Der Wald vor lauter Bäumen

Drama | Deutschland 2003 | 84 Minuten

Regie: Maren Ade

Eine unscheinbare Frau aus der schwäbischen Provinz tritt voller Hoffnung ihre erste Stelle als Lehrerin in der Großstadt Karlsruhe an, scheitert aber in jeder Beziehung, weil sie einsam und unfähig für die Erfordernisse des Lebens ist. Der in der Hauptrolle bravourös gespielte Film verweist auf ein wichtiges soziales Phänomen und überzeugt als Zustandsbeschreibung einer jungen Frau, die sich verzweifelt um einen Platz im Leben bemüht. Schrittweise enthüllt sich die zunächst skurrile, zunehmend beklemmende Tragödie hinter der unauffälligen Fassade einer Außenseiterin, die vereinsamt und kranke Seiten entwickelt. - Ab 14 möglich.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2003
Produktionsfirma
Komplizen Film/Kaufmann-Wöbke/SWR/HFF München
Regie
Maren Ade
Buch
Maren Ade
Kamera
Nikolai von Graevenitz
Musik
Ina Siefert · Nellis Du Biel
Schnitt
Heike Parplies
Darsteller
Eva Löbau (Melanie Pröschle) · Daniela Holtz (Tina Schaffner) · Jan Neumann (Thorsten Rehm) · Ilona Christina Schulz (Frau Sussmann) · Robert Schupp (Tobias)
Länge
84 Minuten
Kinostart
27.01.2005
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14 möglich.
Genre
Drama
Externe Links
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Diskussion
So unscheinbar wie sie aussieht, so schüchtern wie sie sich bewegt und so ungeholfen wie sie schwäbelt, weiß man sofort: Aus dieser jungen Frau kann nichts werden. Da hilft auch der Optimismus wenig, den sie an den Tag legt, als sie sich daran macht, ihr Leben neu zu beginnen. In einer fremden Stadt, fern der Eltern, fern vom Ex-Freund. Mit ihrem ersten Anstellungsvertrag nach dem Studium kommt Melanie Pröschle aus der schwäbischen Provinz in der großen Stadt Karlsruhe an. Sie sieht noch immer wie eine Studentin aus, die nicht auffallen will, und verwendet viel Zeit darauf, ihre Wohnung bis ins Detail so einzurichten, dass alles harmonisch wirkt, sogar die Farbe der Blumentöpfe. Den Nachbarn in dem anonymen Mietshaus bietet sie zum Einstand einen selbstgebrann-ten Schnaps an, aber das hilft auch nichts. Niemand interessiert sich für sie, obwohl sie doch so nett und freundlich ist. Die Kollegen an der Schule stehen der Neuen zwar wohlwollend gegenüber, aber das legt sich, als sie freudestrahlend „frischen Wind“ und neue pädagogische Konzepte ankündigt. Nur ein versponnener Außenseiter geht auf sie ein, wahrscheinlich, weil er genauso einsam ist oder sich in Melanie verliebt hat. Auch die Schüler merken schnell, wie sie die neue Lehrerin für ihre Zwecke instrumentalisieren können. Als Zustandsbeschreibung einer jungen Frau, die sich verzweifelt bemüht, im Leben einen Platz zu finden, ist der Abschlussfilm der Münchner HFF-Absolventin Maren Ade durchaus gelungen. Die 1976 geborene Regisseurin schafft es durch ihre spröde Inszenierung, dass man von der jungen Lehrerin nach einer halben Stunde genauso genervt ist wie die Filmfiguren. Genau das aber ist das Problem: Der Film ist von Anfang an berechenbar; nie passiert etwas Unerwartetes. Als die junge Lehrerin versucht, sich mit einer ihrer Nachbarinnen anzufreunden, braucht man kein Hellseher zu sein, um zu ahnen, dass das nicht gut gehen kann. Wie soll es auch, wenn die Lehrerin immer scheinbar zufällig bei ihr läutet, nachdem sie vorher durchs Fenster gesehen hat, dass die Nachbarin zu Hause ist. Diese lässt sich wohl nur deshalb unscheinbare Lehrerin ein, weil sie höflich ist und eigentlich nichts zu verlieren hat. Spätestens als die Lehrerin als ungebetener Gast auf ihrer Party herumsteht, spürt sie, dass es wohl nichts werden wird. So ist es kein Wunder, dass Melanie überall aneckt, bei den Schülern, die sie nicht für voll nehmen, bei den Eltern, die sich über die schlechten Zensuren ihrer Sprösslinge beklagen, bei den Lehrern, die sie mit ihren neuen Ideen als realitätsfern einstufen und auch bei der Nachbarin, weil sie sich zu krampfhaft bemüht, in einen Kreis einzubrechen, zu dem sie nicht passt. Selbst die Begeisterung des Kollegen nimmt ab. Melanie ist ein tragischer Fall, für den keine Lösung in Sicht ist. Der Film legt die wenigen Figuren viel zu stereotyp an, alles konzentriert sich auf Melanie, die zwar sehr überzeugend von Eva Löbau verkörpert wird, vor allem wenn sie die Augen niederschlägt und sich verlegen gibt, aber eine Figur ohne jede Entwicklung bleibt. Denn die Hilfe, die ihr andere anbieten, lehnt sie ab, weil sie „den Wald vor lauter Bäumen“, sprich ihre Fehler, nicht sieht. Dass ihre wahren Probleme nicht in der Schule liegen, sondern in ihrer Einsamkeit und ihrer Unfähigkeit, das Leben zu meistern, erkennt sie nicht. Lieber lügt sie sich selbst etwas vor. Doch wie soll man als Zuschauer mit einer solchen Frau mitleiden? Da wäre es ehrlicher gewesen, wenn Maren Ade einen Dokumentarfilm gedreht hätte. So bleibt „Der Wald vor lauter Bäumen“ ein eher hilfloser Versuch, auf ein trauriges Stück deutscher Realität aufmerksam zu machen. Der Film zeigt zwar ein wichtiges soziales Problem auf, begnügt sich aber mit Sentimentalitäten, wo etwas mehr Tiefe oder weiterführende Ideen gefordert worden wären.
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