El Custodio - Der Leibwächter

Drama | Argentinien/Deutschland/Frankreich/Uruguay 2006 | 93 Minuten

Regie: Rodrigo Moreno

Der Erstlingsfilm beschreibt den gleichförmig-zermürbenden Alltag eines Leibwächters, der das Leben eines argentinischen Ministers zu schützen hat. Dabei konzentriert er sich auf die Perspektive eines ständig Wartenden, dessen Leben mit einem Menschen verknüpft ist, der sich längst im politischen Leerlauf und festgelegten Rollenspielen arrangiert hat. Dabei baut die getragen erzählte Geschichte über Einsamkeit und die Monotonie des Lebens zugleich eine latente Spannung auf. Ein Paradebeispiel für die neue Generation argentinischer Filmemacher, die einen distanzierten Existenzialismus einfordert und einen neuen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit wagt. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
EL CUSTODIO
Produktionsland
Argentinien/Deutschland/Frankreich/Uruguay
Produktionsjahr
2006
Produktionsfirma
Rizoma Films/Pandora-Film/Charivari Film
Regie
Rodrigo Moreno
Buch
Rodrigo Moreno
Kamera
Barbara Alvarez
Musik
Juan Federico Jusid
Schnitt
Nicolás Goldbart
Darsteller
Julio Chávez (Rubén, der Schatten) · Osmar Núñez (Minister Artemio) · Marcelo D'Andrea (Andrea) · Elvira Onetto (Delia) · Cristina Villamor (Beatriz)
Länge
93 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
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Heimkino

Verleih DVD
Real Fiction (16:9, 1.78:1, DD2.0 span.)
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Diskussion
Rubén ist Leibwächter. Er bewacht den Minister: Schritt für Schritt, rund um die Uhr. Will der Minister auf die Toilette, muss Rubén vorher die Räume durchsuchen; isst der Minister einen Hamburger, bewacht er vom Auto aus den Schnellimbiss. „Der Minister wird noch einige Stunden länger brauchen!“, teilt eine der vielen anonymen Sekretärinnen dem Leibwächter kurz mit. Und Rubén wartet und wartet, bis es weitergeht – zum nächsten Treffen. Er kontrolliert jeden Schritt des Ministers, aber der Minister weiss nur vage, wer Rubén ist. Es könnte etwas passieren, auch wenn nie etwas passiert – die Sicherheit als Teil der Repräsentation von Macht, verkörpert durch die Männer im schwarzen Anzug und ihren bis ins kleinste Detail organisierten Arbeitsalltag. „El Custodio“, der erste Film des argentinischen Regisseurs Rodrigo Moreno, zeigt die Welt der Politik aus der Perspektive eines professionellen, unauffälligen Sicherheitsbeamten; und dieser argentinische Bodyguard muss ohne große Actionszenen, ohne die demonstrative Wichtigkeit, die seinen Kollegen im Hollywood-Kino verliehen wird, auskommen. Rubéns Alltag wird gezeichnet als angespannte Monotonie einer Security-Routine, die gerade durch diese quälende Gleichförmigkeit implodieren wird. Lakonisch, fast kafkaesk und ohne bitteren Sarkasmus werden die Rituale der herrschenden Kaste ad absurdum geführt – der argentinischen Politiker, die in den Zeiten der großen Wirtschaftskrise mehr verachtet als verhasst waren; das Ganze ist aber auch übertragbar auf Machthaber generell. Eine eigenwillige Mischung aus globalen Gemeinsamkeiten und der lokalen Besonderheit macht den eigentümlichen Reiz dieses ungewöhnlichen Debüts aus. Es zeigt den Alltag des Ministers als Anhäufung sinn- und zusammenhangsloser Treffen, eigenartiger Sicherheitsvorkehrungen, hinter denen letztlich eine große Leere steht. Es scheint gleichgültig, welcher politischen Partei oder Richtung der Minister angehört – alles ist ein hierarchisch genau abgezirkeltes Rollenspiel: regieren, repräsentieren, funktionieren. „El Custodio“ ist auch ein Film über die Einsamkeit: die Einsamkeit des Leibwächters, die des Ministers inmitten einer immer wiederkehrenden hektischen Betriebsamkeit, vermittelt über eine distanzierte Bildgestaltung, eine blau-graue, fast eiskalte Farbgebung. Vor den Augen des Zuschauers entwickelt sich Rubéns Leben in den immer gleichen Abläufen. Auch sein Privatleben hat wenig Spektakuläres: der Besuch einer Prostituierten, Familientreffen, einige wenige Freunde – auch das Private ist der Routine unterworfen. Unbewusst schlingert Rubén aus diesem existenzialistischen Konformismus in die Krise. Er liebt seine Arbeit, die Aura der Macht, steuert aber fast beiläufig in seiner Einsamkeit, seinem Alltag auf das (selbst-)zerstörerische Ende hin – ausgerechnet dann, wenn sich der Film zum ersten Mal dem Horizont öffnet, mit dem Blick aus dem Hotelfenster in Mar del Plata hinaus auf den Atlantik. „El Custodio“ vermittelt jenen distanzierten Existenzialismus, der die Arbeiten der neuen Generation argentinischer Filmemacher (Lucrecia Martel, Martin Rejtman oder Pablo Trapero) auszeichnet. Filme, die den Alltag neu fokussieren und umso stärker beeindrucken, wenn sie mit klaren politischen Bezügen arbeiten, dies in knappem, mitunter lakonisch poetischem Duktus. So entsteht ein ganz eigenes Universum jenseits gängiger politischer und sozialer Stereotypen. Der Blick auf den Selbstbezug der Macht zeigt ein Sicherheitssystem, das die Bedrohung von außen behauptet, in Wahrheit aber aus sich selbst heraus zerstört wird.
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