- | Deutschland 2003 | 89 Minuten

Regie: Sebastian Winkels

Dokumentarfilm über sieben Brüder aus Mülheim an der Ruhr, die zwischen 1929 und 1945 geboren wurden und allesamt begnadete Erzähler sind. Jeder von ihnen erhielt einen Tag lang Gelegenheit, vor der Kamera über sein Leben zu sprechen. Das subtil herausgearbeitete Destillat aus den 56-stündigen Aufzeichnungen verblüfft trotz seiner formalen Strenge durch hohe Unterhaltsamkeit, Witz und den weiten Bogen durch ein Dreiviertel Jahrhundert gelebter Geschichte. Hinter den Biografien scheint nicht nur eine verzweigte Familiengeschichte, sondern auch ein facettenreiches Porträt der deutschen Gesellschaft auf. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 14.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2003
Produktionsfirma
Credofilm/ZDF/HFF "Konrad Wolf"
Regie
Sebastian Winkels
Buch
Sebastian Winkels
Kamera
Isabelle Casez
Schnitt
Valérie Smith
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Externe Links
IMDb | TMDB

Diskussion
„Suchst Du die Wahrheit, musst Du sieben Brüder fragen“, heißt gemäß den Materialien zu Sebastian Winkels Dokumentarfilm eine chinesische Weisheit. Das ist eine hübsche doppelbödige Einsicht in die Unschärfe autobiografischer Konstruktion von Wirklichkeit – und zugleich ein bekanntes Märchenmotiv. Sieben Brüder, das scheint eine Laune der Natur, und zumindest die jüngere Hälfte der Brüder Hufschmidt aus Mülheim an der Ruhr, die hier fast 90 Minuten zu Wort kommen, ahnt, dass sich ihre Existenz dem insistierenden Wunsch der Eltern nach einer Tochter verdankt. Geboren wurden die Brüder zwischen 1929 und 1945; diese 16 Jahre Altersunterschied spielen in den unterschiedlichen Biografien eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auf die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit, das so genannte Wirtschaftswunder, ja selbst noch „1968“ werden durchaus differierende Perspektiven geworfen, und damit bietet der Film einen gewichtigen Beitrag zur „Oral History“ der alten Bundesrepublik und zum Mythos der „Stunde Null“. Sebastian Winkels hat die sieben Brüder ins Studio geholt und ihnen die Möglichkeit ausführlicher Meinungsäußerungen geboten. Er hat dabei auf die Lust am Erzählen seiner Protagonisten vertraut, keine Interviews gemacht, keine Rückfragen gestellt, sondern die Männer erzählen lassen. Er ist glücklicherweise auch nicht auf die bornierte Guido-Knopp-Idee gekommen, die spezifischen Erzählungen mit illustrierenden, verallgemeinernden und kommentierenden Bildern zu unterfüttern und ihnen somit ihr individuelles Gewicht zu nehmen. Gegen die beliebige und zerstreute Bilderflut aus dem Archiv setzt Winkels wohltuend und produktiv auf die Stille und Dunkelheit des eigens für den Film geschaffenen Gesprächsraums. Kaufleute sind die Hufschmidts geworden, Bäcker, Manager, Professoren, Schauspieler, Lehrer – so unterschiedlich wie die Physiognomien sind auch die Temperamente der Brüder. Sie erzählen von ihren Einschätzungen der innerfamiliären Hierarchie: Ist es besser, der älteste Bruder zu sein? Oder doch eher das Nesthäkchen? Oder sollte man die Mittelposition aufwerten? Überraschend präsent sind den älteren Herren noch die elterlichen Vorstellungen ihrer Lebensentwürfe, die teilweise – etwa die mütterliche Präferenz für Pastoren und Lehrer – erst auf allerlei Umwegen und mit Verspätung in Erfüllung gegangen sind. Gemeinsamkeiten werden durch die Montage – die sieben Drehtage produzierten 56 Stunden Material – subtil herausgearbeitet, Trennendes wird nicht klein geredet, hinreichend Raum für spontane Abschweifungen gelassen. Das Resultat geht weit über eine spannende Rekonstruktion von spezifischer Familiengeschichte hinaus, liefert empirisches Material für Bourdieus Habitus-Theorie und zeigt den Einfluss von Bildung auf die Körpersprache. Man sieht die freigesetzte Kraft der Erinnerung in den Gesichtern, bekommt mit, wenn um bestimmte Versionen der Familiengeschichte in An- und Abwesenheit der Anderen gerungen wird, wenn die Brüder sich über ihr Mehrwissen an Erfahrungen quasi über Bande zuspielen und sich darüber verständigen, ohne dafür noch des direkten Gegenübers zu bedürfen. Es ist trotz der zurückgelegten Zeitläufte und überraschender Wendungen in den jeweiligen Biografien ein funktionierender Familienverband, den Winkels präsentiert. Tiefgreifende, nicht lösbare Konflikte scheint es in der Familie Hufschmidt nicht gegeben zu haben – oder man hat gelernt, sie kommunikativ auszuräumen. Der Handwerker hat gelernt, sich intellektuell gegenüber dem Schauspieler und Professor zu behaupten. Der Manager hat sich in seiner zweiten Lebenshälfte entschlossen, seine spirituellen Bedürfnisse auszuleben. Die politisch einflussreichen Liberalen haben den kurzzeitigen Linksradikalen in die bürgerliche Gesellschaft zurückgeholt. So glaubt man zum Schluss der Aussage, dass demjenigen, der sechs Brüder hat, im Leben eigentlich nichts zustoßen kann. Zudem ist dieses soziologische Experiment nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch ein überfälliger, geradezu wohltuender Kontrapunkt zur gegenwärtig grassierenden Nostalgie-Welle von „Liegen lernen“ (fad 36 117) bis „Rosenstraße“ (fad 36 147), die Geschichte allein nach den Maßgaben von Popkultur und Plotpoint- und Identifikationsdramaturgie umkodiert. Inwieweit der polyphone Erzählfluss, den die Brüder hier produziert haben, einen Blick auf die „Wahrheit“ der Familie Hufschmidt gewährt, sei dahingestellt; einen Blick auf die widersprüchliche gesellschaftliche Institution Familie und ihre Kontingenzen erlaubt er ganz gewiss.
Kommentar verfassen

Kommentieren