Biopic | USA 2004 | 152 Minuten

Regie: Taylor Hackford

Der phänomenale Aufstieg des blinden Sängers Ray Charles vom schwarzen Außenseiter zu einem der einflussreichsten Musiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Filmbiografie besticht durch eine erlesene Auswahl von Songs, die differenzierte schauspielerische Darstellung des Protagonisten und eine gelungene dramaturgische Inszenierung der frühen Jahre des Sängers, wobei sich energetische Musiksequenzen mit stilisierten Rückblenden und intimen Einblicken in sein Privatleben abwechseln. Trotz des etwas aufdringlichen Happy End eine ergreifende Hommage an Ray Charles und seinen innovativen Musikstil. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
RAY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2004
Regie
Taylor Hackford
Buch
James L. White
Kamera
Pawel Edelman
Musik
Craig Armstrong · Ray Charles
Schnitt
Paul Hirsch
Darsteller
Jamie Foxx (Ray Charles) · Kerry Washington (Della Bea Robinson) · Regina King (Margie Henricks) · Clifton Powell (Jeff Brown) · Harry J. Lennix (Joe Adams)
Länge
152 Minuten
Kinostart
06.01.2005
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Biopic

Heimkino

Sowohl die Standardausgabe als auch die sogenannte Award-Edition enthalten optional eine um etwa 25 Minuten verlängerte Version des Films sowie einen aufschlussreichen Audiokommentar des Regisseurs, der auf die unterschiedlichen Fassungen eingeht. Auf der Award Edition (2 DVDs) finden sich zudem u.a. weitere 14 im Film nicht verwendeten Szenen und zwei verlängerte Musiknummern aus dem Film. Die Award Edition ist mit dem Silberling 2005 ausgezeichnet. Auf der ebenfalls erhältlichen "75th Anniversary Edition" (3 DVDs) befindet sich eine Bonus-DVD mit einem 60-minütigen Live-Tribute-Concert zu Ehren Ray Charles'.

