit vier weiße Federn. Fortan führt er in London ein Paria-Dasein, geplagt von innerer Verzweiflung und Schuldgefühlen. So macht er sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion doch in den Sudan auf, um seinem in einer besonders heiklen Region stationierten Regiment beizustehen. Wie er das bewerkstelligen soll, weiß er allerdings nicht; er will einfach da sein. Seine jugendlicher Tatendrang wird auf eine harte Bewährungsprobe gestellt, denn der Weg durch die Wüste ist mehr steinig als sandig. Sein Führer, ein abgefeimter Sklavenhändler, wird von seinen Gefangenen erschlagen, und Harry bleibt nur am Leben, weil er sich zuvor für die Sklaven eingesetzt hat. Vielleicht ist es gerade seine humane Gesinnung, die ihn inmitten der weißen Hölle zu einem schwarzen Schutzengel verhilft: Der afrikanische Krieger Abou Fatma nimmt sich seiner an und verkleidet Harry als Araber. Jederzeit von Enttarnung bedroht, gelingt es ihm, eine Falle der Mahdisten ausfindig zu machen. Er schickt Abou, um sein Regiment zu warnen, ohne allerdings die aristokratische Arroganz der Offiziere mit einzukalkulieren. Sie legen Abou als Spion in Ketten und marschieren weiter durch den Wüstensand. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Der indisch stämmige Regisseur Shekhar Kapur, der mit der weiblichen Robin-Hood-Geschichte „Bandit Queen“ (fd 31 251) sein Ticket für Hollywood löste, erweist sich einmal mehr als Spezialist für historische Stoffe: „Vier Federn“ übertrifft mit seiner Detailbesessenheit beinahe noch seinen letzten Film „Elizabeth“ (fd 33 398). Nichts desto trotz wirkt das Sudan-Epos gerade nach dem 11. September 2001 aktueller denn je: „Vier Federn“ ist bei aller Spannung und Aktion auch ein Film über eine individuelle Annäherung zwischen Moslems und Christen; und es ist ein Film über einen der ersten Wehrdienstverweigerer, der traditionelle Moralvorstellungen von Stolz und Patriotismus in Frage stellt, ohne seine Protagonisten zu denunzieren. Heath Ledger und Wes Bentley wandeln dabei auf den Spuren von John Clements und Ralph Richardson bzw. Anthony Steele und Laurence Harvey, die das krisengeschüttelte Freundesgespann Feversham/Durrance zuvor verkörperten. Anders als in den beiden Filmen von Zoltan Korda, „Vier Federn“ (fd 965) und „Sturm über dem Nil“ (fd 6 896), wird der Figur des Harry Feversham alle chauvinistische Hemdsärmeligkeit genommen. Der Australier Heath Ledger spielt vielmehr einen von Selbstzweifeln geplagten Feingeist, der sich mehr seinen Freunden als der britischen Krone verpflichtet fühlt. Vielleicht ist es gerade sein Anderssein, das ihn in der Wüste überleben lässt. Bei aller Anpassung lässt er sich nicht verbiegen, bleibt er immer er selbst – eine interessante Parallele zu Peter O’Tooles „Lawrence von Arabien“ (fd 11 864). Dagegen durchläuft der überzeugte Royalist und kühle Stratege Durrance eine Katharsis. Seine aus einem Gefecht stammende Erblindung öffnet ihm erst die Augen. Er verliert sein Großmacht-Gehabe und lernt, dass es manchmal mutiger ist, Entscheidungen autonom zu treffen, als mit den Wölfen zu heulen. Technisch ist „Vier Federn“ superb: „Oscar“-Preisträger Robert Richardson fotografierte den vorderrangig in Marokko gedrehten Film konsequent gegen die Sonne, um durch die daraus resultierende Rückbelichtung einen scharfen Kontrast zwischen Figuren und Landschaft zu schaffen. So erhält der Film eine fiebrige Atmosphäre, die gut zur Aufgewühltheit der Protagonisten passt. Prunkstück sind die Kampfszenen: Seit „Waterloo“ (fd 17 085) und „Barry Lyndon“ (fd 19 995) hat man wohl keine in ihrer Grausamkeit beeindruckenderen Scharmützel gesehen. Militärkoordinator Henry Camilleri musste dabei den zahlreichen Soldaten unter den Statisten ihre Modernität austreiben und die akkuraten Marschiertechniken des 19. Jahrhunderts beibringen. Allerdings ist es genau diese überholte Form von Disziplin und Haltung, die die Briten ins Verderben stapfen lässt. James Horners orchestrale Musik hebt dies mit spitzen Dissonanzen hervor, wenn sich die im Sand eingegrabenen Madhisten plötzlich erheben und die perplexen Soldaten der Krone niedermachen. Der Anfang vom Ende der imperialen „Schutzmacht“.
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