Die Liebe der Charlotte Gray

Drama | Großbritannien/Australien/Deutschland 2001 | 121 Minuten

Regie: Gillian Armstrong

In ausdrucksstarken Bildern erzähltes Kriegsmelodram um eine Schottin, die sich als Agentin verdingt und ins besetzte Frankreich schleusen lässt, um ihren abgeschossenen Geliebten, einen Piloten, zu suchen. Die Risiken des Krieges unterschätzt sie zwar, doch am Ende ordnet sie ihr Leben neu. Einfühlsam inszeniert, überzeugt der abwechslungsreich gestaltete Film durch die brillante Kameraführung und einen rasanten Schnitt. Die schwierige Balance zwischen Selbstfindungsmelodram, Kriegsdrama und Romanze gelingt nahezu vollkommen. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
CHARLOTTE GRAY
Produktionsland
Großbritannien/Australien/Deutschland
Produktionsjahr
2001
Produktionsfirma
Ecosse/Pod/FilmFour/Warner/Senator
Regie
Gillian Armstrong
Buch
Jeremy Brock
Kamera
Dion Beebe
Musik
Stephen Warbeck
Schnitt
Nicholas Beauman
Darsteller
Cate Blanchett (Charlotte Gray) · Billy Crudup (Julien Levade) · Michael Gambon (Levade) · Rupert Penry-Jones (Peter Gregory) · James Fleet (Richard Cannerly)
Länge
121 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Melodram | Literaturverfilmung
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Heimkino

Verleih DVD
Universal
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London 1942: sehr dunkel, sehr blau und sehr romantisch. Die Liebesnacht der Charlotte Gray beleuchtet ein fahles Mondlicht. Kühl, abgeklärt und unerschrocken wirkt die schottische Krankenschwester, wenn ihr Geliebter Peter, ein Pilot der Royal Air Force, sie in den Armen hält. Oder hält sie ihn? Ihre Gesichter erscheinen in Großaufnahme hinter dem beschlagenen Fensterglas ein wenig verschwommen. Sie reden über den Krieg. „Wenn man ein Talent hat“, fragt Charlotte, „ist man dann nicht verpflichtet, tapfer zu sein?“ Kein Zeichen von Tapferkeit erkennt Peter indessen darin, dass er noch lebt. „Das hat nichts mit Tapferkeit zu tun, das ist Zufall“, erwidert der Soldat. Viele seiner Freunde sind tot. Die Australierin Gillian Armstrong hat sich auf historische Milieus spezialisiert und starke weibliche Charaktere, die unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen ihre Wege gehen. In „Meine brillante Karriere“ (fd 28 344) ist es Judy Davis in der Rolle der Sybylla Mevyn, die am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Leben als unabhängige Schriftstellerin findet, in „Betty und ihre Schwestern“ (fd 31 351) sind es vier Schwestern, die während der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges auch um ihre persönliche Unabhängigkeit kämpfen. Und in „Oscar und Lucinda“ (fd 33 195) lässt Gillian Armstrong zwei Spielernaturen, dargestellt von Cate Blanchett und Ralph Fiennes, in Australien während des 19. Jahrhunderts einen nonkonformen Weg beschreiten. Allerdings bewegte sich Armstrongs Inszenierungskunst dabei mitunter auf und ab, darin durchaus vergleichbar dem Weg ihrer filmischen Charaktere, die über die steinigen Höhen und Tiefen der Historie wandeln. Die literarische Vorlage von „Charlotte Gray“ erzählt von einer jungen Frau, die während der Kriegsjahre eine romantische Liebe entdeckt, aber auch schmerzvolle Dinge erfährt. Autor Jeremy Brock greift die Love-Story auf und verwandelt den Stoff in ein eigenständiges Drehbuch. Zwar stimmen Anfang und Schluss des Films nicht mit der Vorlage überein und sind auch viele Details verändert worden, doch Ton und Geist der Geschichte bleiben erkennbar. Vor allem die besonderen Bedingungen im Vichy-Frankreich setzt der Film brillant in Szene. Charlotte kommt aus den blauen Lavendelfeldern der Provence nach London, wohin sie am Ende des Films noch einmal zurückkehrt. Dazwischen erlebt sie das Grauen des Krieges und widerstreitende Gefühle. Die Patriotin mit Herz für die französische Sprache und den englischen Piloten lässt sich als Geheimagentin ausbilden, teils um mehr für ihr Land tun zu können, teils um dem Schicksal des über Frankreich abgeschossenen Geliebten nachzuspüren. Sie lässt sich als Nachrichtenkurierin in die Résistance einschleusen. Bei ihrer Landung in Frankreich fällt sie dem Résistance-Kämpfer Julien Levade wie ein rettender Engel vor die Füße. Sie nimmt Teil an den Aktionen der Gruppe und erlebt, wie Menschen umkommen. Dem jungen Kommunisten Julien rettet sie zwei mal, einmal bewusst, einmal zufällig, das Leben. „Die Liebe der Charlotte Gray“ ist hervorragend gespielt, glänzend fotografiert und stimmig in Ausstattung und Atmosphäre. Dabei sind die Beweggründe der jungen Schottin jedoch nicht immer nachvollziehbar. Ausgeglichen wird dieser Mangel durch glänzend fotografierte Actionszenen, beispielsweise bei einem Überfall der Franzosen auf einen deutschen Militärtransport, bei dem ein Bahndamm gesprengt wird. Das britische Milieu findet nicht annähernd die Beachtung wie die Situation im besetzten Frankreich, wo die Gräben zwischen Kollaborateuren, Kommunisten und britischen Agenten deutlich akzentuiert sind, etwa, wenn der Dorflehrer Renech von Charlotte eine Liebesnacht zu erpressen versucht. Oder wenn der von Michael Gambon großartig grantig gespielte Levade wegen seiner angeblich jüdischen Herkunft verhaftet wird. Für Charlottes Handlungsweisen lassen sich verschiedene Interpretationen finden. Man könnte sie als verliebte Abenteurerin betrachten, eine, die kurz entschlossen ihre Richtung wechseln kann. Bei ihrer Ausbildung beim britischen Geheimdienst wird sie befragt, was für sie das Wichtigste sei, Liebe, Hoffnung oder Glaube, und sie nennt nach kurzem Zögern die Hoffnung. „Das Gute wird über das Böse siegen“, lautet ihre Devise, die sie durch die Kriegsjahre führt, und sei es nur der Schimmer einer Hoffnung, den sie in einem Brief deportierten jüdischen Kindern mit auf den Weg gibt. Was die Liebe betrifft, ist Charlotte eher wankelmütig. Auch darin ähnelt sie Gillian Armstrong, die hier die schwierige Balance zwischen Selbstfindungsdrama, Liebesfilm und Actionthriller zu stemmen versucht.
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