Verleih DVD
Universal (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Ray Charles gehört zu den Ikonen der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Über fünf Jahrzehnte gestaltete er innovativ Elemente des Rhythm & Blues, Country, Gospel, Soul und Pop zu einem idiosynkratischen Stil, der bis heute nachhallt. Der Soundtrack zu „Ray“ garantiert schon fast ein unterhaltsames Kinoerlebnis, doch welch eine ereignisreiche, aufreibende Biografie entfaltet sich hinter den Klängen! Ein blinder Afroamerikaner ajus dem Armenviertel von Albany, Georgia, steigt zum Superstar der internationalen Musikwelt auf, zeigt als Botschafter der Bürgerrechte Profil, kämpft gegen sein Drogenproblem, ordnet seinen oft maßlosen Lebensstil. Regisseur Taylor Hackford vermag die Fülle dieser unterschiedlichen Rollen und Problembereiche meisterhaft zusammenzuführen. Statt das gesamte ereignisreiche lange Leben des Ausnahmemusikers Revue passieren zu lassen, fokussiert er auf die frühen Jahre der Initiation und des Durchbruchs und erreicht so, was die besten seines Fachs in Ehre halten: anregende Diskussionen zu entfachen und neues Interesse am Thema zu wecken. Der Film rechnet mit einem aufmerksamen Zuschauer und präsentiert die Biografie wie ein Puzzle, dessen Panorama sich erst Schritt für Schritt, Bild für Bild, Note für Note offenbart. Die Eröffnungssequenz zeigt Ray Charles Robinson auf dem Weg nach Florida und offenbart die Rassendiskriminierung. Schwarze dürfen im Süden der USA nur in Begleitung eines Weißen reisen. Als ihm ein Officer die Weiterfahrt im Greyhound Bus verweigert, spielt Ray die richtigen Karten: Er erklärt dem arroganten Staatsbeamten, dass er kein Interesse daran habe, „Uncle Sam“ um irgendwelche Gefälligkeiten zu bitten, aber sein Kriegseinsatz, den er mit dem Verlust seines Augenlichts bezahlen musste, sollte ihn doch wenigsten als zahlenden Passagier nach Florida bringen. Der patriotische Officer verspricht daraufhin, sich persönlich um eine adäquate Beförderung zu kümmern. Die wahren Hintergründe seiner Blindheit und deren emotionale Konsequenzen entschlüsselt Hackford erst später in Rückblenden, die durch eine besonders warme, erdige Farbgebung nicht nur die Lokalität seiner Kindheit beschreiben, sondern stilisierte Erinnerungen an eine bewusst erlebte visuelle Erfahrungswelt vermitteln, bevor das akustische Sinnesorgan die Rolle der Augen übernimmt. Eine weitere zentrale Herausforderung für einen blinden schwarzen Musiker bildet die Bezahlung. Der Dollar-Schein avanciert zur omnipräsenten Metapher fürs Überleben im harten Musikgeschäft. Im Film dreht sich folglich alles um Geld und billige Tricks, den blinden Bandleader zu hintergehen. Solche alltäglichen Probleme gehören zu Recht in die filmische Darstellung eines Menschen, der von Anfang an mit mehr Handicaps zu kämpfen hatte als viele andere Talente. Das Gelingen des Films hängt nicht nur mit der einzigartigen Musik und der spannenden Aufarbeitung eines an Höhen und Tiefen nicht gerade armen Lebens zusammen – ohne die ergreifende schauspielerische Leistung von Jamie Foxx würde das dramaturgische Konstrukt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Mimik, Gestik, Bewegungsabläufe und Sprachmelodie wurden bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Von hoher Symbolkraft sind kleine Vignetten über das Thema Wasser, die expressionistisch ins Geschehen eingebaut wurde. Erst nach und nach dechiffriert Hackford dieses Bildmotiv und seine tiefenpsychologische Bedeutung für den Musiker. Die Musik ist so abgemischt, dass sie sich harmonisch in die jeweiligen Räumlichkeiten einfügt – ob im Aufnahmeraum der Atlantic Studios, einer verrauchten Bar oder dem exklusiven Gig im Club vor weißem Publikum, immer stellt sich das Gefühl ein, man sehe dokumentarisches Material, das die lasziv swingenden Bewegungen des Musikers unvoreingenommen einfängt, jede Geste, jedes ekstatische Zucken der Gesichtszüge. So ergeben sich spannende Einblicke in die Genese einiger Songs, wobei die Backstory zum Klassiker „Hit the Road, Jack“ besonders aufschlussreich und eine Glanzleistung aller Beteiligten ist. Rückblickend fällt es oft schwer, das revolutionäre Potenzial eines Musikstils zu begreifen, der durch das Label „Klassiker“ seinen provokativen Stachel längst verloren hat. „Ray“ vermittelt eindrücklich, wie ein Gefühl der Blasphemie Publikum und Musiker erschütterte, als Ray Charles Elemente der schwarzen Gospel-Musik mit weltliche Texten kombinierte und gewissermaßen den Gottesdienst auf die Tanzfläche der schwarzen Clubszene verlegte. Hier leistet der Film einen aufregenden Beitrag zur Musikgeschichte für die Nachgeborenen. Gewiss findet man auch Ansatzpunkte zur Schelte; so sind die Übergänge von der Gegenwart in die stilisierten Kindheitserinnerungen nur wenig originell in Szene gesetzt, die orchestrale Filmmusik manipuliert zum Teil recht aufdringlich die Affekte des Publikums, und das Drehbuch nimmt sich nicht wenige künstlerische Freiheiten. Letztlich muss eine Filmbiografie aber Schwerpunkte setzen, insbesondere wenn es sich um ein so bewegtes und kontroverses Leben wie das von Ray Charles handelt. Da der Film mehr oder weniger in den frühen 1960er-Jahren abbricht, blendet er zahlreiche Wegmarken und Brüche in dessen Biografie aus. Gegen Ende erhält er eine Wendung, die an die klebrige Süße eines Disney-Films erinnert und mit der Realität wenig gemein hat. So handelt es sich bei „Ray“ um die Aufarbeitung einer Erfolgsstory im amerikanischen Stil. Sie zeigt den Underdog, der seiner Intuition folgt, Durchhaltevermögen zeigt mit seiner Kunst ein Millionenpublikum begeistert, sein Drogenproblem meistert und schließlich seine Ehe in den Griff zu bekommen scheint. Dabei kann der Film bestenfalls den Appetit anregen und kaum ein bewegtes Leben erschöpfend zur Schau stellen. Dieses wichtige Etappenziel erreicht „Ray“ und entlässt den Zuschauer mit dem drängenden Wunsch, das musikalische Erbe von Ray Charles neu zu entdecken.
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